Guaraní in Paraguay: Neue Hoffnung im verlorenen Paradies

250 Jahre nach der Vertreibung der Jesuiten leben die Nachfahren der damaligen Guaraní-Indianer in schockierender Armut. Die Misión Guaraní lässt die Ideale der alten Jesuitenreduktionen wiederaufleben – unter neuen Vorzeichen: in Form einer "Eco-Aldea Escuela", einer Schule für ein ökologisches Dorf.

Das Erbe des „verlorenen Paradieses“

Im Jahr 1604 wurde die Jesuitenprovinz Paraguay gegründet, die ein riesiges Gebiet umfasste, in dem damals 30 sogenannte Reduktionen entstanden. Im Laufe der Zeit galten sie je nach Blickwinkel auch als Jesuitenstaat, Heiliges Experiment, christlich-kommunistische Republik, verlorenes Paradies oder Land ohne Übel und beflügelten die Phantasie von Schriftstellern, Philosophen und Theologen. 250 Jahre nach Vertreibung der Jesuiten leben die Nachfahren der Guaraní-Indianer in schockierender Armut. Mit Bildungsprojekten, dem Aufbau nachhaltiger Landwirtschaft, Maßnahmen für bessere Gesundheit und Ernährung, Workshops in Kunst und Musik, dem Bau von ökologischen Gemeinschaftshäusern und der Gründung von Kooperativen versuchen die Jesuiten jetzt, die Lage der Menschen in den Dörfern von Itapúa nachhaltig zu verändern.

Leben und Arbeiten auf einer Müllkippe

Zwar ist Guaraní seit der Verfassung von 1992 in Paraguay neben Spanisch zweite Amtssprache und mehr als 80 Prozent der Bevölkerung hat Guaraní-Kenntnisse. Aber für die wenigsten ist es ihre Muttersprache. Von den insgesamt 6,7 Millionen Einwohnern gehören knapp 85.000 zu den indigenen Gruppen. Es gibt heute also deutlich weniger Guaraní-Indianer als vor 250 Jahren allein in den Jesuitenreduktionen gelebt haben. Und ihre Lebensbedingungen haben sich im Vergleich zu früher auch nicht wesentlich verbessert.
Ein Besuch im Dorf Ñu Poty nahe der ehemaligen Reduktion Trinidad: Ñu Poty bedeutet übersetzt blühendes Land. Der Guaraní-Name für das Dorf ist entweder ein Tribut an die Vergangenheit oder eine zynische Irreführung: 22 indigene Familien leben hier in direkter Nachbarschaft einer stinkenden Müllhalde in zusammengezimmerten Hütten aus Holz und Plastikplanen. Einige der Dorfbewohner arbeiten auf der Müllhalde. Sie durchsuchen den Abfall nach verwertbaren Dingen, die sie verkaufen können. Das Einkommen ist spärlich und das Leben ärmlich.
„Hier im Departement Itapúa gibt es 40 indigene Dörfer“, sagt Pater Ricardo Jacquet. „Nur für die Hälfte gibt es eine Schule und auch die Gesundheitsversorgung ist nur über eine mobile Ambulanz gegeben, die zweimal im Jahr vorbeikommt. Die Böden in den Dörfern sind ausgelaugt und bringen nur noch wenig Ertrag. Das fruchtbare Land haben viele Kaziken, die Chefs der Dorfgemeinschaften, an ausländische Firmen für den großflächigen Anbau von Monokulturen wie Soja verpachtet. Das Geld landet in den Privattaschen der Vermittler und offiziellen Vertreter der Indígenas, die in den Städten leben. In den Dörfern dagegen ist die Situation alarmierend: mangelernährte Kinder, die an Rachitis leiden und greisenhafte Gesichter haben. Auch Armutskrankheiten wie Tuberkulose und sogar Lepra, die man besiegt glaubte, lassen sich hier finden."

Wiederbelebung einer reichen Kultur mit tiefer Lebensphilosophie, Naturverbundenheit und Spiritualität

Pater Ricardo unterrichtet an der katholischen Universität Itapúa. Gemeinsam mit verschiedenen Fakultäten der Universität hat der Jesuit, unterstützt vom Orden und vom Bistum, vor zwei Jahren ein ehrgeiziges Projekt gestartet: die Misión Guaraní. Es geht darum, die Idee der alten Reduktionen unter neuen Vorzeichen wieder aufleben zu lassen. Und zwar in Form einer „Eco-Aldea Escuela“, einer Schule für ein ökologisches Dorf. Was ist damit gemeint? „Das Drama indigener Armut ist nicht nur ein Mangel an Geld und Bildung, sondern ein tiefes Gefühl der Entfremdung“, holt Pater
Ricardo aus. „Die Guaraní haben eine reiche Kultur mit tiefer Lebensphilosophie, Naturverbundenheit und Spiritualität, die aber in der paraguayischen Mehrheitsbevölkerung keinen Ort hat. Die Indígenas wurden immer an die Nicht-Orte gedrängt, noch heute finden Sie im Stadtbild die Indígenas nicht in Restaurants, Cafés, Geschäften oder Büros, sondern nur an
Straßenecken, auf Marktplätzen und Gehwegen, den flüchtigen Blicken der Gleichgültigkeit und Verachtung ausgesetzt. Mit unserem Projekt wollen wir von der ökologischen Pädagogik der Guaraní ausgehen und ihre kulturellen, spirituellen und künstlerischen Ausdrucksformen wiederbeleben.“

Projekt X31171 Guaraní

Land:
Paraguay

Partner:
Pater Ricardo Jacquet

Zielgruppe:
Indigene Bevölkerung in Itapúa

Themenbereiche:
Bildung, Landwirtschaft, Kultur, Ökologie, Gesundheit 

Kontext:
Wiederbelebung der ökologischen Guaraní-Pädagogik und und ihrer kulturellen und spirituellen Ausdrucksformen

Ihre Unterstüzung für Sonidos:

  •  80.000 Euro Kosten pro Jahr umfasst die Arbeit in den Dörfern
  • 70 Euro pro Jahr kostet das Projekt umgerechnet auf einen Dorfbewohner