Gott am Rande der Teegärten

Im kleinen, verschlafenen Maheshpur, tief im Osten Nepals, nur wenige Kilometer entfernt von den Grenzen zu Indien und Bangladesh, wurde am 21. Januar die größte katholische Kirche des Landes eingeweiht.

Das Bomben begann im Jahr 2009. Das Parlament in Kathmandu hatte den Weg freigemacht für eine säkulare Verfassung, der Hinduismus sollte nicht mehr Staatsreligion sein und jeder Bürger ab sofort selbst über seinen Glauben bestimmen dürfen. Doch diese Entscheidung sollte die zwei Millionen Christen des 27,8-Millionen-Einwohner-Landes in tiefe Unsicherheit stürzen. Am 23. Mai 2009 explodierte eine Bombe in der Kathedrale in Kathmandu. Zwei Menschen starben. Es folgten mehrere Anschläge auf protestantische Kirchen und auch Moscheen mit Toten und Schwerverletzten. Die Urheber: Hindu-Fanatiker. „Diese Gruppen werden in Indien trainiert und einer Gehirnwäsche unterzogen“, erklärt Father Paul Kizhakekala SJ, der Gemeindepfarrer von Maheshpur. Denn beim großen Nachbarn im Süden hat sich die Lage für Christen und Muslime unter der Regierung von Ministerpräsident Modi verschärft: Neben Drohungen, den „Cow Slaughter Act“ –ein Gesetz, mit dem einige Bundesstaaten Minderheiten verbieten, die den Hindus heilige Kühe zu schlachten –  auf Bundesebene auszuweiten, wurde ein Nährboden für extremistische Gruppierungen geschaffen, deren Einfluss auch ins ohnehin politisch instabile Nepal reicht.

Gefahr also für die neue Jesuitenkirche in Maheshpur? Für die Kommunität nebenan, in der vier Patres und Brüder wohnen und arbeiten? Gefahr für die Moran Memorial School, in der die Jesuiten 550 Schülerinnen und Schüler zwischen Kindergartenalter und 10. Klasse ausbilden?

Leben zwischen Teesträuchern und zivilisatorischem Minimum

Nein. „Wir haben vor der Einweihung gebetet“, sagt Brother Clarence. Ganz ohne Augenzwinkern. Und, nicht minder wichtig: „Wir haben gute Nachbarn.“ Clarence arbeitet als Englisch-Lehrer an der Moran Memorial School. Die guten nachbarschaftlichen Beziehungen mit der Landbevölkerung sind jedoch nicht nur im friedlichen Charakter der Menschen und dörflicher Solidarität begründet, sondern vor allem darin, wie sich die Jesuiten und die Gemeinde der hinduistischen Mehrheit gegenüber verhalten, was sie für die Leute tun und eben nicht tun. „Niemand wird offensiv bekehrt“, sagt Father Paul, im Gegenteil: „Wir helfen den Menschen, bessere Hindus zu sein.“

Und sie verhelfen ihnen auch im Diesseits zu einem besseren Leben.

Gleich hinter dem Faber-Haus, wo die Jesuiten leben, erstrecken sich riesige Tee-Gärten. Malerische Flächen, deren sattes Grün sich am Abend in der Dämmerung auflöst, um 12 Stunden später wieder aus dem Morgennebel zu steigen. Die Menschen, die dort zu Hause sind, haben aber den romantischen Blick auf ihre Heimat verloren.  Am Rande der Felder krümmen sich ärmliche, strohgedeckte Hütten. An den kalten Winterabenden zwischen Dezember und Februar glimmen davor offene Feuer. Kühe, Schweine und Ziegen konkurrieren auf staubigen Wegen um Nahrung. Ihre Besitzer haben es besser als jene, die sich nur durchs Teepflücken verdingen. Der Verdienst der Menschen liegt bei 2, 3 Dollar am Tag. Leben, Arbeiten, Kindergroßziehen zwischen Teesträuchern und zivilisatorischem Minimum.

Christsein als Chance in der Kastengesellschaft 

Hoffnung spenden vielen die Jesuiten nebenan. Mit ihrer Schule, die den Kindern der Teepflücker dank guter und teils englischsprachiger Ausbildung die Chance auf eine bessere Zukunft verheißt. Und auch durch ihren Glauben. Es muss keiner aktiv bekehrt werden. Die Möglichkeit, Gleicher unter Gleichen zu werden, macht das Christsein attraktiv für Menschen, die in einer Kastengesellschaft ohne jede Aufstiegschance stigmatisiert und marginalisiert leben müssen.

Am Morgen der Einweihung der Kirche ziehen sich bunte Fäden entlang der Teegärten in Richtung Jesuitenkommunität. Frauen in leuchtenden Saris, mit Bindis auf der Stirn, Kinder in Schuluniformen, Männer in festlichen weißen Hemden, alte Menschen, Babys und Kleinkinder in den Armen ihrer Eltern. Die meisten dick eingepackt gegen die Morgenkälte in Schals und Imitate westlicher Outdoorklamotten. Die Gemeinde der neuen Kirche erstreckt sich über ein riesiges Gebiet: „bis zu 45 Kilometer in verschiedene Richtungen“, erklärt Father Paul. Bruder Clarence: „Wir haben einige unserer Außenposten gebeten, heute nicht zu kommen, sondern erst später.“ Die größte Kirche Nepals in dieser entlegenen Gegend würde sonst aus allen Nähten platzen. 1000 Kissen wurden auf dem Boden drapiert, vorne sitzen die Kinder, viele teilen sich eins. Weiter hinten auf Plastikstühlen die Älteren.

Der Bischof predigt auf Nepali und in lokalen Dialekten

Etwa 2000 Menschen werden es sein, noch vor dem Haupteingang, der im Obergeschoss über Treppen zu erreichen ist, drängen sie sich. Es ist ein denkwürdiger Tag: Nepals Bischof Paul Simik ist aus Kathmandu angereist, ebenso Pater Boniface Tigga SJ, Nepals Jesuitensuperior. Dazu wohl auch fast jeder Jesuit des Landes, darunter Pater Victor Beck SJ, der die Mission vor 15 Jahren gegründet hat, quasi auf der grünen Wiese. Der englische Architekt der Kirche, David Potter, seit den Achtzigerjahren in Nepal ansässig, ist da. Auch John Peet, ebenfalls Engländer und Trustee der Öko-NGO „Ikudol Forest Trust“: „ein Freund der Jesuiten“, wie er sagt, der die Glocke auf dem Kirchdach gesponsert hat. Sie trägt den Namen seines Vaters William Peet, eines ehemaligen in Indien tätigen Eisenbahn-Ingenieurs. 

Die Messe indes ist für die Briten, ebenso wenig für die Delegation der Jesuitenmission Deutschland mit Leiter Pater Klaus Väthröder SJ, kaum verständlich. Abgesehen von einigen englischsprachigen Elementen predigt Bischof Paul Simik auf Nepali und in lokalen Dialekten. Genauso wird gesungen. Und obwohl das Ganze über zwei Stunden dauert, sind wohl vor allem die Ausländer fasziniert: von der Musik des Chores und des Mandolinen-Spielers, den anmutigen Tänzerinnen, von der riesigen Zahl an Kindern, die die ganze Zeit so konzentriert bei der Sache sind, von den Jungen und Mädchen vor allem, die in feierlicher Stimmung und herausgeputzt ihre Erstkommunion empfangen, und ganz allgemein vom tiefen Glauben der nepalesischen Katholiken, die keine Mühe gescheut haben, diesen Tag mitzuerleben.

Auch die Polizei ist vor Ort und danach zum Festmahl mit Reis, Currys und dem nepalesischen Linsen-Klassiker Dhal eingeladen. Zum Aufpassen, dass nichts passiert? Vielleicht. Vor allem aber wohl, um der Gemeinde und den Jesuiten an diesem denkwürdigen Tag Respekt zu zollen. 

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