Flüchtlinge im Nordirak

Im Irak und auch in Syrien sind Hunderttausende vor der Terrormiliz „Islamischer Staat“ geflohen. Der Flüchtlings­dienst der Jesuiten (JRS) arbeitet seit 2008 mit irakischen Flüchtlingen. Seit Ausbruch des Bürgerkrieges in Syrien hat er die Hilfs­maß­nahmen in der Region deutlich ausgeweitet.

Containerschule in Ozal

Unsere Mitarbeiterin Judith Behnen hat Ende Februar 2016 die Projekte des Jesuiten-Flüchtlingsdienstes (JRS) im Nordirak besucht.

Ich stehe am Ende einer Sackgasse in Ozal, einem Neubaugebiet am Rande der kurdischen Provinzhauptstadt Erbil. Vor meinem inneren Auge taucht das Bild auf, wie es hier bei meinem letzten Besuch im Januar 2015 aussah: Eine Zeltkirche und daneben nur leeres, lehmiges Land. Jetzt, Ende Februar 2016, fällt mein Blick als erstes auf den hoch umzäunten Sportplatz. Auf dem Kunstrasen in sattem Grün übt ein Lehrer mit einer Klasse Volleyball-Schläge. Rechts vom Sportplatz stehen in Container-Bauweise eine große Halle für Versammlungen und mehrere Räume für Computerunterricht und Nähklassen. Die beiden Einfamilienhäuser am Ende der Straße sind vom Flüchtlingsdienst der Jesuiten (JRS) angemietet worden. Hier sind die Kindergartengruppen, die Küche für Kochkurse, der Salon für Friseur- und Kosmetikkurse, Besprechungsräume für die Psychologin und Familienbesuch-Teams sowie Büroräume untergebracht. Links vom Sportplatz gehen wir durch ein Tor zur Containerschule. Auf einem fest gegossenen Betonfundament stehen die einzelnen Klassenräume, Lehrerzimmer und Toiletten. Die Wege zwischen den Containern sind überdacht und ebenfalls betoniert. Denn der Boden hier ist so lehmig, dass nach jedem Regen hartnäckige Schlammbrocken an den Schuhen hängen bleiben.

Kontakt zu Familien

In der Containerschule werden sowohl Grundschüler als auch Sekundarschüler unterrichtet, erklärt mir Bruder Wissam Marzeena, der Leiter des JRS-Projektes in Ozal. Er gehört einer lokalen Ordensgemeinschaft an, die mit drei Mitgliedern direkt in der Nachbarschaft lebt und sich gemeinsam mit den ebenfalls nach Ozal gezogenen Dominikanerinnen auch um die Seelsorge in der vom JRS gebauten Containerkirche kümmert, die hinter der Containerschule steht. Bruder Wissam ist im Sommer 2014 wie fast alle JRS-Mitarbeiter selbst vor der Terrormiliz IS nach Erbil geflohen. Über die Familienbesuch-Teams haben sie guten Kontakt zu den Familien der Schülerinnen und Schüler aufgebaut. 

Kompliziertes Schulsystem

Das Schulsystem ist etwas kompliziert, aber nach einigen Rückfragen fange ich an, es zu verstehen: Die lokale Regierung in Erbil hat für die Flüchtlingskinder im Grundschulalter staatlichen Schulunterricht organisiert. Die Kinder werden nicht in die bereits bestehenden Schulen integriert, sondern es ist ein Sonderunterricht nur für Flüchtlinge. Die Qualität ist jedoch sehr schlecht, meistens sind mehr als 60 Kinder in einer Klasse und der Unterricht findet nur an drei Tagen in der Woche statt – für eine Hälfte am Sonntag, Dienstag und Donnerstag; für die andere Hälfte am Samstag, Montag und Mittwoch. Freitag ist im Irak der wöchentliche Feier- und Ruhetag. Der JRS hat in der Containerschule für die Grundschüler ergänzenden Unterricht an den Tagen organisiert, an denen die Kinder nicht in die staatlichen Schulen gehen. Für insgesamt 470 Jungen und Mädchen gibt es hier an sechs Tagen die Woche von 9-12 Uhr Unterricht in Arabisch, Kurdisch und Mathematik. Zusätzlich gibt es Klassen in Sport, Kunst und Theater.

Lebhafte Schüler

Wir besuchen einige Grundschulklassen. Die Atmosphäre in den Klassen ist sehr gut. Es ist sofort zu spüren, dass sich die Kinder hier wohl fühlen und den Lehrerinnen und Lehrern vertrauen. Auf meine Fragen antworten sie lebhaft und ohne Scheu. „Uns gefällt die Schule hier viel besser als der staatliche Unterricht“, erklärt Sarab, „hier können wir nachfragen und lernen mehr.“ Mariam ergänzt: „Die Klassen dauern hier länger, nicht nur eine halbe Stunde. Und die Lehrer sind gut und beantworten unsere Fragen.“ Abdullah meldet sich und meint: „Hier machen wir auch gemeinsam Sachen in der Gruppe, das macht Spaß!“ Das Ziel des JRS ist es, keinen Parallelunterricht zum staatlichen System aufzubauen, sondern die Kinder mit zusätzlichem Unterricht so zu fördern und zu begleiten, dass sie Defizite des staatlichen Systems ausgleichen können und ihre Zukunftschancen nicht verbaut werden.

Träume für die Zukunft

Der Unterricht für die Sekundarschüler ist anders organisiert, da es hier kein ausreichendes staatliches Angebot gibt. Die Sekundarschüler gehen von sonntags bis donnerstags jeden Tag in die JRS-Containerschule. Die Fächer auf dem Stundenplan sind Chemie, Physik, Mathematik, Arabisch und Englisch. Entsprechend der irakischen Kultur werden die älteren Mädchen und Jungen auch in der Containerschule getrennt unterrichtet: Die Klassen für 160 Jungen finden morgens von 9-12 Uhr statt, die 140 Mädchen kommen nachmittags von 14-17 Uhr. Genau wie die Grundschüler folgen auch die Älteren mit Eifer dem Unterricht. Sie alle wollen lernen. Ich frage sie nach ihren Träumen für die Zukunft: Ingenieur, Lehrer, Ärztin, Rechtsanwältin wollen viele werden.

Gespräche über Europa

Am Nachmittag finden in der Containerschule auch Kurdisch- und Englischklassen für erwachsene Flüchtlinge statt. Beim Besuch der Klassen entwickeln sich interessante Gespräche über die Situation für Flüchtlinge in Europa und ihre Lage hier in Kurdistan. Für die meisten steht fest: Sobald es möglich ist und die Terrormiliz IS besiegt, wollen sie zurück in ihre Heimatorte. Sie sehen ihre Zukunft nicht in der autonomen Region Kurdistan. Denn für die Flüchtlinge, die kein oder nur wenig Kurdisch sprechen, ist es sehr schwierig, hier Arbeit zu finden. Die JRS-Projekte in Ozal sind zu einem Ankerpunkt in ihrem Leben geworden. Die Familienbesuch-Teams des JRS begleiten christliche, muslimische und jesidische Flüchtlinge und auch die Containerschule steht allen offen – genauso wie der Kindergarten und die Computer-, Sprach-, Näh-, Koch- und Friseurkurse für Erwachsene, die ich am Nachmittag besuche. Für die christlichen Flüchtlingsfamilien in Ozal ist es wichtig, ihren Glauben gemeinsam zu feiern und die tägliche Messe um 16 Uhr in der Containerkirche ist gut besucht.

Platz zum Atmen

Ein Tag in den JRS-Projekten in Ozal geht zu Ende und ich bin beeindruckt von den verschiedenen Facetten. Über die Familienbesuche habe ich einen Einblick in die beengte Wohn- und Lebenssituation der Flüchtlinge bekommen. Im Vergleich dazu bietet das JRS-Zentrum in Ozal mit den Containern und gemieteten Wohnhäusern Platz zum Atmen und Leben. Und das brauchen die Kinder und Erwachsenen, um die Hoffnung auf eine bessere Zukunft nicht zu verlieren.

Judith Behnen

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