So viele offene Fragen – und trotzdem voller Zuversicht

Corona und die Maßnahmen gegen die Ausbreitung der Pandemie stellen die Kenianer auf eine harte Probe. In „The Nest“ – einem Heim für Kinder, deren Mütter inhaftiert sind, aber „überwiegen das Gute, die Dankbarkeit und die Hoffnung“, schreibt Leiterin Irene Baumgartner in ihrem Rundbrief. Dennoch arbeitet das „The Nest“-Team, vor allem die Haumütter, seit Monaten am Limit. Um der Platznot beizukommen, benötigt die Einrichtung  in Nairobi zudem dringend neue Räume.

Die letzten Monate sind so schnell dahingeflossen, ein Tag ist wie der andere, es gibt keinen Sonntag mit Sonntagsgottesdienst mehr... Alle Energie richtet sich danach aus, wie der jeweilige Tag und seine Anforderungen zu bewältigen sind. Die letzten Monate waren ein einziger Lernprozess, ein ständiges Experimentieren und Herausfinden, was funktionieren könnte und was nicht. Da ist jedoch auch der Strohhalm, an den wir uns klammern und die einzige Konstante in diesem Jahr: unsere Spender, unsere Freunde und Mut-Macher!

Hoffnung – trotz Hunger und Gewalt

Unsere Kinder und die Angestellten blieben von ernsthaften Krankheiten und Unfällen verschont, wir mussten niemanden entlassen, und wir konnten unsere Feeding-Programme für unsere „Ehemaligen“ sogar noch ausbauen! Besonders am Land und besonders die älteren Leute leiden Hunger. Viele Schulen sind weiter geschlossen, also gibt es auch keine Schulspeisung. Oftmals „müssen“ sich junge Mädchen prostituieren, die Zahl sexueller Übergriffe ist enorm gestiegen. Unser Hilfsprogramm zielt nicht nur auf Nahrungsmittelverteilung ab, sondern will ermutigen und Zuversicht aufbauen. Mit anderen Worten: Wir geben genau das weiter, was ihr, die Freunde und Spender, uns gebt: Hoffnung, Zuversicht! 

Auch unsere lokalen Spender sind uns treu geblieben, obwohl wir sie nicht mehr als Besucher empfangen dürfen. Von ihnen erhalten wir ab und zu Gemüse und Obst, Mais und Zucker und gebrauchte Kleider. Unseren Spendern daheim können wir nicht genug danken für ihre Großzügigkeit und dafür, dass sie uns noch nie im Stich gelassen haben. Wir wissen, dass dies für alle eine schwere Zeit ist – wir können nur „Vergelt‘s Gott“ sagen. Auch den Sternsingern, die sich 2021 neu erfinden mussten und mit viel Kreativität und Einsatz am Werkeln sind, möchten wir ganz besonders danken! Wie ihr seht, überwiegen bei uns das Gute, die Dankbarkeit und die Hoffnung.

Verantwortung in der Krise

Das heißt nicht, dass wir ganz ohne Probleme in den Tag hineinleben. So viele Fragen…

Manchmal meint man, die Antwort gefunden zu haben, und dann ändert sich doch wieder alles. Hier ein paar Beispiele: Wie sollen unsere Hausmütter es schaffen, zehn und mehr Kinder, die Homeschooling machen, gleichzeitig zu betreuen? Wie ist das Risiko einzuschätzen, wenn wir unsere Großen zur Schule schicken? Der Unterricht für die Abschlussklassen wurde im Oktober wieder aufgenommen. Können wir es verantworten, dass die Sozialarbeiter weiterhin Hausbesuche machen und in die Dörfer fahren? Wie sollen wir vorgehen, wenn ein Kind oder eine Mutter aus dem Krankenhaus, der Polizeistation oder dem Gefängnis an uns überwiesen wird? Wer von den Angestellten ist überhaupt willens, die Betreuung während der Quarantäne zu übernehmen? Sollen die ganz Kleinen, die Neugeborenen, vor der Aufnahme auch getestet werden?  Die Gefängnisse sind für Besucher geschlossen, auch für unsere Sozialarbeiter. Die Kinder dürfen ihre Mütter nicht mehr sehen, im Einzelfall kann man nicht sagen, wer mehr darunter leidet: die Kinder oder die Mütter. Wenn es gut geht, können wir auf unsere Bitten hin wenigstens Fotos an einzelne Justizbeamte schicken.

Zeit, Energie und Fingerspitzengefühl

War unsere Arbeit schon vor der Pandemie sehr anspruchsvoll, so ist jetzt oft purer Stress angesagt. Manchmal müssen auch Kompromisse geschlossen werden. Zum Beispiel, wenn es um Adoption geht: Vor der Pandemie gaben wir den zukünftigen Eltern und Kindern Tage, manchmal Wochen, um sich kennenzulernen und Vertrauen aufzubauen. Nun wird ein Baby oder Kleinkind schon nach einem gemeinsamen Tag „übergeben“. Es sind ja keine Besucher im Heim erlaubt, das Kind hatte Kontakt nach außen und kann nicht in das Babyzimmer zurückkehren. Eine traumatische Erfahrung für das Kind, den Hausmüttern und uns blutet das Herz. Auch für unsere Angestellten ist die Situation nicht leicht zu ertragen. Einerseits gehören sie zu den Glücklichen, die ihren Job nicht verloren haben. Andererseits muss dafür von den Hausmüttern ein hoher Preis gezahlt werden: Sie sind diejenigen, die immer „zu Hause“ bleiben müssen. Etliche Mitarbeiter haben uns verlassen und sich aufs Land zu den Eltern und Großeltern zurückgezogen. Für neue Mitarbeiter ist es ein langer Weg vom Interview über Quarantäne und Test bis zur Einarbeitung, der uns viel Zeit, Energie und Fingerspitzengefühl kostet.

Auf lange Sicht werden wir wohl nicht darum herumkommen, unsere Unterkünfte zu vergrößern. Ob sie nun als Quarantäne für Neuzugänge oder Angestellte genutzt werden oder als Übernachtungsmöglichkeit für Angestellte, ehemalige „Kinder“, Angehörige, Adoptionseltern oder Gäste – wir benötigen mehr Räume.

Aber wie alles in der Welt birgt auch diese Zeit ihre Chancen: wir können und dürfen uns wieder bewusstwerden, was oder wieviel uns Menschlichkeit wert ist. Wir dürfen, und manchmal müssen wir auch, mit Geduld und Hingabe auf andere Rücksicht nehmen, die vielen Gesichter von Recht und Unrecht neu definieren und neu lernen.

Euch allen wünschen wir ein gesegnetes Jahr 2021!
Irene Baumgartner

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