„Klopfet an, so wird euch aufgetan“

Patricia Siegert arbeitet ein Jahr lang als Jesuit Volunteer am Loyola-Gymnasium in Prizren. In der Nachbarschaft befindet sich das Viertel „Tranzit“, Heimat der marginalisierten Volksgruppe der Ashkali. Zusammen mit den Einheimischen bauen die Volunteers „Brücken für mehr Menschlichkeit und Freundschaft“ - wie, beschreibt Patricia in einem Bericht aus einem vergessenen Teil Europas: 

"Endlich ist wieder Mittwoch und Zeit für Familienbesuche in Tranzit. Eine Aufgabe, die mir sehr viel Freude macht und mich auf ganz besondere Weise in die Familien einblicken lässt. Meine Besuchszeit beginnt auch heute wieder mit einer kleinen Aussendung, in der wir Gott um dessen Begleiten und Türen-Öffnen bitten. Dann geht es nach Tranzit. Ich weiß vorher nie, wo ich landen werde und bin gespannt, wo mein Weg heute hingeht.

Heute zieht es mich in eine Straße neben dem von Loyola-Tranzit angemieteten Raum. Diesen können Sie sich wie ein Marktplatz in einer großen Stadt vorstellen. Zu ihm, der seit September der Mittelpunkt des Projekts geworden ist, kommen Menschen aus den unterschiedlichsten Welten. Loyola-Schüler, mit den besten kosovarischen Zukunftschancen, Ashkali Kinder, die teilweise noch nie eine echte Schule von innen gesehen haben, Jugendliche aus dem Viertel, die eine Aufgabe und Verantwortung suchen, albanische Musiklehrer, die teilweise viele Vorurteile gegenüber „Zigeunern“ abbauen konnten, deutsche Gäste, die den Kosovo auf ganz besonderer Weise erleben wollen, Radioreporter, die die Tranzit-Botschaft weiterstreuen und viele mehr. Und alle singen, tanzen, spielen, lernen mit- und voneinander und bauen so immer mehr Brücken für mehr Menschlichkeit und Freundschaft.

„Mütter sind meine perfekten Türenöffner“

Ich fahre an dem Raum vorbei und biege in die nächste Parallelstrasse ein. Da war ich erst selten und ich bin gespannt, was mich erwartet. Die Straße ist leer, kaum einer ist draußen. Mist, was mach ich denn jetzt nur? Ich kenn‘ doch hier keinen. Da seh ich Lilly, ein etwa 13- jähriges Mädchen. Mit ihr habe ich vor kurzem Basketball gespielt. Zum Glück erkennt sie mich und wir unterhalten uns kurz. Da kommt auch ihr Vater raus. Auch wir tauschen kurze Begrüßungsfloskeln aus, aber ein richtiges Gespräch kommt nicht zustande. Schließlich schauen mich beide an. „Was willst du denn hier?“, scheinen sie zu fragen. Mmmmh, das weiß ich in dem Moment auch nicht mehr so richtig. Warum bin ich nochmal da? Die Situation wird mir unangenehm und ich beschließe weiter zu ziehen. Ich verabschiede mich und rolle mit meinem Fahrrad davon. Und wohin jetzt? Zu Fasil? Dem Familienvater von 9 Kindern hinter der Autobahn? Da war ich schon oft und die Familie freut sich immer wenn ich komme. Zu Elvana? In ihrem Haus durfte ich erst vor kurzem die Gastcouch verlassen und mit den Kindern das Haus putzen, während sie selbst mit ihrem Jüngsten im Krankenhaus war. Zu Lorent? Er ist 8 und gehört zu den wenigen Kindern aus Tranzit, die zur Schule gehen. Wir üben gerne gemeinsam lesen. Oder doch zu Saefte? Bei ihr war ich schon lange nicht mehr, dabei war die 6fache Mutter die erste, die mich damals in ihr Haus einlud und von der ich das richtige Zubereiten von Paprika und Brot lernte.

Doch während ich noch überlege, bei welcher Familie ich nun Schutz vor Neuem, Unbekanntem und unangenehmen Situationen wie der Situation gerade eben suchen könnte, sagt mir eine innere Stimme, dass es das nicht gewesen sein kann. Dreh um, scheint sie unaufhörlich an meine Gehirnwand zu pochen. Vielleicht ging es den Emmausjüngern ähnlich, als sie sich zwar erst von Jerusalem entfernten, sich aber nach dem Erkennen Jesu wieder auf den Weg zurück machten.
Also drehe ich um. Wieder zurück zu Lilly und ihrem Vater. Ich erzähle den beiden von dem neu entstanden Kindergarten, den meine Mitfreiwillige Eva gemeinsam mit jugendlichen Mitarbeitern aus Tranzit in „unserem Raum“ eröffnet hat.

Noch während ich dem Vater von diesem Kindergarten erzähle, kommen plötzlich Kinder aus den Häusern, die es kaum erwarten können, mit mir endlich dorthin zu gehen. Mit den Kleinen kommen auch ein, zwei Mütter aus dem Haus. Wir stellen uns kurz vor. Voller Hilfsbereitschaft gehen sie nun von Tür zu Tür und holen weitere Kindergartenkinder ab. Die Mütter sind meine perfekten Türenöffner. Ständig wird nun eine neue Tür auf gemacht, ich unterhalte mich kurz mit den Eltern, bevor die Kinder drängeln, endlich los zu wollen. Bei einer Familie bleibe ich hängen. Der freundliche Vater unterhält sich mit mir über seine Arbeit und lädt mich ein, noch ein bisschen bei ihm zu bleiben. So gerne würde ich das Angebot annehmen, doch an mir kleben die Kindergartenkinder. Ich mache mit ihm aus, diese kurz in den Raum zu bringen und später wieder zukommen. Gesagt, getan.

Im Labyrinth der Aussichtslosigkeit

Unterwegs begegne ich Evas Mitarbeitern, Jugendlichen aus Tranzit, die gerade dabei sind die Kinder für den Kindergarten einzusammeln. Überrascht schauen sie mich und die Kinder an, bedanken sich kurz für die getane Arbeit und müssen dann doch nochmal in die Straße, da ich einige Kinder vergessen habe. Ich bringe die Kinder in den Raum und kehre ein zweites Mal zurück in die Straße, wo die Familie bereits auf mich wartet. Kaum bin ich in das Gartentor eingetreten, ruft der Vater herzlich „Setz dich, setz dich!“ Also setz ich mich zu einer Frau, einem kleinen Kind und dem Familienvater auf einen bereits ausgelegten Teppich. Da die Familien in Tranzit sehr verwachsen und gefühlt jeder mit jedem verwandt ist, habe ich über das gesamte Gespräch nicht rausbekommen, ob die Frau mit dem Kind nun Tante, Schwiegermutter oder doch die Oma der Familie ist. Schließlich kommt auch die Mutter des Hauses aus der Tür und begrüßt mich mit „Möchtest du Nescafe oder türkischen Kaffee?“. Ich entscheide mich für die türkische Variante. Und da sitzen wir nun, knapp eine Stunde unterhalten wir uns über das Leben im Kosovo im Vergleich zu Deutschland.

Wie so oft bei den Familienbesuchen wird mir auch heute wieder vom paradiesischen Deutschland vorgeschwärmt und der Kosovo als der Schandfleck der Erde präsentiert. Manchmal scheinen mir meine Gesprächspartner wie in einem Labyrinth der Aussichtslosigkeit gefangen. Und vor lauter Mauern, wie Korruption, Arbeitslosigkeit, schlechte Bezahlung und fehlende Unterstützung ist der Ausweg versperrt. Die Perspektive scheint zu fehlen. Das macht mich ein bisschen traurig. Auch ihr ständiger Wunsch, nach Deutschland zu ziehen, gibt mir das Gefühl, dass sie sich hier in ihrer Heimat nicht so richtig wohlfühlen. Doch es gibt natürlich auch schönere Themen. Da viele Verwandte und erwachsene Kinder der Familie derzeit im Ausland für den Unterhalt der Eltern sorgen, freuen sich alle auf den Sommer, da große Besuche anstehen. 

Schließlich wird es langsam Mittag und für mich Zeit, mich zu meiner Arbeit in die Loyola-Grundschule aufzumachen. Wir verabschieden uns herzlich und die Familie lädt mich ein, jederzeit wiederzukommen.
Voller innerer Dankbarkeit für das Geschehene mache ich mich auf zur Arbeit. Ich bin dankbar über all die offenen Türen, in die ich heute wieder einmal hineinblicken konnte, für all die lieben Menschen, die mir etwas von ihrer Zeit geschenkt haben und für die herzlichen Familien auf der zuvor so leeren Straße."

Patricia Siegert