Irre Zeiten

Desolate Zustände in der Chacarita in Asunción. Fotos: Michael Kuhnert

„Hier die  Verantwortlichen, dort die Leidtragenden und dazwischen ein paar Inseln von Glückseligen“: Bereits vor COVID-19 war das Leben der Indigenen in Lateinamerika geprägt von Armut, Ungerechtigkeit und Verdrängung. Nach einer Reise durch Ecuador, Paraguay und Argentinien reflektiert Michael Kuhnert, Geschäftsführer des Missionsärztlichen Instituts Würzburg, über unsere Ansprüche an ein „normales Leben“, das anderen seit Generationen verwehrt ist.

Seit unserer Reise sind inzwischen der Herbst und dieser seltsame Winter 2019/2020 vorübergegangen. Jeder hat sein Leben weitergelebt, jeder machte ganz selbstverständlich das, was er schon immer gemacht hat: arbeiten, in die Schule gehen, studieren, sich auf die freien Tage und Besuche freuen, Weihnachten feiern, evtl. in den Winterurlaub fahren und schon mal den Sommerurlaub planen. Das  eben verlief für die meisten so normal und gewohnt weiter wie in den Jahren zuvor; jeder ging davon aus, dass zumindest bei uns nichts Schlimmes passiert und das Leben im Großen und Ganzen ruhig und unaufgeregt weiter fließt oder zumindest träge vor sich hinplätschert. Wir fühlten uns so sicher wie immer, genossen unseren Wohlstand und zelebrierten den Luxus, uns über Kleinigkeiten aufzuregen. Wir waren an unsere relative Sorglosigkeit gewöhnt und freuten uns auf den Frühling.

Eingeschlossen in unserer Angst

Der ist mittlerweile auch eingetroffen, aber wir merken es kaum, denn wir verbringen ihn physisch wie in Quarantäne und seelisch wie unter Verschluss: distanziert von den anderen. Abgeschieden von Bekannten und Freunden. Eingeschlossen in unserer Angst vor dem Virus. Eingesperrt von der Sorge um unsere Lieben, um uns selbst und um unseren Lebensstil. Gefangen in der Ahnung, dass nach „Corona“ vieles nicht mehr so selbstverständlich sein könnte wie davor und manche Gewohnheiten für lange Zeit oder für immer passé sind.

Das Leben, so dämmert es uns, könnte tatsächlich so reich, bezaubernd, mitreißend, sympathisch und überschwänglich sein wie Lateinamerika. Aber wegen des Virus erfahren wir es nun ähnlich wie die Ausgeschlossenen dort als schockierend, unfair, bitter und wahnsinnig zerbrechlich. Covid-19 hat unsere Unbeschwertheit und vermeintlichen Sicherheiten weggerissen wie ein Frühlingssturm.

Das Leben ist nun auch für uns, im wahrsten Sinne des Wortes, kein Kuschelort mehr und erst recht keine Wellness-Oase.

Warten ist Dauerzustand

Ende März 2020: Die Tage werden länger und die Forsythien, Osterglocken und Hyazinthen blühen. Es ist sonnig, aber viel zu kalt für die Jahreszeit. Die Frühlingsgefühle verkümmern unter der Kühle des Ausnahmezustands: keine Umarmungen mehr, keine Besuche, kein Handschlag, denn das Virus geht um. Zurückgeworfen auf uns selbst, fällt uns die Decke auf den Kopf. Verzweiflung macht sich breit, Ohnmacht und Zukunftsängste nehmen zu. Wir wollen raus aus unseren vier Wänden, raus aus dieser Situation, die uns den Atem raubt, Kraft entzieht, uns so müde und den Mitmenschen zur Bedrohung macht. Wir wollen endlich wieder ein normales Leben führen nach diesen Wochen, in denen wir uns ausgeliefert fühlen und mit dem Schicksal hadern.

Covid-19 stellt alles auf den Kopf, auch unser Zeitempfinden: Selbstverständlichkeiten, lang Gewohntes und Vertrautes scheinen uns viel zu schnell vergangen und das Warten auf bessere Zeiten zieht sich so verdammt in die Länge. Was für uns eine (hoffentlich) vorübergehende Situation ist, ist für die Indigenen im paraguayischen Chaco der Dauerzustand, denn sie warten nicht erst seit ein paar Wochen auf bessere Zeiten, sondern seit Generationen!

Ausgeschlossen von dem, was ein Leben normal macht – ein angenehmes Zuhause mit festem Dach auf sicherem Grund, Strom- und Wasserversorgung nebst Sanitäranlagen, fair geregelte Arbeit, ausreichend Lebensmittel, gute Schulen, vernünftige Gesundheitsversorgung, vielfältige Freizeitmöglichkeiten, Rechtsschutz und Altersversorgung – fristen sie ihr Dasein irgendwo im paraguayischen Niemandsland, z.B. in Teniente Irala Fernández, 400 km von Asunción entfernt.

Not, die zum Himmel schreit

Nach dem Besuch der dort in der Nähe gelegenen Kommunität der Angaité habe ich keine Ahnung mehr, was eigentlich deren allergrößtes Problem ist: das Trinkwasser vielleicht, weil aufgrund immer längerer Dürren die Zisternen leer sind und das Wasser aus elend dreckigen Tümpeln genommen werden muss?
Oder der Hunger und die Unterernährung, weil die Maniokpflanzungen vertrocknet sind, jagdbare Tiere ebenso wie bezahlte Arbeit immer seltener werden und eventuelle Lebensmittelsendungen aus Asunción nur sporadisch ankommen? Oder doch die Gesundheitsversorgung, weil die hygienische Situation in der comunidad eine Katastrophe ist, werdende Mütter total ausgemergelt sind, die Gesundheitsstation in Irala Fernández zwar engagiertes Personal hat, aber nur eine primitive Grundausstattung, natürlich viel zu wenig Medikamente und Mittel, um die Indigenen zu besuchen und weil das Ambulanzfahrzeug seit Jahren kaputt ist, die Gesundheitsbehörde sich jedoch weigert, es reparieren zu lassen?

Oder ist es letztendlich das Desinteresse, der Unwillen oder die Unfähigkeit der lokalen und  staatlichen Entscheidungsträger, sich mit dem Wohl der Indigenen zu identifizieren, sie als gleichwertige Staatsbürger anzuerkennen und deswegen endlich die notwendigen Schritte zu unternehmen, um deren Recht auf ein menschenwürdiges Dasein umzusetzen? Ich weiß es nicht.

Ich weiß nach unseren Besuchen in Ecuador, Paraguay und Argentinien nur, dass die Lebensumstände der Indigenen auf dem Land und in den Städten im Prinzip überall gleich miserabel sind. Was wir in Irala Fernández sehen, wiederholt sich in der Chacarita von Asunción, in der Comunidad aborígen von San Ignacio Miní in Argentinien, in den Slums von Orán oder in Nuevo Rocafuerte in Ecuador. Wir sehen Not, die zum Himmel schreit; Lebensverhältnisse, die uns den Magen umdrehen; Ungerechtigkeiten, die uns nicht schlafen lassen. Das Land der Indigenen wird an Multis oder Privatinvestoren verkauft, ihre Wälder abgeholzt oder abgebrannt, damit Holz exportiert, Öl gefördert, Soja, Zuckerrohr oder was auch immer für den Weltmarkt angebaut werden können.

Die Chance in unserem Schmerz

Auch sieben Monate nach unserer Reise hat sich mein Zorn noch nicht gelegt, und ob ich will oder nicht hat sich große Ernüchterung in meine Seele geschlichen: Denn seit immerhin fünf Jahren appellieren die Vereinten Nationen an die Entscheidungsträger weltweit, doch bitteschön keinen Menschen mehr zurück zu lassen. Es werden großartig klingende (Entwicklungs-)Programme aufgelegt und Indikatoren zur Messung ihrer Wirkung benannt. Und der Papst wird nicht müde uns ins Gewissen zu reden, weil unser Wirtschaftssystem und unsere Lebensweise töten. Aber unabhängig davon werden weiterhin in ganz großem Stil die Ureinwohner und Armen ebenso wie die Schöpfung für die Gier der Industrienationen und Schwellenländer ans Kreuz geschlagen! Letztlich auch für unser ‚normales‘ Leben, das wir im Augenblick so vermissen wie noch nie.

Wir leben in einer irren Zeit. Aber nicht erst seit Covid-19, sondern seit Langem. Hier die Verantwortlichen, dort die Leidtragenden und dazwischen ein paar Inseln von Glückseligen. So richtig aufgeregt und auf die Palme gebracht hat uns das nie. Aber jetzt blicken wir alle hinaus auf die Osterglocken und wir lassen wie sie langsam die Köpfe hängen. Wie gebannt starren wir auf Statistiken von Corona-Infizierten und von an Corona Gestorbenen. Wir kleben an den Lippen von Politikern und Experten, um von dem, was sie sagen, etwas Hoffnung abzulesen. In der restlichen Zeit versuchen wir, möglichst viel von ihr möglichst schnell und gut totzuschlagen und uns schmerzhaft daran zu erinnern, was wir alles noch nicht gesehen und alles noch nicht getan haben.

Aber genau in diesem Schmerz, exakt in dieser „Erinnerungslücke“, liegt die große Chance dieser irren Zeit: Denn wir könnten sie nutzen, um jetzt schon (oder endlich?) darüber nachzudenken, was in Zukunft ganz anders zu machen wäre, damit nicht nur wir ein besseres, sondern alle Menschen ein gutes Leben führen könnten. Statt weiter in Schockstarre und Selbstmitleid zu verharren, könnten wir uns Schritt für Schritt auf die bisher noch recht dünnen Pfade einer weltumspannenden Solidarität begeben.

Freiwillige auf dem „Zug nach unten“

Wir könnten unsere Bedürfnisse und Ansprüche in die Waagschale werfen und uns fragen, was uns wirklich trägt, was wir echt brauchen und was wir eben nicht mehr brauchen, wer oder was uns maßgeblich und unverzichtbar sind, wer oder was uns Sinn, Halt und Hoffnung gibt und wem eigentlich wir selber Sinn, Halt und Hoffnung geben?

Wir könnten uns auf die Suche nach Menschen machen, die den Rahmen des allzu Gewöhnlichen sprengen und ein „unnormales“ Leben führen: Menschen, die schon längst auf den „Zug nach Unten“ aufgesprungen sind und deshalb mit den ewig Vergessenen, Mutlosen und Ausgeschlossenen zusammen leben und bei ihnen bleiben, auch wenn es unbequem, mühsam und oft auch gefährlich ist. Menschen, die angesichts der Welt und der Situation, in der sie ist, ihre Augen nicht verschließen, ihren Kopf nicht in den Sand stecken, sondern stattdessen aus sich herausgehen und über sich hinaus wachsen, statt abzuhauen. Menschen, die all das ihnen Mögliche unternehmen, damit kein anderer mehr zurück oder gar auf der Strecke bleibt. Einige solcher Menschen, die ihr Leben, ihren menschlichen Reichtum und ihre Talente mit jenen teilen, die gerade jetzt fast niemand mehr auf dem Schirm hat, haben wir auf unserer Latein­amerikareise getroffen.

Eigentlich hatte ich vor, von ihnen zu berichten, aber dann hat Corona auch dieses Vorhaben zunichte gemacht. Stattdessen lese ich nun ihre besorgten E-Mails, in denen sie mir berichten, was sie tun, was sie noch alles tun möchten und eben nicht tun können, weil es ihnen an fast allem Nötigen fehlt. Und ich muss ihnen antworten, dass wir, obwohl es uns hier in Deutschland zwar bisher an fast nichts Nötigem fehlt, fast nichts für sie machen können in diesen irren Zeiten und unserer verirrten Welt.

Michael Kuhnert

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