Indische Christen im Fadenkreuz

Sie sind Dalits – „Unberührbare“, Kastenlose – und Christen: Die Einwohner des südindischen Dorfs Sogandi werden von rechtsextremen Hindu-Fanatikern terrorisiert, und die Behörden sehen weg. Der Rechtsanwalt und Priester L. Yesumarian SJ, Direktor des Dalit Human Rights Centre, setzt sich seit Jahren für die Rechte der Dalits ein und thematisiert ihre Diskrimierung (s. S. 4 – 9). In einem Brandbrief berichtet er jetzt von einer neuen Welle an Gewalt und Einschüchterung im Bundesstaat Tamil Nadu.

"Das Dalit Human Rights Centre ist in Chengalpattu angesiedelt, etwa 60 Kilometer südlich von Chennai. Fünfzehn Kilometer östlich liegt ein Dorf namens Sogandi, ein Teil des Dorfes heißt Arul Nagar. In Arul Nagar leben 150 Familien – alle von ihnen sind Dalits und Christen – zwischen zwei anderen Siedlungen, in denen ausschließlich höherkastige Hindus zuhause sind. Wer Arul Nagar betreten oder verlassen möchte, hat also keine andere Wahl, als den Weg durch die Hindu-Siedlungen zu nehmen und ist damit ständiger Angst und Bedrohung ausgesetzt.

700 Polizisten verhindern Messe

Die Geschichte der Dalit Christen in Arul Nagar begann vor 60 Jahren: Schon in ihren Heimatdörfern waren die Dalits Gewalt und Verfolgung durch die Mehrheitsgesellschaft ausgesetzt. Sie mussten die Dörfer verlassen und wurden von der Regierung in Arul Nagar angesiedelt. Dort bauten sie neue Häuser und auch eine kleine Kirche. Gegenüber davon ist ein kleiner Hügel, auf dem die Christen ein Kreuz errichtet haben, als Zeichen der Hoffnung und des Schutzes. Über sechig Jahre haben die Menschen an diesem Platz gebetet, vor allem in der Weihnachtszeit und an Ostern.

An Weihnachten 2016 eskalierte die Lage: Während einer Messe kam es zu Angriffen, danach haben die Hindu-Fanatiker die Behörden unter Druck gesetzt und auch die örtliche Führung der hindunationalistischen Partei BJP aufgestachelt: Das Resultat war eine Invasion von 700 Polizeibeamten, die am 31. Dezember 2016 alle christlichen Symbole vom Hügel entfernten. Der Neujahrsgottsdienst wurde verboten, jede Intervention bei den Behörden, die Statuen wieder zu erlangen, velief im Sande.

Brutale Angriffe ohne Konsequenzen

Die Bedrohungslage für die Dalit Christen hat sich hingegen weiter verschärft: Am 5. März 2017 wurden zwei Dali-Jugendliche von ihrem Motorrad gezogen. Die Angreifer zerstörten das Fahrzeug, zogen die Jugendlichen nackt aus, fesselten sie an einen Baumstamm und verprügelten sie. Besondes schockierend war, dass zwei Polizeibeamte zusahen, nichts unternahmen und sich mit den Angreifern solidarisierten. Und es kam noch schlimmer: Als die Opfer auf die Wache gingen, um Anzeige zu erstatten, wurden sie wegen Falschaussage verhaftet.

Zu Beginn der Fastenzeit 2017 gingen wir zu den Behörden und baten um Erlaubnis und Schutz für Gottesdiente in der Karwoche. Die Beamten stimmten zu. Am Palmsonntag setzte sich eine Prozession in Richtung Hügel in Bewegung, als plötzlich 500 Polizisten auftauchten, um die Gläubigen einzukesseln. Erst später fanden wir heraus, dass einige der Verantwortlichen bei den Behörden selbst rechtsextremen Organisationen angehören. Während des friedlichen Gottesdienstes wurden wir permanent gestört – trotz dieser Demütigung räumten wir schließlich das Feld.

Polizeigewalt und erfundene Anzeigen

Am Karfreitag schließlich haben sich erneut etwa 300 Christen zur Prozession versammelt. Diesmal stellten sich ihnen 600 Polizisten in den Weg. Sie stellten das Mikrophon ab und störten die Versammlung massiv. Vor allem Frauen – darunter auch Nonnen – wurden auf unanständige Weise belästigt. Polizisten und fanatische Hindus fingen an, den Altar zu beschädigen. Schließlich wurden wir von Polizisten verprügelt und weggejagt. Danach entschlossen wir uns zu einer friedlichen Sitzblockade in der Nacht auf Karsamstag, um für unser Recht auf Gottesdienst zu protestieren: Man drehte dem ganzen Dorf den Strom ab und alles wurde dunkel. Gegen mich als Gemeindepriester und einige Dorfälteste wurden wegen erfundener Straftaten Anzeigen gestellt, die jetzt vor Gericht kommen. Auch 2017 wurden uns die Gottesdienste an Weihnachten und Neujahr untersagt. All unsere Bemühungen in den Amtsstuben waren vergebens.

Kastendenken und religiöser Fanatismus breiten sich aus

Die ganze Lage verschlechtert sich jetzt vor der Fastenzeit weiter: Kastendenken und religiöser Fanatismus wird von offizieller Seite unterstützt, die Fundamentalisten gewinnen immer mehr Einfluss. Ein anderes Dorf in unserem Bezirk, Devigapuram, in dem Dalit Christen leben, gerät jetzt in ihr Fadenkreuz: Wieder wollen rechtsextreme Gruppierungen christliche Versammlungsplätze dem Erdboden gleichmachen. 

Die Dalit Christen werden angegriffen, weil sie Dalits sind, und Christen. Unter der geegenwärtigen BJP-Regierung wird es sehr schwer, ihre Rechte zu verteidigen. Bitte helfen Sie uns dabei."

L. Yesumarian SJ, 22. Januar 2018

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