Hygiene ist der Schlüssel

Ein Großteil der Stammesbevölkerung im Nordosten Indiens verzichtet auf Toiletten, auch aufgrund tiefsitzender Tabus. Anand Pereira SJ von der Jesuiten-Region Kohima berichtet, wie eine bessere sanitäre Versorgung nicht nur ernsten Krankheiten vorbeugt, sondern das Zusammenleben in den Dörfern massiv verbessert.

Um zu ergründen, warum wir noch nicht all unsere Jesuiten-Schulen im Nordosten Indiens mit Toiletten ausstatten konnten, muss ich etwas ausholen. Der Nordosten ist einer der vielfältigsten und schönsten Teile des Landes – ein Gebiet mit sieben Bundesstaaten und gemeinsamen Grenzen zu Bhutan, China, Myanmar und Bangladesch. Flüsse wie der Brahmaputra durchziehen die Ebenen, Gebirge erheben sich bis zum Himalaya, dichte Wälder bedecken weite Landstriche.

Das ist das eine, das andere: Die Stammesbevölkerung dieser Region ist geografisch vom Rest des Landes isoliert. Von den rund 45 Millionen Menschen im Nordosten Indiens leben etwa 90 Prozent in Dörfern. Ihr Haupterwerb ist die Landwirtschaft, ihre Lebensweise karg. Die Entwicklung des Landes, die anderswo in Indien zu Bildung und relativem Wohlstand führt, erreicht sie kaum. 54 Prozent von ihnen leben unterhalb der Armutsgrenze. In sprachlicher, religiöser, auch emotionaler Hinsicht fühlen sich die Gemeinschaften der Tribals nicht eins mit dem Rest der Nation – ein Name, auf den sie pochen und ihnen etwas Würde verleiht: Anderswo in Indien werden die Stammesgemeinschaften Adivasi genannt.

Bildung und Gesundheitsfürsorge

Unsere Kohima-Jesuitenregion wurde 1970 als eine Mission der Jesuiten-Provinz Karnataka / Südindien gegründet. Drei Jesuiten folgten der Einladung des Bundesstaates Nagaland, eine gute Schule für Tribal-Kinder zu errichten. Die gesandten Jesuiten hielten sich jedoch nicht an eine einzige Schule. Vielmehr konzentrierten sie sich nebst der Bildung auf eine umfassende Entwicklung der Region. Nach und nach gründeten sie eine Reihe kleiner Dorfschulen mit Sekundarschulen an zentralen Orten.

Als sie erkannten, dass allein Grundschulbildung die Kinder nicht weiterbringt, bauten sie für talentierte Mädchen und Buben zwei Colleges auf. Die Kohima-Jesuiten suchten die Zusammenarbeit mit Ordensfrauen unterschiedlicher Kongregationen. Die Schwestern fokussierten sich von Anfang an auch auf die Gesundheitsversorgung der Armen in den Dörfern. Dank der Bemühungen der tatkräftigen Schwestern sank die Kindersterblichkeit in vielen Dörfern erheblich.

Dienst in den Dörfern

Alle Einrichtungen der Kohima-Jesuiten befinden sich ausschliesslich in Dörfern – eine bewusste Entscheidung der Pioniere, sich ganz in den Dienst der Ärmsten der Armen zu stellen. Bis heute halten sich ihre Nachfolger strikte daran. 1995 wurde die Nagaland-Mission zur Jesuiten-Region Kohima erhoben. Heute arbeiten die Kohima-Jesuiten in sechs der sieben Bundesstaaten von Indiens Nordosten: nebst Nagaland in Manipur, Mizoram, Arunachal Pradesh, Meghalaya und Tripura.

Insgesamt leiten 65 Patres und 92 Scholastiker 13 Pfarreien, 36 Primarschulen, drei Sekundarschulen, zehn Gymnasien, zwei Colleges, ein Lehrerseminar, ein Rechtshilfezentrum für Menschenrechte, ein Forschungszentrum für Entwicklung von Indiens Nordosten, zwei pastorale Ausbildungszentren, sechs Krankenstationen und ein großes Netzwerk von Selbsthilfegruppen.

Ohne Anfrage keine Schule

Die Kohima-Jesuiten – Kohima ist die kleine Hauptstadt von Nagaland – haben ihre eigene Art und Weise entwickelt, Schulen aufzubauen. Erster Schritt ist die Anfrage der ansässigen Bevölkerung. Ohne Anfrage, ohne Einladung handeln wir nicht. Ist die Einladung erfolgt, kann der zweite Schritt folgen: Das Dorf muss den Jesuiten das erforderliche Land entweder kostenlos oder zu einem symoblischen Preis anbietet.
Der dritte Schritt: Die Dorfbevölkerung planiert das Land und errichtet die erste Bambuskonstruktion. Bei Bedarf stellen die Jesuiten Bleche für das Dach zur Verfügung, die Arbeit aber tätigen die ansässigen gemeinschaftlich. Die Jesuiten legen auch Wert darauf, der Dorfbevölkerung zu vermitteln, dass die geplante Bildungsinstitution eine wichtige Rolle bei der Bewahrung ihrer Kultur spielen wird. So bestehen viele der Jesuitenschulen im Nordosten darauf, dass die Schülerinnen und Schüler mindestens einmal pro Woche in ihrer traditionellen Kleidung zum Unterricht kommen. Und erst, wenn die Dorfbevölkerung fünf Jahre beständig Unterstützung geleistet hat, engagieren sich die Jesuiten für den Bau einer solideren Schule. Die Erfahrung zeigt, dass die Menschen mit diesem schrittweisen Vorgehen ein tiefes Gefühl der Eigenverantwortung für ihre Bildungsinstitution entwickeln.

Die Grenzen der Autonomierechte

Dieser Ansatz zur Eigenverantwortung ist zwar sehr erfolgreich, hat aber auch seine Nachteile. Bei einer Schulgründung in der Stadt sind eine Reihe von behördlichen Vorschriften zu befolgen. Viele dieser Vorschriften sind im ländlichen Indien nicht durchsetzbar. Tribals zum Beispiel haben gewisse Autonomie-Rechte, was förderlich sein kann, in der Toiletten- und auch in anderen Fragen aber hinderlich ist.

Traditionen und Tabus

Desweiteren gibt es bestimmte Tabus in ländlichen Gegenden, die man beim Bau von Dorfschulen beachten muss. In vielen Tribal-Kulturen Nordost-Indiens etwa ist die Benutzung von Toiletten tabu: Es herrscht das allgemeine Einvernehmen, dass menschliche Abfälle und Exkremente nicht in der Nähe der Behausung deponiert werden dürfen. Stammesvölker sind eng mit der Natur verbunden und überleben mit einem Minimum an Lebensmitteln, Gütern und Hygiene.
Die Bäche liefern ihnen Wasser, der Wald versorgt sie mit Nahrung, die meist karg ausfällt. Oft  verbringen sie die Nächte auch draußen, etwa wenn sie auf die Jagd gehen. Tribals folgen dem Ruf der Natur – auch was ihr „persönliches Geschäft“ angeht. Sie verschwinden hinter die Büsche und haben keine Hemmungen, was Koten und Urinieren angeht – für Knaben wie auch für Mädchen ist dies zu keiner Zeit und an keinem Ort mit Scham verbunden. Toiletten sind tabu, weil damit in ihrer Vorstellung menschliche Exkremente in den gemeinschaftlich genutzen Lebensbereich gelangen, obwohl Toiletten mit ihren Abwasserrohren das verhindern. So wehren sich die Tribals gegen den Bau von Toiletten in unmittelbarer Nähe ihrer Hütten oder gar in ihren Häusern. Um sie dazu zu bringen, die Notwendigkeit von Toiletten verstehen zu lernen, ist ein völliger Sinneswandel erforderlich.

Regierungskampagne mit UNICEF

Laut UNO-Angaben haben weltweit rund zwei Milliarden Menschen keinen Zugang zu hygienischen Toiletten oder Latrinen. Trotz erheblicher Fortschritte steht Indien dabei im Fokus. Eine Studie vom renommierten Research Institute of Compassionate Economics ergab, dass 70 Prozent der indischen Landbevölkerung 2014 „ihr Geschäft“ immer noch auf offener Fläche verrichtete.

In den letzten Jahren hat die Zentralregierung große Anstrengungen unternommen, der Bevölkerung den Zugang zu sauberem Wasser und hygienischen sanitären Einrichtungen zu gewährleisten. 2014 startete die Regierung mit dem UNO-Kinderhilfswerk UNICEF das Programm Swachh Bharat Mission (Kampagne für ein sauberes Indien) mit dem Ziel, bis 2019 das offene Koten und Urinieren einzudämmen. Die Kampagne hat zwar einige Erfolge in Bezug auf Bewusstseinsbildung und Aufbau der WC-Infrastruktur erzielt, dies vor allem in urbanen Räumen. Die Auswirkungen auf Tribal-Gemeinschaften jedoch, die in weit entfernten Dörfern leben, sind minimal. Viele Familien weigern sich nach wie vor, Toiletten zu bauen – das Tabu, WC-Anlagen in unmittelbarer Nähe des Hauses zu haben, ist tief verankert.

Eine Frage der Sicherheit

Die Praxis des offenen Stuhlgangs hat bekanntlich zahlreiche negative Auswirkungen. Ernste Krankheiten können sich verbreiten, erst recht, wenn die Exkremente ins Wasser gelangen. Die Sterblichkeitsrate von Säuglingen im Landesinneren liegt nicht selten bei 30 Prozent. Viele Kinder sterben dabei an den Folgen einer Durchfall-Erkrankung, weil der Körper zu viel Flüssigkeit verliert – ein Tod, der durch bessere hygienische Verhältnisse vermeidbar ist. Menschliche Exkremente auf Fußwegen und auf Feldern können auch Hautkrankheiten verursachen, harmloser zwar, aber unangenehm.

Wir wissen von einigen jungen Frauen, die ihre Notdurft verrichten wollten und sexuell missbraucht wurden. In neuerer Zeit ist ein weiteres Problem entstanden. Der Respekt gegenüber Frauen war in Tribal-Gemeinschaften vergleichsweise hoch. Doch mit den Massenmedien und insbesondere mit der Verbreitung von Pornographie können Frauen und Mädchen sich nicht mehr sicher fühlen. Wir wissen und lesen von jungen Frauen, die ihre Notdurft verrichten wollten und sexuell missbraucht wurden. Es gibt deshalb immer wieder Mädchen, die im Pubertätsalter die Schule abbrechen – primär aus Angst, keinen sicheren Ort zu haben, um sich zu erleichtern.

Toiletten an allen Jesuitenschulen

Die Verantwortlichen der Jesuiten-Schulen im Nordosten Indiens haben seit der Pionierzeit der 1970er Jahre auf Sauberkeit und Hygiene Wert gelegt und auch versucht, die Einstellung der Dorfgemeinschaften zu den Toiletten zu ändern. Mit der Swachh Bharat-Kampagne für ein sauberes Indien erhalten sie nun Beistand: Die Zentralregierung macht es Dorfgemeinschaften zur Auflage, sanitäre Anlagen an Schulen zuzulassen. So wird es für die Jesuiten leichter, für ihre Schülerinnen und Schüler eine bessere sanitäre Versorgung zu erreichen. Ziel ist es, an allen Schulen der Kohima-Jesuiten hygienische Toiletten zu bauen und gleichzeitig vermehrt auch pädagogisch zu wirken: Lehrerinnen und Lehrer klären jüngere Schulkinder über den unverzichtbaren Wert von sauberem Wasser und Hygiene auf, während ältere Schulkinder die Verantwortung für die Sauberkeit der WCs übernehmen. Da viele Dörfer nicht über genügend fließendes Wasser verfügen, werden die Toiletten mit einem Regenwasser-Sammelsystem ausgestattet. Die Kinder werden das, was sie in der Schule  gelernt haben, nach Hause tragen und ihre Eltern dazu bringen, auch zuhause ihr Verhalten zu ändern. Und wenn Eltern in die Schule kommen, was sie oft und gerne tun, werden sie sehen, dass ihr Tabu unbegründet ist. In Phesama waren die Kinder die Treiber für WCs. Insbesondere die Mädchen. Sie wollten daheim eine Toilette wie in der Schule.

Pionierschule macht Schule

Zum Schluss ein Beispiel, wo dies gelungen ist: In Phesama / Nagaland, ein Ort mit gut 3000 Einwohnern, gründeten die Kohima-Jesuiten anfangs der 1970 Jahre ihre zweite Schule. Einer der Pioniere erinnert sich: „Es war sehr schwierig, durch das Dorf zu laufen, da man sich nie sicher war, worauf man treten würde. Überall war Mist – Kühe, Schweine, Hunde und Menschen trugen ihren Teil zum Chaos bei.“

Mittlerweile hat sich die Situation massiv verbessert. Das Dorf an der Nationalstraße zu Assam hat saubere Wege und gepflegte Wegränder. Die Schweine sind in ihren Ställen und Ausläufen, die Kühe weiden außerhalb des Dorfes. Die Schule St. Paul mit aktuell 759 Kindern hatte von Anfang an ein paar Toiletten in ziemlicher Laufdistanz, bis 2012 ein WC-Flügel neben dem Schulgebäude diese ungute Situation beendete. Heute hat fast jedes Haus im Dorf eine eigene Toilette in unmittelbarer Nähe.

Die Menschen in Phesama sprechen oft davon, dass ihre Kinder die Treiber für diese Entwicklung waren, besonders die Töchter. Einige Mädchen im Pubertätsalter bestanden darauf, dass ihre Eltern Toiletten für sie bauten wie jene an ihrer Schule St. Paul. Es brauchte Mut für die Eltern, das Tabu zu brechen und auf ihre Töchter zu hören. Heute sticht Phesama als eines der saubersten Dörfer im Bundesstaat Nagaland hervor.


Anand Pereira SJ, Projektverantwortlicher der Kohima-Jesuiten

[Dieser Artikel erschien im Original im Magazin des Schweizer Hilfswerks jesuitenweltweit.ch, Ausgabe Herbst 2020]

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