Durststrecke und Hungermarathon

Der Regensburger Thomas Rigl (re.) arbeitet seit 2016 für den Jesuit Service Cambodia (JSC).

Seit einer Dekade sammelt und spendet die Regensburger Brauerei Kneitinger für den „Jesuit Service Cambodia“. 2020 wird für Bierbrauer und Reisbauern gleichermaßen zum Jahr der Herausforderung.

Social Distancing, Reisebeschränkungen und Lockdowns zum Trotz: Die Corona-Pandemie verbindet, auch über fast 10.000 Kilometer hinweg. Das ist die Distanz zwischen Regensburg in der Oberpfalz und Siem Reap in Kambodscha: zwei Orte, zwischen denen sich im Lauf der vergangenen zehn Jahre eine beispiellose Partnerschaft entwickelt hat.

Der Lockdown und seine Folgen

„2020 war bis jetzt kein gutes Jahr für uns“, gesteht Martin Sperger, Ge­schäfts­führer der Brauerei Kneitinger: Denn seit 1590, dem Jahr, als der traditionsreiche Bierstandort erstmals urkundlich erwähnt wurde, dürfte es nicht oft vorgekommen sein, dass in und um Regensburg ganze zwei Monate lang die Wirtschaften geschlossen blieben, die Küchen kalt und die Zapfhähne trocken. Für einen mittelständischen Bierproduzenten (jährlicher Ausstoß: 25.000 Hektoliter) mit einem regionalen Absatzmarkt war das eine lange Durststrecke.

Für Millionen Menschen in Kambodscha indes ist der Kampf gegen das Corona-Virus mehr als eine Durststrecke, nämlich ein Hungermarathon: Zwar sind die COVID-19-Fallzahlen gering, und das Land hatte bis Anfang August nach offiziellen Angaben keine Todesopfer zu beklagen, doch: „Millionen Kambodschaner sind durch den Lockdown arbeitslos geworden. Die Fabriken im Land stehen still, die Hotels sind ohne Gäste. Hunderttausende Wanderarbeiter haben sich ohne jede Perspektive auf den Weg in ihre Heimatdörfer gemacht.“ Das berichtet Dr. Thomas Rigl, seit 2016 Mitarbeiter des Jesuit Service Cambodia (JSC), waschechter Regensburger und einer der Paten der ungewöhnlichen Verbindung zwischen der Oberpfalz und dem Land der Khmer.

Kneitinger Gmoa für das Land der Khmer

Seit nunmehr 10 Jahren sammelt die „Kneitinger Gmoa“ als erweiterte Bier-Community aus Brauerei-Mitarbeitern, Wirten, Gästen und der Kneitinger-Stiftung bei insgesamt neun Bockbier-Anstichen Spenden für den JSC. Der Betrag wird dann von der Brauereigeschäftsführung verdoppelt: Im vergangenen Jahr waren das 21.000 Euro, die dem JSC für seine Infrastruktur-Projekte im ländlichen Kambodscha zur Verfügung gestellt wurden. Seit 2011 haben die Regensburger den Bau von vier Schulen mitfinanziert, die ärztliche Versorgung der Schulkinder gewährleistet und viele weitere Hilfsmaßnahmen realisiert.

Armenspeisung zum Bockbieranstich

Aber wie kam es zu dieser ungewöhnlichen Entwicklungszusammenarbeit? Ortstermin in der Auer Bräu, einem traditionellen bayerischen Wirtshaus in rustikalem Ambiente mit Kachelofen und gemütlichem Biergarten: „Der Wolfgang Rigl war einer unserer besten Schankwirte“, erinnert sich Wirt Karl Heinz Mierswa bei einem Kneitinger-Edelpils mit Martin Sperger. Mierswa ist in Regensburg seit den Neunzigerjahren als Gründer der Stadtratsliste ALZ bekannt wie ein bunter Hund und teilt mit Sperger nicht nur die Liebe zur rustikalen bayerischen Brau-Kultur, sondern auch den Sinn für soziales Engagement. „Der Wolfi hatte mir damals vom Freiwilligendienst seines Bruders Thomas in Kambodscha berichtet“, erzählt der Auer-Wirt, und wir hatten uns in Regensburg schon länger Gedanken gemacht über eine neue Spendenaktion zum Bockbieranstich.“

Denn im Einsatz für Schwächere war die Kneitinger-Gmoa schon lange: „Die letzte Brauerei-Inhaberin Sofie Kneitinger war kinderlos“, erläutert Sperger, „sie entschied sich 1985, ihr Vermögen und den Besitz auf die gemeinnützige Hans-und-Sofie-Kneitinger- Stiftung‘ zu übertragen.“ Ein großes Anliegen war ihr die Unterstützung für ein Regensburger Seniorenheim und ein Kinderheim, „außerdem findet zu jedem Bockbier-Anstich eine Armenspeisung statt“, sagt Mierswa: Jeder Gast der Feiern in den neun Kneitinger-Kneipen – nicht nur, wenn er mittellos ist – bekommt dann zum Starkbier eine deftige bayerische Mahlzeit auf Kosten des Hauses serviert.

Sich kennen schafft Transparenz

Die Aktionen für die Regensburger Einrichtungen haben bis heute Bestand, aber die Kneitinger wollten mehr: Mehr Gutes tun. „Und in Kambodscha gab und gibt es, das wissen wir vom Thomas Rigl, einen Riesenbedarf“, sagt Mierswa. Und: „Dass jeder Cent, den wir spenden, auch ankommt.“ Der persönliche Kontakt zu den Projekten des JSC über Thomas Rigl, der sechs Jahre nach seinem Freiwilligendienst nach Kambodscha zurückkehrte und bis nächstes Jahrals AGIAMONDO-Fachkraft im Land arbeiten  wird, garantiert größte Transparenz – und ist ein nicht zu unterschätzender PR-Faktor, sowohl für die Hilfs-Aktion wie auch für die Brauerei.

Kambodschas Wirtschaft liegt brach

Noch ist unklar, ob und wie der Bockbier- Anstich 2020 in der Auer Bräu und den anderen Kneitinger-Standorten zelebriert werden kann: Corona bleibt auch im Herbst ein beherrschendes Thema. In Regensburg, aber noch viel mehr in Kambodscha: „Allein durch die Schließung von 400 Nähfabriken wurden auf einen Schlag  150.000 Menschen arbeitslos“, berichtet Thomas Rigl am Telefon aus Siem Reap, „die Hilfsprogramme der Regierung sind nur Tropfen auf dem heißen Stein.“

Die Textilwirtschaft ist von der globalen Auftragslage abhängig, der Tourismus von ausländischen Besuchern: Beide Sektoren liegen seit diesem Frühjahr vollkommen brach.

Schuldenberge wachsen

Zudem finden sich viele Menschen in einer Schuldenfalle wieder: „In den vergangenen Jahren wurden viele Mikrokredite vergeben.“ Ein niedrigschwelliges Kredit-System, das in vielen Ländern des Globalen Südens praktiziert wird, um die Privatwirtschaft anzukurbeln, ist „in Kambodscha leider pervertiert“, klagt Rigl. Die Zinssätze sind hoch, und jetzt brechen die ohnehin schmalen Einkommen weg. Die Schuldenberge Hunderttausender, die sich via Kredit ein Moped finanzieren ließen, ein Haus oder eine Hochzeit und nun auf einmal nicht mal mehr Geld für Lebensmittel haben, wachsen ins Unermessliche. „Die Krise schadet am meisten denjenigen, die ohnehin bitterarm sind“, so Rigl, profitieren würden in Kambodscha am Ende nur Kredithaie und Großgrundbesitzer durch gestiegene Reispreise.

Für ihn und die Teams des JSC bedeutet das viel Arbeit: „Wir konzentrieren uns im Moment auf Nothilfe-Programme mit Lebensmittelausgabenfür diejenigen mit dem größten Bedarf“, berichtet der Regensburger Entwicklungshelfer von seiner täglichen Arbeit in Dörfern, die bereits vor Corona unterentwickelt und auf nicht-staatliche Hilfsmaßnahmen angewiesen waren. Volle Wirtshäuser zum Oberpfälzer Bockbieranstich sind also nicht nur in Regensburg von großer Bedeutung.

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