Die Gegenwart von Hoffnung

Aufgrund des Vormarsches der Taliban und der Pandemie-Situation hat der Jesuiten-Flüchtlingsdienst (JRS) im Juni in vier Provinzen die Schulen geschlossen und setzt auf Online-Unterricht. Landesdirektor Jerome Sequeira SJ zeichnet das düstere Bild eines Landes am Rande des Bürgerkriegs, aber verspricht: Wir bleiben!

Die Taliban sind keine neue Realität in Afghanistan, und gleichzeitig ist das Afghanistan von heute nicht das Afghanistan von vor zwei Jahrzehnten. Das Land durchlebt dramatische Veränderungen, und die Unsicherheit wächst mit jedem Tag. Oppositionelle bewaffnete Gruppen haben die territoriale Kontrolle über mehr die Hälfte der Distrikte des Landes gewonnen, sie stoßen schneller als erwartet vor und üben massiven Druck auf die Regierung aus. Die Taliban stellen die staatlichen Strukturen, den politischen Willen und die nationale Einheit auf die Probe.

Millionen fliehen vor neuer Gewalt

Mit dem wachsenden Einfluss der Taliban im Land herrscht ein Umfeld von Nervosität, Angst, Vertreibung und Unsicherheit. Es bilden sich Bürgerwehren gegen die Taliban-Kräfte, auch viele Frauen bewaffnen sich, das Land steuert auf einen Bürgerkrieg zu.

Tausende neue Vertriebene stoßen zu den Massen der bereits Geflüchteten und jener Menschen, die in die Städte zurückgekehrt sind. Da die Hauptstadt Kabul schwer bewacht wird und als „grüne Zone“ des Landes, also verhältnismäßig sicher gilt, nimmt der Zustrom von Binnenflüchtlingen jeden Tag zu. Bereits jetzt sind es mehr vier Millionen, dazu kommen jene, die aus den Nachbarländern zurückkehren, schätzungsweise weitere drei Millionen Menschen.

Staat am Kollaps

Die schnellen erfolgreichen Offensiven der Taliban zeigen, dass die Regierung nicht in der Lage ist, das Land zu kontrollieren. Die 200.000 von internationalen Militärs ausgebildeten Polizisten und Soldaten der ANSF sind frustriert und enttäuscht. Viele Armeeangehörige haben sich den Taliban entweder freiwillig ergeben oder sind desertiert. In der Folge dringen die Taliban immer weiter vor, zerstören gezielt öffentliche Infrastruktur und ermorden Personen des öffentlichen Lebens. Erst vor wenigen Tagen haben sie Mörser auf den Salma-Damm abgefeuert, der in den letzten Jahren für 300 Millionen Dollar gebaut wurde. Er ist eine wichtige Quelle für Strom und Wasser für den Bezirk Chesht in der Provinz Herat. Und am ersten Tag des Eid-ul-adha-Fests am 20. Juli geriet der Präsidentenpalast unter Raketenbeschuss.

Bildung schafft stabile Gemeinschaften

Verschiedene Entwicklungsprojekte hatten den den Bürgern des Landes, insbesondere der weiblichen Bevölkerung, viel Hoffnung gegeben. Im Moment liegt ihr Anteil in den Bildungseinrichtungen landesweit bei 40 Prozent, doch das könnte sich bald ändern, denn für die Fundamentalisten ist das ein Sakrileg. Nach dem Abzug der internationalen Truppen ziehen sich staatliche Einrichtungen immer mehr zurück. Viele Menschen haben ihre Jobs verloren. Die Wirtschaft des Landes ist in einem sehr schlechten Zustand, die Inflation wächst. Immer mehr gut ausgebildete Fachkräfte verlassen das Land, einheimische Mitarbeiter, die für ausländische Organisationen arbeiten, beantragen Visa, da sie um ihre Sicherheit bangen.

Seit 2005 arbeitet der JRS Afghanistan an der Veränderung der Gesellschaft Afghanistans und dem Aufbau stabiler Gemeinschaften durch Bildung. Nach 16 Jahren ist die Herausforderung größer denn je, die Menschen zu begleiten, ihnen zu helfen, ihre Hoffnungen auf eine bessere Zukunft am Leben zu erhalten. Wir sind jeden Tag herausgefordert, kreativ und mutig zu sein, um ihnen zu dienen zu können.

Online-Unterricht gegen das Lern-Verbot

Unsere jungen Lehrerinnen und Lehrer bieten jetzt Online-Unterricht an und nehmen selbst an Online-Workshops teil, lernen etwa, Unterrichtsvideos zu drehen. Damit befähigen sie sich selbst und lernen voneinander. Natürlich können wir aufgrund schlechter Internetverbindungen und der Nichtverfügbarkeit von Mobiltelefonen nicht immer alle erreichen, aber dieses Über-den-Tellerrand-schauen und die Dinge anders anzugehen, ermöglichen es Lehrern und Schülern, sich von der emotionalen Lähmung zu befreien und andere zu inspirieren. Nach einem Online-Training sagte eine unserer Mitarbeiterinnen: „Wenn die Taliban den Frauen Bildung, Arbeit und die Teilnahme am öffentlichen Leben verbieten, wird uns dieses Werkzeug helfen, unsere Töchter und Schwestern zu erziehen.“

Der JRS ist eng mit den lokalen Gemeinden und staatlichen Stellen vernetzt Wir stehen an der Seite der Jugend Afghanistans und begleiten mehr als 25.000 Jungen und Mädchen. Da viele Ausländer das Land verlassen, sind sie voller Hoffnung, dass die Jesuiten, die sie in guten Zeiten begleitet haben, sie auch in schlechten Zeiten begleiten werden. Die Gegenwart der Jesuiten ist eine Gegenwart der Hoffnung für die Menschen, denen sie dienen.

Jerome Sequeira SJ

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