Aufbruch in kleinen Schritten

Mit Bildungsangeboten und Sozialarbeit begleiten Jesuiten den tiefgreifenden Wandel im ehemaligen Königreich Burma. Katrin Morales und Judith Behnen haben verschiedene Projekte besucht.

Drei gerahmte Porträts hängen im Arbeitszimmer von Pater Mark Raper an der Wand: Eines vom Ordensgründer Ignatius von Loyola, eines von Pedro Arrupe, dem Generaloberen, der 1980 den Flüchtlingsdienst der Jesuiten ins Leben rief, und eines von der jungen Aung San Suu Kuyi, die ihren Einsatz für Demokratie in Myanmar mit jahrelangem Hausarrest bezahlte. „Vielleicht ist es an der Zeit, ihr Foto abzuhängen“, sagt Pater Mark Raper mit wehmütigem Blick auf das Bild. „Wenn nur noch ihr Mann Michael leben würde, er war ein wunderbarer Mensch und guter Freund, sie habe ich nie persönlich getroffen.“

Ein Blick in die Geschichte

Und schon sind wir mitten in einer lebhaften Diskussion: Wie kann es sein, dass eine Regierungschefin, die Unterdrückung aus eigener Erfahrung kennt und für ihren gewaltlosen Widerstand 1991 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde, jetzt keine deutlichen Worte findet für die Vertreibung der Rohingya aus Myanmar? Mark Raper ist der Obere der Jesuiten in Myanmar, er kennt das Land seit vielen Jahren und zeichnet ein differenziertes Bild der Geschichte und politischen Situation. Der offizielle Name des Landes lautet „Republik der Union Myanmar“ – damit soll bereits im Namen die ethnische und sprachliche Vielfalt von Myanmar transportiert werden. Bis zur Kolonialbesetzung durch die Briten war das Gebiet Teil des burmesischen Königreiches, daraus leiten einige Gruppen der burmesischen Ethnie noch heute einen politischen Herrschaftsanspruch ab.

Während der britischen Kolonialzeit wurden Arbeitskräfte aus Indien und Bangladesch angesiedelt, deren Nachkommen zum großen Teil bis heute keine Staatsangehörigkeit besitzen. Unterschiedliche ethnische Gruppen kämpfen seit langem in Mynamar für mehr Rechte und Unabhängigkeit. „Aung San Suu Kuyi ist die Tochter eines burmesischen Generals, der eine wichtige Rolle im Kampf für die Unabhängigkeit von Großbritannien gespielt hat“, sagt Mark Raper, „dieser biographische Hintergrund erklärt vielleicht einiges.“

Hilfe für Vertriebene

Seit 1997 leben Jesuiten wieder in Myanmar. Sie knüpfen an eine Arbeit an, die 1966 durch den Rauswurf aller ausländischen Ordensangehörigen durch die Militärregierung abrupt beendet wurde. „In den über zwanzig Jahren seit unserer Rückkehr hat sich so viel im Land verändert“, sagt Mark Raper, „nach Jahrzehnten der Selbstisolierung wird Myanmar jetzt von der Welt entdeckt.“ In Bangladesch hilft der Flüchtlingsdienst der Jesuiten (JRS) den Rohingya, in Myanmar ist er unter dem Dach der lokalen Caritas im Bundesstaat Kachin aktiv.

Gemeinsam mit Projektleiterin San Bu Ra besuchen wir einige Camps, in denen vertriebene Familien oft schon seit vielen Jahren in erdrückender Enge leben. Der JRS fördert den Bau von Schulen in den Camps, bietet Abendunterricht als zusätzliche Förderung sowie Häuser, in denen ältere Jugendliche betreut leben und lernen können. Die ethnische Gruppe der Kachin sind zu 90% Christen, die lokale Kirche ist sehr engagiert und die Camps für die Binnenvertriebenen befinden sich alle auf Land in Kirchenbesitz.

Ein College mit Ausstrahlung

Weiter geht es nach Taunggyi in den Bundesstaat Shan. Neben dem Noviziat und Kandidatenhaus für die interne Ordensausbildung bieten die Jesuiten Englischkurse und Lehrerausbildung. Wir besuchen eines der Mädchen-Hostels. Im Vorgarten sitzt ein riesiger Teddybär auf einem Plastiksessel. Es war Waschtag und auch die Stofftiere sind jetzt sauber. 40 junge Frauen wohnen hier zusammen, Monica, Studentin im 2. Jahr, begrüßt uns gastfreundlich. Sie erzählt uns von ihrem Alltag und ihren Zukunftsplänen. Unterricht, Studium, Vorbereiten der Praktika, gemeinsames Arbeiten im hauseigenen Gemüsegarten, Küchendienst, Wäsche waschen, die Tage sind gut gefüllt. Ihre Mitbewohnerinnen sind noch in der Schule, haben Semesterabschlussprüfung.

Seit 1997 bietet das SAG- Saint Aloysius Gonzaga College der Jesuiten in Taunggyi hochwertigen, leistbaren Englischunterricht. Die Nachfrage ist groß und die Angebote werden ständig weiterentwickelt, erzählt uns Direktor Pater Vinny. In Zusammenarbeit mit Jesuit Worldwide Learning (JWL) werden die Studierenden ein Jahr lang in Englisch gefördert, bevor sie ihr Lehramts- und Sozialarbeitsstudium beginnen. Das Studium beinhaltet auch viel Praxis.

Wir dürfen eine Gruppe begleiten, die in einer buddhistischen Klosterschule Englisch unterrichtet. Fast 600 Kinder unterschiedlichster Religionen und Ethnien besuchen diese Schule, viele auch aus anderen Bundesstaaten. Viele kommen aus Gebieten, in denen die politische und militärische Lage unsicher ist. Gute Ausbildung und sicheres Umfeld machen die Klosterschulen attraktiv. Heute ist Prüfungstag, mit großer Ernsthaftigkeit leiten die Studentinnen die Kinder an.

Leben im Slum

In Thingangyun, einem Slum im Osten der Hauptstadt Yangon, leben über 200.000 Menschen. Viele von ihnen haben keine Dokumente, wurden nach dem Taifun Nargis 2008 obdachlos, sind als religiöse oder ethnische Minderheit diskriminiert. Pater Amal und sein Team unterstützen sie in vielen Bereichen. Mitten im Slum steht das Gemeinschaftszentrum. Schulunterricht in vier Fächern, Nachhilfe für diejenigen, die sonst die Abschlussprüfung nicht schaffen würden, Computerkurse. Knapp 150 Kinder und Jugendliche nehmen an den Kursen teil, die Listen und Pläne hängen übersichtlich an der Wand.

Für Kinder, die in schwierigsten Umständen und Familienverhältnissen leben, sind sichere Orte, an denen sie Hausaufgaben machen können, und liebevoll betreut werden, lebensverändernd. Für die Erwachsenen gibt es Unterstützung in Form von Mikrokrediten, wo möglich, wird auch geholfen, die Wohnsituation zu verbessern. Wir besuchen einige der Familien. Die Hütten stehen auf Holzpfählen, darunter und rundherum steht das Abwasser mit Müll und Ungeziefer. Die reparierten Hütten sind am blauen Baumaterial zu erkennen. Wir sehen die verbesserte Version und möchten uns gar nicht vorstellen, wie es vorher ausgesehen hat. Immerhin, die Holzpfähle wurden durch Beton ersetzt, der Boden wird erstmal nicht bei der nächsten Regenzeit einbrechen.

Über 600 Unterkünfte hat das Team um Pater Amal gemeinsam mit den Bewohnern in den letzten Jahren repariert oder neu gebaut. Mit kleinen Schritten bewegt sich etwas an vielen Orten in Myanmar.

Judith Behnen / Katrin Morales

Ihre Spende hilft

Jetzt online spenden

Jesuitenmission
Verwendungszweck:
X20010 freie Spende

Bank: Liga Bank
IBAN:DE61 7509 0300 0005 1155 82
BIC:GENO DEF1 M05