Auf dem Weg für Menschlichkeit und Hoffnung

Der argentinische Jesuit Fernando Azpiroz leitet „Ricci Social Services“, das große Sozialwerk der chinesischen Jesuitenprovinz. Vor über dreißig Jahren hat sein Vorgänger Pater Luis Ruiz begonnen, sich um Leprakranke zu kümmern, die wie Ausgestoßene in isolierten Kolonien lebten. Neue Arbeitsfelder sind seitdem hinzugekommen. Pater Azpiroz schildert äußere und innere Herausforderungen.

Einen Glauben zu leben, der sich für Gerechtigkeit einsetzt, bedeutet auch, in einem schwierigen und herausfordernden Umfeld tätig zu sein und Entscheidungen treffen zu müssen. Ganz
unterschiedliche Regungen, also eine Vielzahl an Bildern, Vorstellungen und Gefühlen, tauchen dann in unserem Geist und Herzen auf. Die ignatianische Spiritualität misst der Unterscheidung dieser Regungen und Bilder eine besondere Bedeutung zu: Sie zeigt uns eine grundsätzliche Ausrichtung auf, die uns dann hilft, in einem zweiten Schritt nach soliden Lösungen für konkrete Probleme zu suchen.

Schriftzeichen als Wegweiser

Drei solcher Bilder, die für meine Arbeit und Mission in China sehr wichtig geworden sind, möchte ich mit Ihnen teilen. Sie haben ihre Wurzeln sowohl in der ignatianischen Tradition als auch in der chinesischen Kultur. Diese Bilder, die mir als Wegweiser dienen, kommen in drei chinesischen Schriftzeichen zum Ausdruck: den Dialog mit anderen zu erlernen, dargestellt durch das Zeichen Ren 仁, was Menschlichkeit bedeutet. Auf das Unwahrscheinliche zu hoffen, dargestellt durch das Zeichen Wang 望, was Hoffnung bedeutet. Sich als Teil einer gemeinsamen Mission zu verstehen, hinter die man selbst zurücktritt und so zu lernen, überflüssig zu werden, dargestellt durch das Zeichen Dao 道, was Weg bedeutet.

Mit dem Herz eines anderen fühlen

Schon zu Zeiten von Matteo Ricci, dem großen China-Missionar des 16. Jahrhunderts, haben sich die Jesuiten von dem Zeichen Ren 仁 angezogen gefühlt, das als Elemente im Schriftzeichen eine Person und die Nummer zwei repräsentiert. Was uns menschlich macht, ist die Beziehung zum anderen. Anhänger des modernen Konfuzianismus drücken dies als die Fähigkeit aus, mit dem Herzen eines anderen Menschen zu fühlen. Je größer die Kluft zwischen diesen beiden Personen ist, je mehr ich mich empathisch einfühlen muss, desto stärker
ist dabei die Erfahrung, wirklich menschlich zu werden. In meinen bereits dreizehn Jahren in China bei Ricci Social Services bin ich von Anfang an gesegnet gewesen, in enger Beziehung zu Menschen zu stehen, die ganz anders sind als ich es bin. Leprakranke, Kinder und Erwachsene, die mit HIV / AIDS leben, chinesische Schwestern, die sich um diese Menschen kümmern, Prostituierte, Regierungsbeamte und viele andere. Nach all den Jahren ist es mir unmöglich, mich selbst ohne sie zu verstehen. Sie sind ein Teil von mir geworden. Durch sie verstehe ich unsere Mission, die Quelle unserer jesuitischen Identität ist.

Viele von ihnen, einschließlich Regierungsbeamten, sind meine Freunde geworden, meine Missionsgefährten und meine besten Lehrer. Sich in unserer Verschiedenheit auszutauschen
war ein langer Lernprozess, um zu verstehen, was uns verbindet, was uns ergänzt und was uns in entgegengesetzte Richtungen treibt. Dieser Dialog hat einen Raum gegenseitiger Freiheit eröffnet, der unsere Identität gleichzeitig wandelt und vertieft. Der Dialog, vor allem mit jenen, die gegen uns zu sein scheinen, ist tief in unserer Jesuiten-DNA verankert. Es ist nicht bloß eine Art und Weise des Verhandelns in herausfordernden Situationen, um unsere Mission zu erreichen. Der Dialog an sich war und ist ein wesentlicher Bestandteil unseres Einsatzes für Versöhnung und Gerechtigkeit, wie es in der 36. Generalkongregation zum Ausdruck kommt.

Auf das Unwahrscheinliche hoffen

Aber Dialog funktioniert in China nicht so schnell. Also musste ich anfangen zulernen, auf das Unwahrscheinliche zu hoffen. Als wir vor dreißig Jahren unsere Arbeit mit Leprakranken in China begonnen haben, waren die Bedingungen schrecklich. Selbst die Leprakranken konnten nicht verstehen, warum die Schwestern, die mit uns arbeiten, an die trostlosesten Orte Chinas kommen wollten, um bei ihnen zu bleiben und mit ihnen zu leben. „Wann wirst du wieder gehen?“, war die häufigste Frage, die sie diesen heldenhaften Schwestern stellten.
Dasselbe geschah, als wir vor fünfzehn Jahren begannen, HIV/AIDS-Patienten zu helfen. Seit fünf Jahren arbeiten wir mit gefährdeten Frauen – auch hier dieselbe Frage. Das chinesische Zeichen für Hoffnung zeigt einen Gelehrten, der auf den Mond schaut, aber fest auf dem Boden steht. Für mich bedeutet das, die Gegenwart und ihre Umstände zu lieben und auf die Zukunft zu hoffen. Jeden Tag zu dienen und den Dialog zu suchen in der gegenwärtigen Realität, in dem Wissen, dass wir uns dadurch auf das Geschenk der Zukunft vorbereiten. Die
Hoffnung war eines der wichtigsten Worte während unserer letzten Generalkongregationen und eines der größten Geschenke, das ich während meiner Mission in China erhalten habe.

Im Hintergrund überflüssig sein

Das bringt uns zu meinem dritten Schriftzeichen: zu lernen, wie man überflüssig wird. Der berühmte chinesische Philosoph Laotse schrieb bereits im 6. Jahrhundert vor Christus, dass die besten Herrscher diejenigen sind, von denen die Menschen kaum wissen, dass sie existieren. „Der beste Herrscher bleibt im Hintergrund und seine Stimme ist selten zu hören. Wenn er seine Aufgaben erfüllt, erklärt das Volk: Das haben wir selbst gemacht.“ Ein Kernelement unserer jesuitischen Vorgehensweise ist das Schaffen einer apostolischen Basis für die Mission. Die Mission gehört nicht uns und ist nicht dem Einzelnen anvertraut, sondern der ganzen apostolischen Gemeinschaft. Der jesuitische Weg stimmt hier mit dem chinesischen Weg 道 überein, „dem Weg des weisen Königs“. Im chinesischen Kontext, wo sich alles schnell wandelt, ist dies sehr wichtig, um gegenseitiges Vertrauen aufzubauen. Dreißig Jahre Ricci Social
Services in China sind ein Beweis dafür, dass die Stetigkeit und Ausdauer einer ganzen Gemeinschaft und nicht einzelner Personen eine Mission gelingen und voranschreiten lässt.

Lebenslange Lektion

Zu lernen, mit anderen in einen Dialog zu treten, auf das Unwahrscheinliche zu hoffen und selbst überflüssig zu werden. Noch immer bin ich weit entfernt von jeglicher Meisterschaft in diesen drei Disziplinen. In China sagen wir: „Je länger du lebst, desto mehr musst du lernen.“

Fernando Azpiroz SJ

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