Kunst in der Jesuitenmission

Die Jesuitenmission verfügt über ein umfangreiches Kunstarchiv mit Originalwerken aus aller Welt, aus dem wir thematische Ausstellungen an Pfarreien, Schulen, Firmen und Institutionen ausleihen.

Das Kunstarchiv der Jesuitenmission

Gabriele von Schoeler betreut in der Jesuitenmission das Kunstarchiv. Hier erzählt sie von ihrer Arbeit und ihren Lieblingswerken.

Ein Bild des Künstlers Ngeth Sim aus einem Flüchtlingslager.

Was ist das Kunstarchiv der Jesuitenmission?

Das Kunstarchiv ist eine Aufbewahrungs- und Dokumentationsstation der Kunstwerke und kunsthandwerklichen Gegenstände, die ihm Laufe von mehr als 30 Jahren gesammelt wurden. Die Jesuitenmission hat in der Vergangenheit viele Kunstprojekte unterstützt und auch Schulungen von Künstlern gefördert. Ein Großteil der Kunstwerke sind von diesen Künstlern als Dank der Jesuitenmission geschenkt worden. Ein anderer Teil der Kunstwerke ist durch Nachlässe der Jesuitenmission übereignet worden. Das Kunstarchiv will diese Kunstschätze sinnvoll der Öffentlichkeit zugänglich machen. Der Schwerpunkt des Kunstarchivs liegt auf indigener oder inkulturierter Kunst, also einer Kunst, die zutiefst den eigenen Traditionen verbundenen ist. Viele Kunstwerke kommen nicht aus dem katholisch-christlichen Raum, sondern sind hinduistische, buddhistische und indianische Kunst sowie Werke, die im Kontext von Naturreligionen oder Stammestraditionen entstanden sind.

Wie viele Kunstgegenstände gibt es in der Jesuitenmission?

Insgesamt haben wir etwa 1.500 Kunstwerke. Dazu zählen natürlich nicht nur Gemälde, sondern auch Skulpturen, Kunsthandwerk, Devotionalien, Möbel und Stammeskunst. Bei allen Gegenständen handelt es sich um originäre und traditionelle Kunst. Vieles kommt aus Indien. P. Joe Übelmesser SJ, der bis zum Jahr 2000 Leiter der Jesuitenmission war, hatte seine Studienzeit in Indien verbracht. Er hat eine starke Affinität zur Kunst und viele indische Künstler kennen gelernt, zum großen Teil christliche Künstler. Er hat angefangen, das Kunstarchiv systematisch aufzubauen, er hat viele Künstler unterstützt, die unter harten, kargen Bedingungen arbeiteten und nur für ihre Kunst lebten. 

Die „Arche Noah“ des indonesischen Künstlers Untung.

Zu vielen Kunstwerken im Archiv gibt es sehr beeindruckende und auch abenteuerliche Geschichten. Wir haben eine Reihe von Gemälden des indonesischen Künstlers Untung. In den siebziger Jahren war er als verdächtigter Kommunist politischer Gefangener auf der indonesischen Folterinsel Buru. Ein Jesuit, Pater Ruffing, der während seines Studiums in Indien der Zimmergenosse von P. Übelmesser war, hat die politischen Gefangenen auf der Insel seelsorglich betreut. Er hat ein Dutzend Bilder von Untung aus dem Lager herausgeschmuggelt – eingerollt in seine Gummistiefel. Es gibt ebenfalls einige Gemälde des kambodschanischen Künstlers Ngeth Sim, der 1981 vor den Roten Khmer geflohen ist und lange in einem thailändischen Flüchtlingslager gelebt und gemalt hat. Bilder, die unter solchen Bedingungen entstanden sind, haben etwas zutiefst authentisches, sie sind Zeugnisse einer beklemmenden und dunklen Wirklichkeit. Sie zeigen Furcht, Schrecken und Agonie, sind aber gleichzeitig mit einem unglaublichen Lebenswillen gemalt worden.

„Ecce Homo“ des südindischen Malers Alphonso.

Was ist Ihre Aufgabe im Kunstarchiv?

Ich betreue das Kunstarchiv in der Jesuitenmission ehrenamtlich und komme etwa alle zwei Monate für eine Woche nach Nürnberg. Ich archiviere und digitalisiere den Bestand, organisiere Ausstellungen und halte den Kontakt zu den Künstlern. Es ist eine Tradition und auch eine Hommage an die Künstler, dass wir zu Weihnachten und manchmal auch zu Ostern in unserem Magazin weltweit einen Künstler mit seinen Werken vorstellen. Oft sind diese Serien eigens dafür gefertigt worden. Das machen wir schon seit Jahren und man könnte mittlerweile ein spannendes Kunstbuch daraus machen. Mir macht es große Freude, dafür Künstler aus verschiedenen Ländern und Kontexten zu finden. Es ist sehr spannend zu sehen, was für unterschiedliche Traditionen es gibt, wie unterschiedlich in Kulturen mit Kunst umgegangen wird. Der Fokus hat sich in den letzten Jahren etwas gleichmäßiger auf alle Kontinente verteilt, wir haben viele interessante Dinge aus Afrika und Lateinamerika. Mein Anspruch ist, diese Werke anschließend nicht nur im Keller abzustellen, sondern ein Forum anzubieten und Ausstellungen sowie Projekte mit Schulen, Museen, Kirchengemeinden und öffentlichen Einrichtungen zu verwirklichen. Mir scheint, dass der Nimbus christlicher Kunst im Kontext moderner Kunst heute stiefmütterlich behandelt wird, obwohl der Ursprung fast aller Kunst in den Kirchen, Tempeln, Sakralräumen und Kultstätten liegt. Dort hat Kunst begonnen und immer schon stattgefunden. Etwas künstlerisch darzustellen, ist ein zutiefst menschliches Bedürfnis. Es ist wie mit Musik und Architektur: Kunst kommt ohne Worte aus.

Das „Mahl der Ausgeschlossenen“ des argentinsichen Malers Irineo.

Welche Kunstwerke in der Jesuitenmission faszinieren Sie besonders?

Da fallen mir spontan drei ein. Das Werk „Ecce Homo“ des südindischen Malers Alphonso. Es fasziniert mich, dass ich einen Torso anschaue, der mir den Eindruck gibt: Er ist auf der einen Seite noch nicht ganz fertig geworden und auf der anderen Seite perfekt. Diese Schwebe zwischen unfertig und perfekt zeigt für mich eine große Affinität zu allen Menschen. Es hat etwas Beeindruckendes und Erhabenes. Es macht mich sprachlos.

Das zweite Bild ist die „Arche Noah“ des vorhin schon erwähnten indonesischen Künstlers Untung. Es ist für mich ein Bilderbuch, das nie zu Ende geht. In dem ich immer neue Szenen entdecke, die spannend sind, die eine unendliche Liebe zu kleinen Details zeigen. Mich fasziniert seine eigenartige Mischung von Farben, die ich in der Form bei ihm zum ersten Mal kenne gelernt habe.

Das dritte Werk ist das „Mahl der Ausgeschlossenen“, ein riesiges auf ein Baumwolltuch gemaltes Pastell. Die Intensität und Kraft dieser Ausgeschlossenen und Geschundenen überrascht mich. Sie sind offenbar heftig in einer Argumentation, in einem gemeinsamen Dialog, der es einen vergessen lässt, dass es sich um die Marginalisierten handelt. Trotz der drastischen Darstellung hat dieses Bild für mich eine sehr positive Kraft.

Interview: Judith Behnen