Kinderschutz: Mission gegen Missbrauch

Sichere Räume für Kinder müssen selbstverständlich sein, in der Schule in Tomsk / Sibirien und allen anderen jesuitischen Einrichtungen weltweit.

Stephan Lipke SJ koordiniert für die Russische Region Kinderschutzmaßnahmen und berichtet über die Regeln für den Umgang mit Minderjährigen, Behinderten, Ausgegrenzten.

Wenn Einsatz für den Glauben die Sorge um Gerechtigkeit einschließt, dann ist Mission – zumindest indirekt – auch Einsatz gegen sexuellen Missbrauch. Tatsächlich haben Missionarinnen und Missionare über die Jahrhunderte Kinder vor Sklaverei und damit vor sexueller Ausbeutung bewahrt, Soldaten vom Vergewaltigen abgehalten, Menschen Arbeit und Bildung statt Abhängigkeit geboten. Beispiele für Einsatz gegen Missbrauch aus jüngerer Zeit sind P. Hieronymus Messmer SJ, der in den 1990er Jahren während des Bürgerkriegs in Tadschikistan zahlreiche Familien mit Frauen und Kindernaußer Landes und damit außer Gefahr bringen konnte, und P. Krzysztof Korolczuk SJ. Er hat in Kirgistan während der Pogrome gegen die usbekische Minderheit 2010 viele Frauen und Kinder vor Gewalt bewahrt.

Risikofaktoren

Leider gibt es aber immer wieder auch das Umgekehrte: Missionare, die zu Tätern werden. Es gibt sogar bestimmte Risikofaktoren, die bei Missionaren besonders stark ausgeprägt sind: Missionarinnen und Missionare wagen sich in Neuland vor, deshalb ist dort oft niemand, mit dem sie sich austauschen, aber auch ein bisschen gegenseitig beaufsichtigen können. Nicht immer kommen sie, kommen wir mit der Einsamkeit zurecht, bei uns in Russland auch mit der Kälte und Dunkelheit, mit dem Alkohol. Oft haben wir zu tun mit Leuten, die von uns wirtschaftlich abhängig sind und die sich deshalb schwertun, uns gegenüber nein zu sagen oder uns zu kritisieren. Außerdem gibt es wohl – leider – Bistümer und Ordensgemeinschaften, die in ferne MissionenMitbrüder schicken, mit denen es Probleme gibt. Auch die Missionen der Jesuiten sind nicht immer frei davon gewesen.

Nähe und Macht

Deshalb hat sich auch die Russische Region der Gesellschaft Jesu Regeln für den Umgang mit den uns anvertrauten Menschen gegeben, besonders mit Minderjährigen, Behinderten, Ausgegrenzten. Diese Regeln setzen bereits da an, wo Nähe allmählich zu viel Nähe oder Macht allmählich zu viel Macht wird: Es ist nötig, dass die Beichte in einem geschützten Raum mit Privatsphäre stattfindet, aber nicht in einer engen Kammer, in der alles Mögliche vor sich gehen kann, und erst recht nicht im privaten Zimmer eines Priesters. Es ist normal, gelegentlich in der Seelsorge jemanden zu umarmen, im Sportunterricht oder bei der Messdienerprobe jemanden zu berühren, etwa um eine Bewegung zu korrigieren. Aber der Missionar selbst, seine Mitbrüder, Kolleginnen und Kollegen müssen darauf achten, dass daraus nicht Grenzüberschreitungen werden: aufdringlich, zu viel, zu eng. Es ist unvermeidlich, dass jemand mit einer leitenden Funktion in einer Mission wie ein Oberer oder Pfarrer viele Vollmachten hat. Er darf aber nicht Menschen von sich abhängig machen, indem er z.B. alleine und ohne Beratung große Geschenke macht oder über Arbeitsverhältnisse entscheidet. Solche Regeln sind wohl ebenso wichtig wie eine klare Vorgehensweise bei einem konkreten Missbrauchsverdacht.

Seminare in der ganzen Region

Seit Anfang 2019 gibt es nun ähnliche Regeln für alle Tätigkeiten der katholischen Kirche in Russland. Unser St.-Thomas- Institut ist damit beauftragt, Seminare für Priester, Ordensleute, Caritasdirektoren und andere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Kirche zu organisieren. Dabei helfen uns das Kinderschutzzentrum an der Gregoriana in Rom und die Caritas in St. Petersburg. Im Mai waren wir in Saratow an der Wolga, im Oktober kamen verschiedene Regionen an die Reihe, von Kaliningrad bis Irkutsk. Mir scheint, dass dieses Programm mit großem Interesse angenommen wird.

Stephan Lipke SJ,
Direktor des St.-Thomas-Instituts in Moskau

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