Advent und Revolution

Das Leid vergessen, und wenn es nur für eine Schulstunde ist: Schwester Anna leitet den Sportunterricht.

Massenproteste, geschlossene Schulen, Anspannung: In unsicheren Zeiten kümmert sich Schwester Anna Schenck als Freiwillige für den Jesuiten-Flüchtlingsdienst (JRS) im Libanon um geflüchtete syrische Kinder. Aber nicht nur auf Grund der politischen Lage ist die Arbeit eine große Herausforderung. Im folgenden Text schildert sie die Eindrücke der ersten Wochen.

Ankunft im Umgewissen

Ziemlich genau eine Woche nach meiner Ankunft hier begannen die Massenproteste im ganzen Land, die „Revolution“, wie sie im Libanon selbst genannt wird, mit ihren Straßenblockaden, die das öffentliche Leben für etliche Zeit lahmgelegt hat und seither immer wieder zum Erliegen bringt. So mussten auch die Projekte des JRS auf der Bekaa-Ebene einige Zeit geschlossen bleiben. In dieser Phase, knapp drei Wochen lang, war ich praktisch ganz an das Gelände der Jesuiten hier in Deir Taanayel gebunden – zusammen mit einem französischen Jesuiten, der derzeit zu einem Noviziatsexperiment ebenfalls mit dem JRS hier ist und damit in einer ganz ähnlichen Situation wie ich.

In dieser Zeit mussten wir uns also hier im Haus und Gelände beschäftigen bzw. wurden von den Jesuiten mit einigen „liegengebliebenen“ Aufgaben, für die sonst keiner Zeit findet, beauftragt; u. a. haben wir Ordnung in der sog. französischen Bibliothek des Hauses geschaffen. Natürlich konnten wir zunächst auch die Sicherheitslage nicht einschätzen und wurden erst nach und nach mutiger, das Gelände auch mal zu verlassen und zumindest die nähere Umgebung und die Menschen dort zu erkunden. Immerhin konnten wir in dieser Phase mit dem JRS klären, in welchen beiden Schulen wir nach der Aufhebung der Straßenblockaden eingesetzt sein werden.

„No school today“

Am 7.11., vier Wochen nach meiner Einreise, hatte ich dann auch meinen ersten Schultag in „meinem“ Projekt“, Telyani School in Bar Elias – und wurde dort sehr offen aufgenommen. Der Schulbetrieb musste nach einigen Tagen aber wieder unterbrochen werden, wurde wieder aufgenommen, wieder musste die Schule tageweise geschlossen bleiben... Auch wenn ich mittlerweile auf einige Schulwochen in Telyani komme, blieb die Lage unsicher (so hieß es immer wieder: „no school today“). Der abendliche und auch morgendliche Blick auf das Handy, um zu erfahren, ob die Schule geöffnet ist oder auch nicht, gehört inzwischen einfach dazu. Das Leben von einem Tag auf den anderen habe ich hier wirklich gelernt.

Was diese tägliche Unsicherheit für die Schüler*innen (allesamt syrische Flüchtlingskinder, die in den umliegenden Camps leben) und auch die Lehrer*innen bedeutet, für den Lernstoff und die anstehenden Prüfungen, vor allem aber an psychischer Verunsicherung, kann ich bestenfalls erahnen. Über die Schwierigkeiten, die die aktuelle politische und wirtschaftliche Situation im Libanon mit sich bringt, etwa die massiven Einschränkungen im Zahlungsverkehr, erhalte ich als Volunteer bestenfalls rudimentäre Informationen bzw. bekomme vor allem die Stimmung und Anspannung mit.

Frieren im Klassenzimmer

Wovon ich gerne aber noch ein wenig berichten möchte: Wie beeindruckt ich bin, was die Schulleitung, die Lehrkräfte, die Sozialarbeiterin und weiteren Angestellten für die rund 500 Schüler*innen leisten. Es sind wirklich keine leichten Rahmenbedingungen: Die acht Klassenzimmer, die im Zweischichtbetrieb vormittags und nachmittags genutzt werden, sind aus einfachen Holzplatten gebaut – und inzwischen ist es auch hier im Libanon und erst recht auf der Bekaa-Ebene kalt und auch nass geworden. Häufig ist es in der Schule kühl bis kalt, manchmal auch zugig und fecht, oft sitzen die Schüler*innen auch sehr beengt; für die Pausen und den Sport steht nur der Innenhof zur Verfügung. In den einzelnen Klassen finden sich Schüler*innen unterschiedlichen Alters wieder, weil viele nicht mit fünf Jahren eingeschult wurden und eine durchgehende Schullaufbahn haben, sondern eben nach Lernniveau eingestuft wurden. Dennoch gibt es enorme Unterschiede im Niveau bzw. in den Begabungen der einzelnen Schüler*innen – und das bei einer Klassenstärke von häufig über 30.

Unterricht ist Sozialarbeit

Vor allem aber bringen die Schüler*innen (selbstverständlich!) all ihre häuslichen Probleme mit in die Schule. Die größte Herausforderung der Lehrer*innen, gerade in den unteren Klassen, besteht darin, für so viel Ruhe und Ordnung zu sorgen, dass Unterricht im eigentlichen Sinne überhaupt stattfinden kann. Manche Kinder haben keine anderen Möglichkeiten gelernt, sich Aufmerksamkeit zu verschaffen, als zu stören – bis hin zu Prügeleien und weiteren gewaltsamen Auseinandersetzungen untereinander. Ich bewundere alle Lehrkräfte, die sich unter diesen Bedingungen täglich (jedenfalls soweit möglich) mit Engagement und auch viel Liebe diesem Kraftaufwand stellen, den Kindern zumindest etwas Halt und Sicherheit, Bildung und Zukunft zu geben. Meine bescheidene Aufgabe besteht dann auch in erster Linie darin, die Lehrkräfte im Rahmen meiner (geringen) Möglichkeiten zu unterstützen, manchmal einfach als zweite Erwachsene im Unterricht mit dabei zu sein, hier und da persönlich zu fördern – vor allem aber für alle, die Kinder sowie die Mitarbeiter*innen, da zu sein.

Ich wünsche allen Leser*innen eine gesegnete Adventszeit (die hier so ganz anders geprägt ist, in der maronitischen Kirche auch gänzlich unbekannt, aber irgendwie gehe ich doch auch den Weg auf Weihnachten zu),
herzliche Grüße,

Sr. Anna Schenck CJ

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