Frohe Ostern aus Uganda,
wie das in Afrika so ist etwas zu spät, wahrscheinlich habe ich mich an das ugandische Zeitgefühl mittlerweile sehr gut angepasst. Nicht desto trotz möchte ich ganz herzliche Ostergrüße nach Deutschland senden und ein wenig erzählen was ich in den letzten Monaten so gemacht habe. Gerade haben wir Schulferien, noch bis zum 21. Mai. In Uganda haben die Schüler im Mai einen Monat, ebenso im August und von Dezember bis Februar fast 3 Monate Schulferien.
Das liegt daran, dass fast alle Schulen Boarding Schools sind, in den Ferien fahren die Schüler dann nach Hause, helfen ihren Eltern und arbeiten nicht selten für das Schulgeld für das nächste Trimester. Manche Jugendlichen haben jedoch keinen Ort wo sie die Ferien verbringen können und bleiben in der Schule. Sie haben entweder keine Eltern oder Verwandten oder sind während den Ferien Vernachlässigung und Misshandlung ausgesetzt. Ein Mädchen hat sich geweigert nach Hause zu gehen, sie war ernsthaft besorgt nach den Ferien ungewollt schwanger nach Ocer zurückzukehren und sich damit ihre Möglichkeit auf einen Schulabschluss zu verbauen.
Ihre Onkel und Cousins nehmen keinerlei Rücksicht darauf, was ein Mädchen will oder nicht. Keine Seltenheit in Norduganda, wo man auf der Straße fast keine junge Frau trifft, die kein Baby auf den Rücken gebunden hat. Das besagte Mädchen durfte mit ein paar Mitschülern über die Ferien in unserer Secondary School „Ocer Campion Jesuit College“ bleiben und sich nebenher in unserer Farm etwas Taschengeld verdienen.
Die anderen Mädchen erwartet bei ihrer Rückkehr im Mai ein kollektiver Schwangerschaftstest, in Secondary Schools in Uganda durchaus üblich.
Auf meinen Einwand, ob dieser denn ohne Einverständniserklärung der Eltern durchgeführt werden dürfe, wurde ich von meinen ugandischen Kollegen ausgelacht, „Im Gegenteil, die Eltern machen dir die Hölle heiß, wenn du als Schule die Mädchen nicht testest“.
Ja, in 2 Wochen geht also die Schule wieder los, mit 130 Schülern die im Februar mit P7 oder S1 begonnen haben. Ich habe letztes Schuljahr Kunst und Religion unterrichtet, Religion in andauernder Diskussion mit der Ordensschwester, die auch Religion unterrichtet und davon andere Vorstellungen hat als ich… Das Schuljahr war chaotisch. Kann man ein Schuljahr mit über 100 neuen Schülern beginnen, wenn die Unterkünfte noch keine Türen haben und nicht gestrichen sind, die Toiletten für die Jungens nicht fertig gestellt sind, es keine Hausmutter gibt die bei den Schülern schläft, ein paar von den neuen Lehrern erst einen Tag auftauchen bevor die Schüler erwartet werden, die Schneiderin die Schuluniformen noch nicht gebracht hat, die Köchin auf dem Feuer mit Töpfen kocht die Essen für nur 30 Schüler fassen können, …? Ja man kann, aber es hat mich fast wahnsinnig gemacht. Es geht, wenn die Schüler in den ersten zwei Wochen zweimal umziehen, man die 80 Schüler in S1 zunächst mal in einen Klassenraum zusammenquetscht und unterrichtet und man eine Sekretärin und eine deutsche Freiwillige hat, die abwechselnd in einer kleinen Kammer in der Schule wohnen und die Schüler beaufsichtigen. Den Job der Hausmutter habe ich neben dem Unterrichten und vielen anderen Pflichten nicht lange durchgehalten. Wer mich kennt, weiß dass ich auf Dauer nicht wirklich genießbar bin für andere, wenn ich jeden Morgen um 5.20 aufstehe, dann den Tag über arbeite und eigentlich nie wirklich frei habe. Mittlerweile haben wir eine Hausmutter und ich unterrichte, halte Katechesen, leite die Bibliothek, … auch genug Arbeit. Da ich keine Verständigungsprobleme mehr habe und den ugandischen Akzent im Englischen fast fließend beherrsche, macht der Unterricht mit den Schülern richtig Spaß. Besonders der Kunstunterricht, für den ich die meisten Materialien von Spendengeldern finanziert habe. An dieser Stelle herzlichen Dank für die finanzielle Unterstützung. Am Ende meines Aufenthaltes werden die verbleibenden Spendengelder in den Fond fließen, aus dem die Schule Jugendlichen ohne Eltern und jegliche Unterstützung den Schulbesuch finanziert, sowie zum Beispiel Krankenhausbesuche und Schuhe bezahlt.
Das Schuljahr war also sehr anstrengend, aber auch spannend und interessant. Was mir manchmal als viel zu chaotisch erscheint, ist hier in Uganda im Vergleich zu anderen Secondary Schools gehobener Standard. Und wirklich muss ich zugeben, dass es unseren Schülern wirklich besser geht als vielen ihrer Altersgenossen. Auch wenn es noch sehr viel zu tun gibt am Ocer Campion Jesuit College.
Wahrscheinlich unvermeidlich wenn man versucht eine Schule aus dem Boden, oder in Gulu eher aus dem Staub zu stampfen… Weil ich dann aber schon mal Ferien hatte, bin ich gleich mal ein bisschen von dem Staub geflüchtet, habe einige Tage in der Hauptstadt Kampala bei Freunden verbracht und bin dann in meinen Urlaub nach Ruanda aufgebrochen. Im April finden in Ruanda die Genozid-Gedenkwochen statt. Was angesichts der Tatsache, dass das ganze Land voll ist mit Genozid-Gedenkstätten aus dem Jahr 1994, häufig bei katholischen Kirchen und mit vielen ausgestellten Schädeln, doch ein wenig gruselig ist. Abgesehen davon ist das Land der 1000 Hügel wunderschön und auf jeden Fall eine Reise wert! Ich bin in einem der wenigen Seen in Ostafrika, wo es keine Krokodile gibt geschwommen und habe gelernt die Gesichter von Hutus und Tutsis zu unterscheiden.
Bei meiner Rückeinreise nach Uganda habe ich dann etwas geschwitzt, weil in Ruanda mein Visum abgelaufen war. Das Problem hatte ich auch nur, weil das Immigration Office in Kampala trotz diverser Gelder, die ich bezahlt und diverser Kontakte die mir vermittelt wurden, mein seit Oktober 2010 beantragtes Arbeitsvisum immer noch nicht ausgestellt hat. Mit jeder Menge dummen Geschwätz und 50 Dollar konnte ich mir dann jedoch schließlich an der Grenze zu Ruanda ein neues 3-Monatsvisum kaufen. Und dann geht es am 28. Juni ja schon wieder zurück nach Deutschland, auf das Refrendariat vorbereiten. Davor genieße ich noch mal meinen letzten Monat in Gulu mit meiner Kübel-Freiluft-Dusche und meinen Schülern, denen ich nun endlich mal ein bisschen Deutsch beibringen will.
In diesem Sinne ganz herzliche Grüße nach Deutschland!
Friederike Dillenseger