Archiv für die Kategorie ‘Tansania’

Armut

Sonntag, 27. Februar 2011

Seit Beginn des neuen Schuljahres im Januar arbeite ich nur noch drei Tage in der Woche in der St. Ignatius Primary School. Einen Tag in der Woche plus einen Nachmittag bin ich im Cheshire Home, der Wohn- und Lernstaette fuer Kinder mit geistiger Behinderung. Und einen weiteren Tag verbringe ich in einer Art staatlichen Vorschule, die jedoch noch zur Gemeinde gehoert. Diese ist in einem recht armen Viertel, wo auch nur Swahili gesprochen wird. Ich mag die Ortswechsel.

Es gibt hier einige Menschen, die Tag fuer Tag einen grossen Handkarren mieten, und zwar fuer 1000 Tsh. Damit gehen sie in die Stadt und hoffen, dass jemand sie fuer 500 Tsh anheuert, einige Dinge in der Umgebung von A nach B zu transportieren. Das ist sehr harte koerperliche Arbeit und reicht gerade mal fuer eine Mahlzeit, vielleicht.

Das Gehalt der Arbeiter/innen im Cheshire Home pro Monat betraegt gerade mal 40.000 Tsh. Das sind etwa 20 Euro. Und wenn kein Geld da ist, dann gibt es eben nichts. Und diese Menschen leisten harte Arbeit: Kochen, die vielen Kleider der Kinder waschen, die Kinder beaufsichtigen, duschen, putzen, Reparaturen, Landwirtschaft. Die Koeche der Jesuiten erhalten 80.000 Tsh. Das ist immer noch wenig mit Familie, Schulgebuehren, Strom, Wasser.

In einem Viertel names Mnadani gibt es eine Art Markt, auf dem man gebrauchte Kleidung kaufen kann und ganz viel gegrilltes Fleisch. Es sitzen dort samstags immer viele sehr unterschiedliche Leute unter Sonnenschirmen in einer Gegend, die eigentlich nur aus Staub und ein paar Lehmhaeuschen besteht. Sie genießen dort viel Ziegenfleisch (relativ teuer) und ihr Bier, waehrend drumherum Straßenkinder auf Reste lauern, alte schmutzige Maenner und Frauen betteln. Ein seltsamer Ort: Interessant und abstoßend zugleich. Ein Kind sah ich, das Fleischreste ergattert hatte: Große Augen, ein seliges Laecheln, nur auf die seltene Mahlzeit konzentriert.

Was muss passieren, dass Menschen aus dem hier sehr starken Sozialsystem herausfallen und bettelnd an der Strasse sitzen, manche verkrueppelt?

Wir wohnen in einem recht reichen Viertel. Doch ab und zu kommt ein altes Weib, klopft am Tor und bittet um Essen. Oder ein Maedchen, Klebstoff schnueffelnd. Doch eigentlich kommen wir nicht viel in Beruehrung mit Menschen, die wirklich nichts haben. Die Leute in den aermeren Vierteln und in dern Doerfern halten sich mit einem kleinen Geschaeft und ihrem Feld ueber Wasser, taeglich. Arbeit hat hier viel Koerperliches, auch fuer mich: Zum einen die koerperliche Praesenz. Man sitzt nicht im Buero vor dem Schreibtisch. Dann die Wege, die zu laufen oder mit dem Rad zu fahren sind, aufraeumen, putzen, Waesche von Hand waschen, kochen, Kinder betreuen, Stifte mit Rasierklingen spitzen, Essen ausgeben…

Woher kommt die Armut?
Ist es die Politik im Land, die das Geld fuer bessere Strassen auf korrupten Wegen verschwinden laesst oder zulaesst, dass staendig den ganzen Tag in der ganzen Stadt der Strom ausfaellt?
Ist es die mangelnde Bildung, trotz allgemeiner Anerkennung dieses Gutes, bei fast kostenloser Grundschule mit Schulpflicht fuer sieben Jahre? Es gibt sehr viele Schulen, aber viel zu wenig gut ausgebildete Lehrer.
Ist es westliche Politik?
Ist es die Kultur, die Mentalitaet der Planlosigkeit? Man lebt von einem Tag auf den anderen. Menschen werden hier kaum zu Eigenverantwortung erzogen, dazu, einmal fuer sich ganz alleine zu sorgen und zu stehen. Maedchen heiraten oder werden Nonnen. Es gibt eigentilich auch niemanden, der gegen die Probleme wie kein Strom oder schlechte Strassen aufbegehrt. Was ist zuerst da: die Armut, die die Mentalitaet praegt oder die Mentalitaet, die die Armut praegt?
Ist es die Perspektivlosigkeit?
Auf der einen Seite hat man das gigantische soziale Netzwerk von Familie, Freunden, Nachbarn, auf der anderen Seite die Armut. Das scheint den Menschen aber nicht so viel auszumachen. Die Familie ist ein viel hoeheres Gut als bei uns. So werden auch alle einigermaßen ueber Wasser gehalten. Daheim in Deutschland dagegen ist man mehr auf sich selbst gestellt. Man kuemmert sich nicht so sehr um seine Mitmenschen und hat auch gar keine Zeit dafuer. Bei uns scheint Armut vielmehr mit sozialer Armut, Vereinsamung einherzugehen. Dafuer floriert die Wirtschaft.

Halbzeit

Dienstag, 15. Februar 2011

Nach gut 5 Monaten gibt es hier den nächsten Bericht von mir. Lest einige Informationen über das Jahresende in St. Ignatius und dem Cheshire-Home, den Ferien und dem Jahresbeginn.
Viel Spaß

Halbzeit

Zeiten

Sonntag, 26. Dezember 2010

Zeit der Veränderungen
Es wird Zeit, dass ich mich wieder bei euch melde. Seit meiner ersten Rundmail hat sich viel verändert: Schon über drei Monate lebe ich jetzt in Dodoma und fühle mich bereits zu Hause. Ich habe mich auf das Leben hier voll eingelassen, habe viele wunderbare Begegnungen und Momente gehabt. Ich habe Freunde gefunden. Ich bin berührt von den Menschen. Ich erlebe eine selbstverständliche Spiritualität, in der ich mich wohl fühle. Ich bin überrascht, dass sich mein Zeitempfinden verändert. Das alles ist sehr sehr schön und doch zugleich schmerzhaft, weil ich spüre, dass da eine andere Jana zurückkommen wird.

Zeit der Auseinandersetzungen
Inzwischen leben wir zu viert im Volunteershaus: außer mir und Thomas aus Deutschland zwei amerikanische Jesuitenfreiwillige, die hier für zwei Jahre bleiben. Das bringt mehr Gemeinschaft, aber auch mehr Auseinandersetzungen darüber, was für ein Leben wir hier führen sollen: Was bedeutet das jesuitische einfache Leben, das die deutsche Jesuitenmission und vielleicht noch mehr die amerikanische für die Freiwilligen vorsieht? Wie können wir mit den Armen leben in einem großen, gut ausgestatteten Haus mit Vorhängeschloss? Wie können wir vier unsere unterschiedlichen Vorstellungen von einfachem Leben vereinbaren? Wieviel Kommunität soll sein oder soll jeder sein eigenes Leben leben? Wie werden wir unseren Zielen, uns gegenseitig und uns selbst gerecht?

Weihnachtszeit
Es ist Weihnachtszeit. Diese Zeit ist so ganz anders als daheim in Deutschland. Einmal das Wetter: Die Regenzeit hat begonnen, aber es ist meistens heiß wie zuvor auch. Es fehlt der Weihnachtsbaum, der Adventskranz, die Plätzchen, Kälte, frühe Dämmerung. Dodoma ist nicht weihnachtlich geschmückt, es werden auch keine speziellen Weihnachtsartikel verkauft. Alles ist wie immer, nur die Landschaft grüner. An Heilig Abend habe ich eine schöne, aber ganz andere Christmette erlebt als gewohnt: mit einem sehr bibelnahen Krippenspiel, mit einem gewaltigen Chor, mit Luftballons, Cola, einer echten Ziege, weiß gekleideten tanzenden Kindern und Stille Nacht auf Swahili.

Jana in Dodoma

Freitag, 05. November 2010

Jetzt bin ich schon sieben Wochen in Tansania und habe mich in Dodoma weitgehend eingelebt. Vier Tage in der Woche arbeite ich in der St. Ignatius Primary School und einen Tag im Cheshire Home, einer Wohn- und Lernstätte für behinderte Kinder.
Die ersten Tage nach meiner Ankunft habe ich in Daressalam verbracht. Die Stadt ist alt, laut und hektisch. Die Jesuiten leben und arbeiten dort im ärmsten Viertel, in Mabibo, wo die Straßen nach Regen nur noch aus Schlammlöchern bestehen und die winzigen Häuser aus Wellblech und ein paar Lehmmauern. Father Vitus, ein bayrischer Jesuit, der schon sehr lange in Afrika lebt, hat mich überall hin mitgenommen, so auch zu den Basisgemeinden, wo der Gottesdienst im Freien zwischen zwei Häusern stattfindet. Dorthin kommt man nur zu Fuß, durch verwinkelte Wege, direkt an den Häusern der Menschen entlang und an vermüllten Bächen vorbei.
Dodoma dagegen ist viel gemütlicher. Die Stadt ist geplant, man hat hier viel mehr Platz als im engen Daressalamer Stadtteil Mabibo. Man bekommt hier normales tansanisches Leben mit. Die Menschen freuen sich, dass man da ist. Touristen gibt es praktisch keine. Deshalb rufen die Kinder oft „Mzungu“ (Weiße), wenn man an ihnen mit dem Fahrrad vorbeifährt. Man fällt auf.
Dodoma ist am wachsen. Die Stadt gewinnt an Bedeutung, denn sie ist seit einigen Jahren offizielle Hauptstadt und Teile der Regierung wurden bereits hierher verlegt. Aber das dauert alles sehr lange. Dodoma ist eine der ärmsten Regionen in Tansania. Wohl ca. 60% der Menschen leben von weniger als 1$ pro Tag. Nur sehr wenige Haushalte haben Stromanschluss und viele Menschen haben Schwierigkeiten an Wasser zu kommen oder zapfen Leitungen an. Ich selbst wohne in einer reicheren Gegend in einem großen Haus. Fahre ich allerdings mit dem Rad zur Schule oder ins Cheshire Home, so endet die asphaltierte Straße sehr schnell und ich bewege mich durchs Nirgendwo, durch rotbraune, sandige Wege zwischen einzelnen Häuschen, Feldern und stacheligen, kahlen Bäumen hindurch. Weil die Häuser so klein sind, spielt sich fast alles Leben außerhalb ab. Die Differenz zwischen Arm und Reich ist nicht so extrem wie etwa im Nachbarland Kenia, wo es deshalb viele Unruhen gibt. Das liegt wohl hauptsächlich daran, dass Nyerere, ein früherer Präsident, der so genannte Lehrer oder Vater der Nation, daran gearbeitet hat diese Unterschiede abzubauen und eine Form von Sozialismus einzuführen. Er hat außerdem die Tansanier auf ihre Einheit eingeschworen, weswegen sich die Menschen hier zuerst als Tansanier und dann als Angehörige eines bestimmten Stammes oder einer Religion fühlen. Daher ist die Gemeinschaft, das Soziale das Wichtigste. Die Leute helfen einander, helfen Nachbarn, helfen Freunden. Das wird sogar eingefordert. Nichts ist so schlimm, wie aus dem Sozialverband ausgeschlossen zu sein. Die Tansanier sind sehr friedliebend. Father Vitus hat das Thema Armut in Tansania und in Deutschland folgendermaßen zusammengefasst: Wir haben Geld und keine Zeit und sie haben Zeit und kein Geld. Geld für bessere Straßen etwa sei schon eingeplant gewesen, es verschwände jedoch in Vetternwirtschaft und Korruption, obwohl alle gerne bessere Straßen hätten. So dauert jeder Transport, jede Reise furchtbar lange.
Die Schule, in der ich arbeite, hat für mich, die ich das Leben hier nicht gewohnt bin, ihre schönen und weniger schönen Seiten: Einerseits erzielt sie im Vergleich, vor allem mit den staatlichen Grundschulen, sehr gute Ergebnisse. Auch ist das Gelände sehr schön und die Kinder haben Möglichkeiten zum Spielen. Die Kinder haben dort die Chance schon früh viele Dinge zu lernen. Es gibt ein großes Zugehörigkeitsgefühl. Es ist gut, dass die Kinder dort in relativ kleinen Klassen (nur etwa 40-45 Kinder ab der ersten Klasse, in Pre-Standard nur 25) lernen. Man kümmert sich sehr um sie. Andererseits sind die Lehrmethoden meines Erachtens nicht immer gut: Alle müssen immer dasselbe tun, alles wird vorgegeben. Man spricht über Disziplin, aber viele Lehrer sind selbst nicht diszipliniert. Auch können sie oft nicht gut Englisch, obwohl aller Unterricht auf Englisch ablaufen soll und die Kinder angehalten werden, Englisch zu reden. Als schlimm empfinde ich, dass die Schüler immer noch sehr viel geschlagen werden, etwa, wenn sie etwas nicht können. Die Jesuiten versuchen wohl dies zu verändern, aber es ist nicht leicht, zumal sie das Heft Schwestern überlassen haben und selbst kaum Kapazitäten für die Schule aufbringen.
Gerade bauen die Jesuiten eine neue Secondary School, die zum neuen Schuljahr im Januar eröffnen wird. Dort wird im Vertrag enthalten sein, dass körperliche Züchtigung verboten ist. Diese Schule wird glaube ich eine wunderbare Sache, denn wenige nur können nach der Primary School weiterführende Schulen besuchen, einmal, weil es viel zu wenige Schulen und viel zu wenige ausgebildete Lehrer gibt, zum anderen, weil die Familien das Schulgeld nicht bezahlen können. In der neuen Schule wie auch in der Grundschule werden einige Schüler gesponsert. So sind die Schüler nach Verlassen der Primary School nicht gezwungen, zu Hause herumzuhängen.
Ich selbst hatte vor allem zu Beginn im Unterricht ziemlich zu kämpfen, weil ich die Kinder einfach nicht ruhig bekommen habe, wenn ich alleine in der Klasse war. Sie sind so sehr auf Schläge eingestellt und ich bin ohne pädagogische Erfahrung. Aber es ist inzwischen wesentlich besser geworden, einmal, weil mehr Lehrer da sind, sodass viel mehr Kooperation beim Unterrichten möglich ist, zum anderen, weil ich mit der Situation vertraut werde, die Kinder, ihre Stärken und Schwächen und ihre Namen kennenlerne.
Wunderbar ist auch, dass ich seit kurzer Zeit auch Kontakte in der Nachbarschaft knüpfen konnte, sodass trotz mangelhaftem Swahili jetzt endlich mein Leben mit den Tansaniern beginnen kann. Ich habe eine Mama (man spricht hier alle Frauen höflicherweise ab gewissem Alter mit Mama an) auf der Straße getroffen. Ich habe sie gegrüßt und sie hat mich gleich mit zu sich nach Hause genommen. Durch die Familie habe ich dann wiederum eine andere Familie kennengelernt. Ich hoffe, das setzt sich so fort. Am Swahili muss ich allerdings noch viel arbeiten.
Ich bin sehr froh, hier zu sein, die Zeit verfliegt mit Alltagsbewältigung und Socialising. Alle Vorgänge dauern hier sehr lange, vom Einkaufen bis zum „mal kurz Vorbeischauen“. In vier Wochen sind schon Ferien, dann kann ich vielleicht ein wenig das Land bereisen.
Ich würde mich über Nachrichten sehr freuen und grüße aus dem heißen Dodoma.
Jana

Hier nochmal die Daten für das Spendenkonto der Jesuitenmission:
Kontonr: 5115582
BLZ: 75090300
Liga-Bank Nürnberg
Verwendungszweck: X38115

8 Wochen in Tansania

Donnerstag, 21. Oktober 2010

Nach 8 Wochen in Tansania, 7 davon in Dodoma, habe ich es dann doch mal geschafft, einen ersten Überblick über mein ‘neues’ Leben und meine Erfahrungen zu verfassen. Ich hoffe, dass der folgende Anhang den ein oder anderen interessierten Leser mit genügend Informationen über meine Situation hier, aber auch über Tansania versorgt.
Viel Spaß beim Lesen
Thomas

8 Wochen in Tansania