Seit Beginn des neuen Schuljahres im Januar arbeite ich nur noch drei Tage in der Woche in der St. Ignatius Primary School. Einen Tag in der Woche plus einen Nachmittag bin ich im Cheshire Home, der Wohn- und Lernstaette fuer Kinder mit geistiger Behinderung. Und einen weiteren Tag verbringe ich in einer Art staatlichen Vorschule, die jedoch noch zur Gemeinde gehoert. Diese ist in einem recht armen Viertel, wo auch nur Swahili gesprochen wird. Ich mag die Ortswechsel.
Es gibt hier einige Menschen, die Tag fuer Tag einen grossen Handkarren mieten, und zwar fuer 1000 Tsh. Damit gehen sie in die Stadt und hoffen, dass jemand sie fuer 500 Tsh anheuert, einige Dinge in der Umgebung von A nach B zu transportieren. Das ist sehr harte koerperliche Arbeit und reicht gerade mal fuer eine Mahlzeit, vielleicht.
Das Gehalt der Arbeiter/innen im Cheshire Home pro Monat betraegt gerade mal 40.000 Tsh. Das sind etwa 20 Euro. Und wenn kein Geld da ist, dann gibt es eben nichts. Und diese Menschen leisten harte Arbeit: Kochen, die vielen Kleider der Kinder waschen, die Kinder beaufsichtigen, duschen, putzen, Reparaturen, Landwirtschaft. Die Koeche der Jesuiten erhalten 80.000 Tsh. Das ist immer noch wenig mit Familie, Schulgebuehren, Strom, Wasser.
In einem Viertel names Mnadani gibt es eine Art Markt, auf dem man gebrauchte Kleidung kaufen kann und ganz viel gegrilltes Fleisch. Es sitzen dort samstags immer viele sehr unterschiedliche Leute unter Sonnenschirmen in einer Gegend, die eigentlich nur aus Staub und ein paar Lehmhaeuschen besteht. Sie genießen dort viel Ziegenfleisch (relativ teuer) und ihr Bier, waehrend drumherum Straßenkinder auf Reste lauern, alte schmutzige Maenner und Frauen betteln. Ein seltsamer Ort: Interessant und abstoßend zugleich. Ein Kind sah ich, das Fleischreste ergattert hatte: Große Augen, ein seliges Laecheln, nur auf die seltene Mahlzeit konzentriert.
Was muss passieren, dass Menschen aus dem hier sehr starken Sozialsystem herausfallen und bettelnd an der Strasse sitzen, manche verkrueppelt?
Wir wohnen in einem recht reichen Viertel. Doch ab und zu kommt ein altes Weib, klopft am Tor und bittet um Essen. Oder ein Maedchen, Klebstoff schnueffelnd. Doch eigentlich kommen wir nicht viel in Beruehrung mit Menschen, die wirklich nichts haben. Die Leute in den aermeren Vierteln und in dern Doerfern halten sich mit einem kleinen Geschaeft und ihrem Feld ueber Wasser, taeglich. Arbeit hat hier viel Koerperliches, auch fuer mich: Zum einen die koerperliche Praesenz. Man sitzt nicht im Buero vor dem Schreibtisch. Dann die Wege, die zu laufen oder mit dem Rad zu fahren sind, aufraeumen, putzen, Waesche von Hand waschen, kochen, Kinder betreuen, Stifte mit Rasierklingen spitzen, Essen ausgeben…
Woher kommt die Armut?
Ist es die Politik im Land, die das Geld fuer bessere Strassen auf korrupten Wegen verschwinden laesst oder zulaesst, dass staendig den ganzen Tag in der ganzen Stadt der Strom ausfaellt?
Ist es die mangelnde Bildung, trotz allgemeiner Anerkennung dieses Gutes, bei fast kostenloser Grundschule mit Schulpflicht fuer sieben Jahre? Es gibt sehr viele Schulen, aber viel zu wenig gut ausgebildete Lehrer.
Ist es westliche Politik?
Ist es die Kultur, die Mentalitaet der Planlosigkeit? Man lebt von einem Tag auf den anderen. Menschen werden hier kaum zu Eigenverantwortung erzogen, dazu, einmal fuer sich ganz alleine zu sorgen und zu stehen. Maedchen heiraten oder werden Nonnen. Es gibt eigentilich auch niemanden, der gegen die Probleme wie kein Strom oder schlechte Strassen aufbegehrt. Was ist zuerst da: die Armut, die die Mentalitaet praegt oder die Mentalitaet, die die Armut praegt?
Ist es die Perspektivlosigkeit?
Auf der einen Seite hat man das gigantische soziale Netzwerk von Familie, Freunden, Nachbarn, auf der anderen Seite die Armut. Das scheint den Menschen aber nicht so viel auszumachen. Die Familie ist ein viel hoeheres Gut als bei uns. So werden auch alle einigermaßen ueber Wasser gehalten. Daheim in Deutschland dagegen ist man mehr auf sich selbst gestellt. Man kuemmert sich nicht so sehr um seine Mitmenschen und hat auch gar keine Zeit dafuer. Bei uns scheint Armut vielmehr mit sozialer Armut, Vereinsamung einherzugehen. Dafuer floriert die Wirtschaft.