Archiv für die Kategorie ‘Tansania’

Halbzeit

Mittwoch, 14. Dezember 2011

Nun bin ich schon fuenf Monate in Tansania und in ein paar Wochen ist ich auch schon meine halbe Aufenthaltszeit hier vorbei.
Bei meinen Mitbewohnern gab es einen ganz schoenen Wechsel:
Zu Beginn habe ich mit Jana und zwei amerikanischen Freiwilligen zusammen gelebt. Das Zusammenleben mit den Amerikaner war aber von Anfang an nicht so einfach. Nach Janas Rueckkehr war ich ein paar Wochen alleine mit den Amerikanern und seit ueber einem Monat ist nun Melli dazu gekommen. Mit ihr verstehe ich mich echt gut. Und seit einer Woche sind die Amerikaner nun umgezogen. Nach einem grossen Hausputz und etwas Umraeumen ist unser riessiges Haus viel wohnlicher – nur fuer zwei Leute viel zu gross.

Mein Kiswahili waechst. Meistens bin ich noch sehr unzufrieden, mich nach fuenf Monaten immer noch nicht richtig gut unterhalten zu koennen. Aber Melli meint, dass es zumindest so wirkt, als kaeme ich ganz gut klar – und in der Tat gehen kleinere Gespraeche auch ganz gut.

Meine Zeit bis jetzt war wirklich gut. Die (afrikanischen) Jesuiten sind sehr nett, die einheimischen Leute sind sehr offen und gastfreundlich. Sie teilen mit dir, was sie haben, auch wenn sie sehr arm sind. Sie geben dir ein Gefuehl von Aufgenommensein, von Zuhause-sein. Ja, ich bin zuhause hier! Ich kenne mich jetzt aus, ich habe gute Freunde…

Was mich manchmal noch etwas knickt und immer da bleiben wird, ist die Stellung als “mzungu” (Weisser). Dieses Gefuehl, immer etwas anders zu sein, wird nie weichen. Wie muessen sich die Afikaner bei uns in Europa fuehlen? Wie muessen sich erst behinderte Menschen fuehlen, die bestimmt oft noch ablehnendere Blicke erhalten?
Dieses Gefuehl, immer irgendwie “anders” angeschaut zu werden, anders behandelt zu werden, immer mit einer anderen Grundeinstellung betrachtet zu werden, geht manchmal ganz schoen tief in mich rein. “Mzungu, der reiche weisse Europaeer”, so komme ich mir manchmal vor. Dann wuensche ich mir im Geheimen dunkelhaeutig zu sein. Eigentlich ist die Hautfarbe doch so egal, aber irgendwie laesst sie dich doch anders erscheinen. Aber an manchen Tagen vergesse ich auch ganz, dass ich “anders” bin und geniesse die Offenheit und Gastfreundlichkeit der Leute hier.

Kinderaugen – wie viel koennen diese erzaehlen!

Mit der Zeit wurde mir die Armut hier deutlicher. Alte, kranke und blinde Wagogo (das ist der Volksstamm um Dodoma herum), die mit einem Kind als ihre Augen durch die Strassen irren und auf der Suche nach ein paar Schilling, etwas zu trinken und Essen sind.

Als ich in die Augen dieses Kindes geschaut habe, ging es mir durch und durch. Kein Funke von Freude, kein Zeichen von Hoffnung konnte ich darin entdecken. Diese Hoffnungslosigkeit, diese Aussichtlosigkeit!
Ich habe mich sehr schlecht gefuehlt. Aber was bringen 500 Schilling? Nichts. Der Staat, die Leute hier muessen etwas aendern.
Was soll nur aus diesem Kind werden, wie sieht seine Zukunft aus? Wird es jemals aus diesem Teufelskreis gelangen? Es wird betteln bis es an die Stelle der Alten tritt und selbst eine Hand zum Fuehren braucht! Keine Zeit, kein Geld fuer eine Ausbildung, fuer eine erfuellende, hoffnungbringende Zukunft.

Auf der Heimfahrt im Schulbus sass Anna auf meinem Schoss. Ihre Haende in den meinen. Ihre Augen – voller Vertrauen, voller Liebe. Wie viel Kraft, wie viel Zuversicht aus ihrem Gesicht gesprochen hat. Und ihr unerschuetterliches, kindliches Vertrauen, das sie mir gegenueber gezeigt hat.

Beides Kinder, beides Kinderaugen, und so eine verschiedene Zukunft, so eine verschiedene Einstellung zum Leben.

Die Geschichte vom Guru

Bevor ich von meiner Arbeit hier berichte, moechte ich noch eine Geschichte von einem Guru erzaehlen, die ich von einem Jesuiten hier an einem Kommunitaetsabend gehoert habe:

Der Guru fragte einst seine Schueler: “An was kann man erkennen, dass die Nacht scheidet und der Tag beginnt?” Nach etwas Ueberlegen sagt ein Schueler: “Ich weiss es! Wenn ich den Apfel- vom Mangobaum unterscheiden kann!” Doch der Guru schuettelte den Kopf. “Wenn ich die Katze vom Hund unterscheiden kann”, erwiderte ein anderer Schueler. “Nein”, sagt der Guru, “erst, wenn du in dem Menschen, der dir begegnet, deinen Bruder oder deine Schwester erkennen kannst!”

Tun wir das? Sehen wir in dem Mann, der an der Lorenzkirche hockt, unseren Bruder? Sehen wir in einer Kommilitonin unsere Schwester?

In Kuerze werde ich von meiner Arbeit hier berichten – muss schon wieder los!

Ueber mein Leben hier

Freitag, 16. September 2011

Wo fange ich denn am besten an zu erzaehlen?

Vielleicht damit, wo und wie ich lebe:

Zurzeit lebe ich mit zwei amerikansichen Volunteers zusammen in einem grossen Haus in einer der besseren Gegenden Dodomas. Wir haben Wasser und meistens Strom und Gasplatten, was echt gut ist, wenn es mal wieder keinen Strom gibt! Kleidung muss ich mit der Hand waschen, aber das ist nicht schlimm. Nur mussten sich meine Haende erst daran gewoehnen. Bis vor kurzem hat auch noch eine andere deutsche Freiwillige, Jana, mit uns zusammen gelebt. Sie hat mit sehr geholfen, hier in Dodoma anzukommen und mich zuhause zu fuehlen. Fuer dieses guten Start bin ich ihr echt dankbar! Essen, also Gemuese, Obst, Reis und so weiter, kaufen wir direkt vom Markt oder von einem der kleinen Staende, die es an jeder Strassenecke gibt. Das ist echt toll, so frisches Gemuese und Obst zu bekommen! Und es kommt auch nicht von weit her: Dodoma ist zwar sehr trocken, aber in anderen Gegenden Tansanias kann gut Landwirtschaft betrieben werden. Und die meisten Leute leben hier von der Landwirtschaft, viele sind Subsistenzbauern und verkaufen die wenigen Ueberschuesse, die sie nicht brauchen. Also keine Massenproduktion! Und das gilt auch fuer das Fleisch hier. Viele haben ein paar Kuehe, Ziegen oder Huehner. Ich finde es gut zu wissen, dass das Fleisch auf deinem Teller von der Kuh vor deiner Tuer kommt! Weil die anonyme Fleischindustrie in Deutschland, wo Tiere nicht mehr wie Lebewesen behandelt werden, finde ich schrecklich! Die Jesuiten sind sehr nett und wir sind bei ihnen immer herzlich willkommen, das ist echt schoen. Die Gottesdienste hier sind wirklich Feste! Uebervolle Kirchen mit froehlichen Gesaengen! Leider verstehe ich noch nicht so viel, weil die Messen in Kiswahili sind, aber langsam aber sicher lerne ich immer mehr Kiswahili. Und die Kommunitaets-Abende bei den Jesuiten, die aus Messe, Abendessen und froehlichem Zusammensein bestehen sind auch immer sehr schoen.

So, jetzt komme ich zu meiner Arbeit:

Drei Tage in der Woche arbeite ich in der St. Ignatius Primary School, einer Grundschule. Ich unterrichte in Standard 2 und ein bisschen in Standard 1, das entspricht der 2. und 1. Klasse. Eigentlich gibt es genug Lehrer, aber jeder ist froh, wenn ich Arbeit von ihm oder ihr uebernehme, vor allem das Korrigieren! Leider schlagen die meisten Lehrer noch. Und da die Kinder daran gewoehnt sind, ist es echt schwer, ohne Schlagen zu unterrichten. Aber ich hoffe, dass es noch besser wird. Aber dass ich die Lehrer davon ueberzeugen kann, nicht mehr zu schlagen, bezweifel ich, da sie nicht so gut ausgebildet sind und keine anderen Wege des Unterrichtens kennen. Aber ich gebe mein bestes und versuche die Hoffnung nicht zu verlieren. Was ich jetzt versuche ueberwiegend zu machen, ist, Foerderunterricht zu geben. In der 2. Klasse gibt es immer noch ein paar, die nicht Lesen koennen. Sie nehme ich aus dem regulaeren Unterricht heraus und versuche ihnen zu helfen. Das macht sonst keiner und die anderen Lehrer kuemmert das nicht, “ist eben so”. Aber bei Klassen mit 50 Kindern ist das ja auch kein Wunder, dass nicht alle gleich schnell mitkommen. Ein paar andere koennen kaum Englisch und ihnen versuche ich, in Englisch zu helfen, da ja der ganze Unterricht in Englisch ist! Und wie sollen sie mitkommen, wenn sie den Lehrer nicht verstehen?

Die anderen zwei Tage arbeite ich im Cheshire-Home, einem Heim fuer geistig behinderte Kinder. Die Arbeit dort macht mir echt Spass, aber auch hier ist es nicht einfach. Die Kinder sind sehr verschieden, jeder braucht eigentlich Einzelfoerderung. Aber mit 10 Kindern in einem Klassenzimmer und einem anderen Lehrer ist das nicht moeglich. Und viele Lehrer und Mamas sind nicht so motiviert, mit den Kindern was zu machen, sie zu foerdern oder selbst etwas dazuzulernen. Im Moment ist noch eine neuseelaendlische Freiwillige da, die eigentlich die Lehrer dort weiterbilden soll, aber die verweigern die Hilfe und die Ideen, die sie ihnen geben koennte, das ist echt schade. Das andere Problem ist das Material. Es gibt zwar ein paar Spielsachen, aber die sind ziemlich kaputt (z.B. ein Dreirad mit nur einem Rad) und auch nicht wirklich geeignet fuer die Kinder. Aber es fehlt an Geld, um geeignetes Material zu kaufen.

So, jetzt habt ihr zumindest einen kleinen Eindruck von meinem Leben hier. Wenn jemand was genauer wissen will oder ueberhaupt Fragen hat, dann fragt mich einfach. Es ist nicht so einfach, einen Ueberblick oder Eindruecke von hier aufs Papier zu bringen. Ich bin sehr dankbar ueber eure Unterstuetzung, sei sie in Gedanken oder finanziell! Asante sana!

Spendenkonto:

Empfaenger:Jesuitenmission
Konto-Nr.: 5115582,
BLZ: 75090300 (Liga Bank)
Verwendungszweck: X38127 Meister
(Bei Angabe der Adresse wird eine Spendenquittung und ein weltweit-Heft von der Jesuitenmission zugesandt.)

Dodoma – ein Ort voller Gegensaetze

Dienstag, 30. August 2011

Dodoma, Hauptstadt Tansanias oder doch nur ein Dorf?

Dodoma, die Haupstadt Tansanias, mit Regierungsgebaeude und bald der groessten Universitaet Ostafrikas ist doch nur ein Dorf. Geredet wird gerne und wenn man vom Stadtzentrum aus ein paar Minuten stadtauswaerts faehrst, kommt es einem schon sehr laendlich vor, kleine Haeuser und Felder.

Der deutliche Gegensatz zwischen Arm und Reich

In einem Stadtteil kommen einem die Haeuser, ja sogar Villen, sehr europaeisch vor, in einem anderen Stadtteil lebt eine ganze Familie ohne Wasser und Strom in einem Haus, das nicht grosser als ein Zimmer ist. Diese Gegensaetze kann man manchmal auch schon zwischen Nachbarn entdecken.

Ein stark behinderter Mann bettelt nach etwas Geld, ein kleiner Junge in alten, dreckigen Kleidern verkauft Erdnuesse, ein wohlgekleideter Mann faehrt einen grossen, neuen Jeep, westlich aufgestylte junge Leute tanzen in einem Nachtclub: das alles ist Dodoma.

Was fuer mich aber eine der traurigsten und nachdenklichsten Situationen ist, ist, dass die Leute hier – abgesehen von ihren traditionellen schoenen geschneiderten Kitenge-Kleidern – “unsere” alten Kleider kaufen, es gibt fast nur second-hand-Kleidung zu kaufen (ich habe zumindest noch nichts anderes gesehen). Ist das der Sinn von Altkleider-Sammlung?

Ein anderes Verstaendnis von Zeit

Zeit wird hier anders gemessen. Leute haben hier Zeit. Das sagt sich so einfach, aber es ist wirklich so. Ein freundliches “mambo” bei einer Begegnung auf der Strasse ist auf jeden Fall drin und auch fuer laengere Gespraeche ist fast jeder bereit. Zeit fuer eine lange Begruessung muss auch sein! Warten ist hier kein Problem, niemanden stoert das.

Aber ein Plan kann auch in der naechsten Minute umgeschmissen werden, also spontan muss man hier sein :) ! Fuer Veranstaltungen gibt es oft einen Zeitplan, der ausgegeben wird oder ausliegt, aber die Zeiteinteilung und Reihenfolge wird deshalb noch lange nicht eingehalten ;) .

Die Menschen hier sind sehr offen und gastfreundlich. Man verabredet sich nicht fuer in einer Woche, man trifft sich einfach und verbringt Zeit miteinander.

Ich kann es nicht genau beschreiben, was dieses “Zeit-Haben” genau bedeutet, aber mir tut dies auf alle Faelle sehr gut – ich mag mein Leben hier!

Gut angekommen!

Dienstag, 12. Juli 2011

Liebe Freunde und Interessierte,
am Sonntag ging die Reise los. Abends bin ich sicher in Dar es Salaam gelandet. Vom Flughafen wurde ich abgeholt und sehr herzlich empfangen.
Nun bin ich zwar erst den dritten Tag hier (obwohl man den Sonntag eigentlich nicht richtig dazuzaehlen kann) aber langsam komme ich an. Es ist nicht mehr alles so fremd und an das Klima habe ich mich auch schon gewoehnt.
Ausserdem habe ich schon einiges gesehen, ich war in der Gemeinde von den Jesuiten hier, bei denen ich auch netterweise leben darf, und war schon in einem Gottesdienst, bei dem sieben Kinder getauft wurden. Die Menschen hier sind wirklich sehr nett und offen fuer einen, sie sind, obwohl sie nicht viel besitzen, sehr gastfreundlich und haben Zeit, wenn man was braucht.
Morgen zeigt mit Pater Vitus noch Dar, da freue ich mich schon. Am Donnerstag geht es dann wahrscheinlich nach Dodoma, da bin ich auch schon sehr gespannt.
Also dann, macht es gut!
Und ich freue mich sehr ueber eure Unterstuetzung, ob in Gedanken oder finanziell! Asante sana!
Liebe Gruesse, eure Nelly

Spendenkonto:
Jesuitenmission
Liga Bank, Konto-Nr.: 5115582, BLZ: 75090300
Verwendungszweck: X38127 Meister
(Bei Angabe der Adresse wird eine Spendenquittung und ein weltweit-Heft von der Jesuitenmission zugesandt.)

Das Ende naht

Sonntag, 12. Juni 2011

Eine kurze Zusammenfassung meiner letzten 5 Monate in Dodoma.

Viel Spaß

Das Ende naht