Nun bin ich schon fuenf Monate in Tansania und in ein paar Wochen ist ich auch schon meine halbe Aufenthaltszeit hier vorbei.
Bei meinen Mitbewohnern gab es einen ganz schoenen Wechsel:
Zu Beginn habe ich mit Jana und zwei amerikanischen Freiwilligen zusammen gelebt. Das Zusammenleben mit den Amerikaner war aber von Anfang an nicht so einfach. Nach Janas Rueckkehr war ich ein paar Wochen alleine mit den Amerikanern und seit ueber einem Monat ist nun Melli dazu gekommen. Mit ihr verstehe ich mich echt gut. Und seit einer Woche sind die Amerikaner nun umgezogen. Nach einem grossen Hausputz und etwas Umraeumen ist unser riessiges Haus viel wohnlicher – nur fuer zwei Leute viel zu gross.
Mein Kiswahili waechst. Meistens bin ich noch sehr unzufrieden, mich nach fuenf Monaten immer noch nicht richtig gut unterhalten zu koennen. Aber Melli meint, dass es zumindest so wirkt, als kaeme ich ganz gut klar – und in der Tat gehen kleinere Gespraeche auch ganz gut.
Meine Zeit bis jetzt war wirklich gut. Die (afrikanischen) Jesuiten sind sehr nett, die einheimischen Leute sind sehr offen und gastfreundlich. Sie teilen mit dir, was sie haben, auch wenn sie sehr arm sind. Sie geben dir ein Gefuehl von Aufgenommensein, von Zuhause-sein. Ja, ich bin zuhause hier! Ich kenne mich jetzt aus, ich habe gute Freunde…
Was mich manchmal noch etwas knickt und immer da bleiben wird, ist die Stellung als “mzungu” (Weisser). Dieses Gefuehl, immer etwas anders zu sein, wird nie weichen. Wie muessen sich die Afikaner bei uns in Europa fuehlen? Wie muessen sich erst behinderte Menschen fuehlen, die bestimmt oft noch ablehnendere Blicke erhalten?
Dieses Gefuehl, immer irgendwie “anders” angeschaut zu werden, anders behandelt zu werden, immer mit einer anderen Grundeinstellung betrachtet zu werden, geht manchmal ganz schoen tief in mich rein. “Mzungu, der reiche weisse Europaeer”, so komme ich mir manchmal vor. Dann wuensche ich mir im Geheimen dunkelhaeutig zu sein. Eigentlich ist die Hautfarbe doch so egal, aber irgendwie laesst sie dich doch anders erscheinen. Aber an manchen Tagen vergesse ich auch ganz, dass ich “anders” bin und geniesse die Offenheit und Gastfreundlichkeit der Leute hier.
Kinderaugen – wie viel koennen diese erzaehlen!
Mit der Zeit wurde mir die Armut hier deutlicher. Alte, kranke und blinde Wagogo (das ist der Volksstamm um Dodoma herum), die mit einem Kind als ihre Augen durch die Strassen irren und auf der Suche nach ein paar Schilling, etwas zu trinken und Essen sind.
Als ich in die Augen dieses Kindes geschaut habe, ging es mir durch und durch. Kein Funke von Freude, kein Zeichen von Hoffnung konnte ich darin entdecken. Diese Hoffnungslosigkeit, diese Aussichtlosigkeit!
Ich habe mich sehr schlecht gefuehlt. Aber was bringen 500 Schilling? Nichts. Der Staat, die Leute hier muessen etwas aendern.
Was soll nur aus diesem Kind werden, wie sieht seine Zukunft aus? Wird es jemals aus diesem Teufelskreis gelangen? Es wird betteln bis es an die Stelle der Alten tritt und selbst eine Hand zum Fuehren braucht! Keine Zeit, kein Geld fuer eine Ausbildung, fuer eine erfuellende, hoffnungbringende Zukunft.
Auf der Heimfahrt im Schulbus sass Anna auf meinem Schoss. Ihre Haende in den meinen. Ihre Augen – voller Vertrauen, voller Liebe. Wie viel Kraft, wie viel Zuversicht aus ihrem Gesicht gesprochen hat. Und ihr unerschuetterliches, kindliches Vertrauen, das sie mir gegenueber gezeigt hat.
Beides Kinder, beides Kinderaugen, und so eine verschiedene Zukunft, so eine verschiedene Einstellung zum Leben.
Die Geschichte vom Guru
Bevor ich von meiner Arbeit hier berichte, moechte ich noch eine Geschichte von einem Guru erzaehlen, die ich von einem Jesuiten hier an einem Kommunitaetsabend gehoert habe:
Der Guru fragte einst seine Schueler: “An was kann man erkennen, dass die Nacht scheidet und der Tag beginnt?” Nach etwas Ueberlegen sagt ein Schueler: “Ich weiss es! Wenn ich den Apfel- vom Mangobaum unterscheiden kann!” Doch der Guru schuettelte den Kopf. “Wenn ich die Katze vom Hund unterscheiden kann”, erwiderte ein anderer Schueler. “Nein”, sagt der Guru, “erst, wenn du in dem Menschen, der dir begegnet, deinen Bruder oder deine Schwester erkennen kannst!”
Tun wir das? Sehen wir in dem Mann, der an der Lorenzkirche hockt, unseren Bruder? Sehen wir in einer Kommilitonin unsere Schwester?
In Kuerze werde ich von meiner Arbeit hier berichten – muss schon wieder los!

