Archiv für die Kategorie ‘Peru’

Piura:staubig, chaotisch, laut und voller Gegensätze

Dienstag, 08. November 2011

Nach gut 7 Wochen in Peru
ist es langsam mal an der Zeit etwas von mir hören zu lassen, um euch von meinen ersten Erfahrungen und Erlebnissen hier in Piura zu berichten. In meinen ersten Wochen hier ist wirklich schon eine Menge passiert und ich weiß gar nicht wirklich, wo ich anfangen soll zu erzählen, aber ich werde es jetzt einfach einmal versuchen … Erster Bericht aus Piura, Peru

11. Rundmail aus Piura / Peru

Mittwoch, 10. August 2011

Hallo ihr lieben,

Was ist noch so passiert? Nun zum einen war hier die große Feier des Fischerheiligen Petrus. Die ganzen Fischerdörfer außer rand und band. Los gings schon am Vortag wo ein Mast mit getrockneten Fischen und anderem Essen vor der Kirche aufgehängt wurde. Eine Messe am Abend und danach einen Einladung an das ganze Dorf und alle Besucher zum Kaffee und „Butterbrot“.
Im Anschluss folgten dann einige Darbietungen der örtlichen Schule und Unterhaltung durch einige Sänger. Abgerundet wurde der Abend dann mit einem verhältnismäßig echt großen Feuerwerk. Richtig schön war dann der eigentliche Festtag wo der Heilige Petrus auf einem Schiff durch die Straßen getragen wurde um dann auf ein Fischerboot verladen zu werden. Das volle Programm mit Matrosen, Blaskapelle und Girlanden. Mit ca. 30 geschmückten Schiffen konnte dann jeder der Lust hatte auf eine Ehrenrunde mitfahren. Alles dem Petrus hinter her bis dann feierlich ein Blumenkranz ins Meer gegeben wurde um für den Fisch des vergangen Jahres zu danken. Da die Peruaner nicht gerade zimperlich im feiern sind ging es dann um 1 Uhr Mittag mit Livemusik und ausreichend alkoholischer Erfrischunggetränke weiter. Leider hat es dann noch ein Freiwilliger geschafft auf einen Stachelrochen oder ähnliches zu treten und war für den Rest des Tages ausgenockt.

Jakob mein Mitfreiwilliger hat vor drei Wochen ein Fußballspiel mit der Fußballmannschaft die wir in Tortuga trainiert haben organisiert. An dieser Stelle vielen vielen Dank an alle Spender auf mein Spendenkonto da wir diese Aktion damit finanzieren konnten. Ein echt toller Tag. Angefangen hat alles die einzelnen Familien zu besuchen und zu erklären wieso wir ihre Kinder „entführen“ wollen. Das hat es in dem Dorf aber leider wirklich schon gegeben das Babys aus den Häusern entführt wurden so, dass die Vorsicht vollkommen gerechtfertigt war und schließlich drei Eltern mit gefahren sind. Der Tag bestand dann daraus die Kinder am Morgen alle mit dem Bus einzusammel und in die große weite Stadt Piura die viel von ihnen noch nie gesehen haben auf zu brechen. Nach einer Runde durch die Stadt und einem Eis gings eindlich zum Spielen. 11 Spieler aus unserem eigentlichen Projekt aus Piura sind gegen unseren „Deportivo Tortuga“ (Sportschildkröten) angetreten und haben einen unglaublichen 10 zu 2 Sieg nach Hause getragen. Das war dann das Gesprächsthema im ganzen Dorf, dass ihre Kids die großen Städter abgezogen haben. Nach dem Spiel gings dann noch gemeinsam zum Mittagessen wo ein Spieler der Verlierermannschaft zu uns kam und uns noch mal bestätigt hat: „Eure Jungs wissen ja richtig zu spielen“. Und so viel Sportlichkeit von einem 14 Jährigen. Damit war dann offiziell unsere Arbeit in La Tortuga mit Müllverbrennen und Fußballtrainieren abgeschlossen.
Die folgenden 2 Wochen wurden dann ein wenig stressiger da ich einige Arbeiten fertig stellen musste. Da zum Jahreswechsel zwei einzelne Projekte in ein „Zentrum“ zusammen gelegt wurden war es mein Job mich um das neue Layout von Flyern, Website, Plakate, T-Shirts, Logo und eben auch dem Fotobuch zu kümmern. Hier noch mal ein Dank an alle Spender da wir von dem Geld auch einige Exemplare des Fotobuchs drucken lassen konnten. Dieses ist nebenbei erwähnt wie eine Bombe eingeschlagen und hat sehr viel Lob in Lima bei einem Jesuitentreffen aus ganz Südamerika bekommen. Als dann das Buch so weit feritig war, war ich dann noch mit so schönen Dingen beschäftigt wie Druckereinen die einfach mal ungefragt das Layout und damit auch das ganze Logo in einer anderen Schriftart drucken, T-Shirts die in völlig falschen Farben geliefert werden und Internetseiten deren Serverspeicherplatz in den Vereinigten Staaten mit fremden Kreditkarten gekauft werden will. Wie es hal immer so ist, der pure Stress so kurz vor der Abfahrt. An meinem vorletzten Tag sind dann aber tatsächlich auch als letztes die Bücher eingetroffen und ich konnte alles pünktlich und mit gutem „deutschen Qualitätsbewustsein“ übergeben. Über diese deutsche Einstellung hab ich im Übrigen auch viel lernen können. Manchmal sind 80% auch ausreichend.
Hier also zum anschauen: www.canatperu.com (da gibt’s auch noch mal das Buch zum runterladen in seiner fertigen Fassung mit 4 Sprachen!)

Letzten Mittwoch haben Jakob und ich dann unseren Abschied gefeiert der bei deutschen Schnitten mit Bierschinken recht gemütlich wurde.

Wenn das aber schon ein bisschen melancholisch war dann war das nichts gegen das letzte Abendessen im Haus meiner Chefin. Zu erst hat sie eine peruanische dreier Musikgruppe kommen lassen die mit zwei Gitarren und einer Sitztrommel peruanische Musik dargeboten haben. Danach hat jedoch Jakob ein Lied für mich schreiben lassen das dann vorgetragen wurde. Da war es dann aus mit dem tränenzurückhalten. Aus dem Lied das ich zu Weihnachten rum geschickt hab „Cinco Siglos igual“ (Fünf Jahrhunderte das Gleiche) wurde dann „Sin Kilian no es igual“ (Ohne Kilian ist es nicht das Gleiche). Gaby meine Chefin hat mit eine Kochkleidung schneidern lassen auf der mein Name und die Flaggen von Peru und Deutschland eingestickt sind. Als letzter hat dann unser anderer Mitfreiwilliger José, mit dem haben wir wirklich alles dieses Jahr erlebt, eine Plakat von sich in Lebensgröße drucken lassen, dass wir ihn uns Zuhause aufhängen können.
Am Freitag kam dann der Abschied im Programm wo ich ein letztes Mal beim Kochen geholfen habe. Immerhin hab ich da das ganze erste halbe Jahr vier Mal die Woche meine Vormittage verbracht. War ne echt schöne Zeit und das Küchenteam hat mich auch nicht gerne gehen lassen.
Der letzte Abend sollte dann die Hochzeit meiner besten peruanischen Freundin sein. Das war dann noch mal ein echtes Highlight, eine südamerikanisch Hochzeit. Da konnte ich dann mit meinem geliehenen, viel zu großen Anzug und den schwarzen Sportschuhen nicht ganz mit den sehr aufwenig gestylten Mädels mithalten. Nach der kirchlichen Trauung die leider ein wenig von einem leicht fanatischen Pfarrer überschattet wurde gings dann zur Feier. Wie das sein muss wurde ausreichen getanzt und getrunken. Um vier durfte ich mir dann von der auch schon leicht geschafften Braut anhören das wir nicht genug trinken, von den 40 gekauften Bierkisten waren nämlich erst 35 getrunken und wir sollten eigentlich schon um 3 Uhr das Lokal verlassen. Man muss aber mal erwähnen was da jeder einzelne Gast geleistet hat. Da ist nämlich nicht einfach am Tisch sitzen bleiben!!! Da tanzt Jung mit Alt, Dick mit Dünn und Freiwillige mit den Schwiegereltern. Danzu steht an jedem Tisch immer einen sich magisch wieder auffüllender Bierhumpen aus dem dann jeder mit kleinen Gläsern trinkt, dass man auch ja nicht weis wie viel man schon intus hat. Ein echter Sport dieser Abend. Irgendwann hat mir aber ein echter Profi erklärt wie so Peruaner so trinkfest sind, sie tanzen den Alkohol einfach raus. Das hat gestimmt, ich musste den ganzen Abend nur zwei Mal aufs Klo.
Um 4 ging es dann zur Braut nach Hause wo es das übrige Essen und die 5 restlichen Kisten Bier gab. Da gings dann langsam ans Eingemachte. Um 8 Uhr in der Früh bin ich schließlich direkt von der Feier zum Flughafen und hab im Anzug zwei französische Freiwillige verabschiedet.
Gestern Abend gings dann mit dem Bus nach Lima wo ich im Moment im Hostal meine letzte Rundmail schreibe.

Wenn ich das ganze Jahr so betrachte, dann ist der beste Vergleich wohl der Film „Willkommen bei den Sties“. Da wird ein Polizist in den Norden von Frankreich versetzt von dem man sich nur das Schlimmste erzählt. Auf den ersten Blick schienen sich diese Befürchtungen alle zu bestätigen, aber mit der Zeit hat er die Leute zu lieben gelernt. Einer sagte dann mal zu ihm: „Hier weint man immer zwei mal, einmal wenn man kommt und ein mal wenn man wieder gehen gehen muss.“
In der Rückschau muss ich dann ganz ehrlich sagen, dass es eigentlich gar nicht so schlecht, nervig oder monoton war wie ich es manchmal empfunden hab. So Dinge wie die immer gleiche Musik die mich bestimmt 9 Monate zur Weißglut gebracht haben möchte ich jetzt nicht mehr missen. Nach genügend Tanzstunden hab ichs zu ner echten Form auf der Tanzfläche geschafft. Komisch das man in der Ferne immer nach Hause möchte und dann auf dem Heimweg wieder zurück will. Liegt wohl in der Natur der Sache.
Vielen Dank für das lesen meiner Rundmails und die tollen Rückmeldungen während dem ganzen Jahr. Auch den Spenden sei noch mal gedankt. Mit dem Geld was noch übrig ist wird die Arbeit in La Tortuga weiter geführt werden.

Nun kommt noch mal mein Vater und mein Freund Sigi mit denen ich mir noch den Süden von Peru anschauen werde um dann am 8.9. wieder nach Hause zu kommen.

Liebe Grüße
Kilian

*Der obligatorische Webeblock zum Schluss: *
Ich leiste meinen Zivildienst (Anderer Dienst im Ausland) von Juli 2010
bis August 2011 in Peru ab. Ich werde in der Stadt Piura
(320.000 Einwohner) ganz im Norden und in Küstennähe bei einer
Gastfamilien wohnen. Das Projekt in dem ich Helfen werde
kümmert sich im weitesten Sinne im Kinder und Jugendliche. Von der
Hausaufgabenbetreuung über gemeinsame Ausflüge mit
den Kids bis zu einem ganzen Ausbildungsprogramm. Dort kann Frisör,
Koch, Schneider und Mechaniker gelernt werden.
Wem nun meine Arbeit hier gefällt, der kann etwas Spenden. Hier für gibt es ein
eigens für mich eingerichtetes Spendenkonto bei dem man auch eine
Spendenquittung erhält wenn man bei der Überweisung
seine Adresse angibt. Ich selber habe darauf jedoch keinen Zugriff!

Kontoinhaber:Jesuitenmission Nürnberg
Spendenkonto 5 115 582
Liga Bank, BLZ 750 903 00
Verwendungszweck: X38109 Kilian Lenz Peru

Für künftige Spenden meinen aller herzlichsten Dank.

9. Rundbrief aus Piura – Pepe

Mittwoch, 18. Mai 2011

Hallo an alle,

heute früh habe ich erschreckt festgestellt, dass schon wieder der 15. ist und ich nen halben Monat verschlafen hab diese Mail zu schreiben. Die Wahrheit ist leider, dass auch nicht so wirklich viel passiert ist diesen Monat. Nach wie vor sitze ich viel viel Zeit vor dem Computer und hinter der Kamera um für das Projekt ein Fotobuch zu erstellen. Es ist auch letzte Woche quasi von den Bildern her fertig geworden. Jetzt fehlen noch ein paar Texte die ich dann ins Deutsche und Englische übersetzen werde. Anbei das Cover vom Buch das auch auf meinem Mist gewachsen ist. Nun und wenn ich nicht mit Photoshop beschäftigt bin, dann sammele und verbrenne ich immer noch jedes Wochenende Müll und spiele jeden Samstag Fußball mit den Kids aus Tortuga. Da gabs den Monat Trikots aus Deutschland. Die wurden von der Schule meines Mitfreiwilligen Jakob geschickt und dann auch ordentlich mit dem Namen des Teams “Deportivo La Tortuga” bedruckt. Das läuft auch ganz gut.

Da ich aber nicht einfach nur Fotos mache, sondern auch Mädchen für alles bin, durfte ich den Monat Pepe begleiten. Pepe ist der Junge der im Viertel Wasser mit seinem Esel verkauft. Dessen Bild hatte ich ja schon bevor ich losgefahren bin. Damals hat die Zeitung den Namen “Manolo” benutzt. Nun ja, ich habe ihn einen Tag begleitet, Fotos gemacht und auch einen Essay drüber geschrieben. Das Kinderhilfswerk bzw. die Sternsinger wollen das vielleicht auch in Deutschland publizieren.

Viel Spaß damit:

Ein Tag mit Pepe.

Pepe ist 13 und wohnt in der Wüstenstadt Piura im Norden von Peru. Seine Mutter, Señora Sixta musste 1985 wegen den Terroristen aus ihrem Heimatdorf in den Anden fliehen. Nach einigen Stationen landete sie schließlich vor 7 Jahren in Piura. Die Familie besteht des weiteren aus Nanci, der kleinen Schwester von Pepe und einer Katze. Das Problem der Familie ist nur, dass sie eigentlich nicht existiert. Die Terroristen von „Leuchtenden Pfad“ haben alle Dokumente in den Rathäusern verbrannt. Um jedoch in Peru einen Personalausweiß zu bekommen, braucht man seine Geburtsurkunde die nun ja leider verbrannt ist. Um sich neu eintragen zu lassen muss man persönlich in seine Geburtsgemeinde reisen, reisen außerhalb der jeweiligen Provinz sind jedoch nicht ohne Personalausweiß erlaubt. Eine Zwickmühle die bis heute noch nicht überwunden wurde. Die Behörde die nämlich provisorische Reiseberechtigungen ausstellt wollte bis heute noch nicht tätig werden.

Pepes Mutter wurde vor 3 Jahren sehr krank und fiel somit als Ernährerin der Familie aus. Pepe lernte jedoch einen Mann kennen welcher mit einem Esel Wasser in den Vierteln verkauft in denen es noch keinen Wasseranschluss gibt. Der Mann fragte nun Pepe ob er nicht für ihn arbeiten wolle. Nachdem sich er Mann bei Señora Sixta vorgestellt hat fing Pepe mit 10 Jahren das Arbeiten an und verdiente so jeden Tag 6 Sol (1,5€). Das Geld reichte für Essen und die Medikamente für die bettlägrige Mutter.

Als es Frau Sixta eines Tages besser ging sprach sie eine Frau deren Sohn bei Manitos zu Schule geht. Der Sohn Jan Piere nahm Pepe mit und sie lernten Manitos kennen. Pepe begann das CEBA Programm. Eine Schule für Kinder die am Tag arbeiten und nur abends Zeit zum lernen haben.

Seine Mutter erzählte mir, dass es immer Pepes Traum war ein Haus aus richtigen Adobesteinen (Lehmsteine) zu bauen und einen eigenen Esel zu haben. Bis zu diesem Zeitpunkt lebte die Familie noch wie in der Umgebung üblich in einer Wellblechkonstruktion mit Strohmatten. Nun kam eines Tages Manitos auf die Idee eine weitere Ludotheka (Spielothek) zu eröffnen. Sie boten Señora Sixta an ihr ein Haus zu bauen wo diese Platz finden würde. Der Traum von Pepe sollte sich also erfüllen. Anfang 2010 begann der Bau und bis Heute ist die Ludotheka ca. ein Jahr in Betrieb. Es sollte jedoch noch weiter gehen, Manitos besorgte sogar einen Esel und einen Karren mit dem Pepe nun ohne den Herren sein Geld mit dem Wasser verdienen konnte.

Bis vor kurzem hat Pepe nun jeden Tag von 9 Uhr Morgens bis 3 Uhr am Nachmittag Wasser mit seinem Esel „Jerry“ in seinem Viertel verkauft und ist Abends bei Manitos in die Schule gegangen.

Heute hat seine Mutter wieder Arbeit in einer Familie gefunden. Das ermöglicht es Pepe nun wieder Vollzeit in die Schule zu gehen. Da nach gibt es bei Manitos Mittagessen und die weitere Hausaufgabenbetreuung. Nur am Wochenende arbeitet er nun teils mit Jerry und teils mit einem Sackkarren auf dem Markt um dort Sachen für Leute zu ihren Taxis zu fahren. Der Karren kostet 2 Sol Miete. An einem Nachmittag verdient er etwa 10 Sol welche eben für das Futte vom Esel rechen.

Liebe Grüße und schon mal wieder vielen Dank für die Rückmeldungen

Kilian
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Für künftige Spenden meinen aller herzlichsten Dank.

… vor den Toren Piuras – 8. Rundmail aus Peru!

Mittwoch, 13. April 2011

Hallo ihr alle,

mal wieder ist die Zeit ein paar Wochen weiter und es geht in riesen Schritten dem Ende zu. Wie ich ja letztes Mal beschrieben hab, verbringe ich nun jedes Wochenende in „La Tortuga“, „die Schildkröte“, einem kleinen Fischerdorf vor den Toren von Piura.

->Da die Mail etwas länger geworden ist, oben stehen Sachen die vielleicht einfach interessant zu lesen sind, unten dann was ich so treibe. Die Ungeduldigen können dann ja runterspringen. <-

Hier scheint die Zeit im wahrsten Sinne des Wortes stehen geblieben zu sein. Alles scheint den Gang von vor ein paar hundert Jahren zu gehen. Zwar haben auch hier die Flachbildschirme und Stereoanlagen Einzug in manche Häuser gehalten, aber das Leben durm rum gestaltet sich echt spannend.

Das Dorf hat etwa 3000 bis 4000 Einwohner und liegt nahe der ziemlich wichtigen Hafenstadt Paita. Die einzige Verbindung um her zu kommen ist entweder das eigene Auto oder eine Kleinbusverbindung aus Paita. Wenn man jedoch nicht genau weiß wo man da einsteigen muss, und einem nicht irgendjemand gesagt hat, dass dieses Dorf überhaupt existiert, wird man es nicht finden.

Tortuga ist einfach anders als die anderen Dörfer drum herum. Es gibt 2 Bürgermeister, 7 Kirchen ein paar große Schiffe die hier vor den Häusern stehen und überholt werden, einen Bootsbauer, viel viel Zeit und eine Bevölkerung wo ich bis heute noch nicht so recht weiß wie ich sie einordnen soll.

Die einen Familien leben zwar hier, haben jedoch ihre größeren Fischfangschiffe mit so ca. 5 Mann Besatzung die dann jedoch in Paita im Hafen liegen. Das sind die Familien mit Geld wo regelmäßig die Väter für 3 Wochen zur See fahren.

Die anderen Familien sind hier geblieben und Fischen mit so genannten „Balsias“. 5 zusammen gebundenen Holzstämmen und manche mit einem kleinen Plastiksegel. Genau so wie wahrscheinlich vor 1000 Jahren auch schon. Es hat sich nichts geändert oder verbessert an den Techniken. Entweder man hat mal so viel Geld zusammen sich ein großes Boot zu kaufen und weg zu gehen oder man bleibt und fischt ganz manuell von Hand mit Angel und Haken oder kleinen Netzen.

All das habe ich aber glaube ich schon letztes Mal erzählt. Durch meine Zeit hier hatte ich jedoch nun das Glück ein wenig tiefer ein zu steigen. In zwischen kennen wir so die ganzen Nachbarn und bauen auch so langsam Freundschaften auf.

Jetzt war es nun vor 3 Wochen sehr sehr interessant als der Nachbar Fernando mit 24 Jahren, verheiratet und 3 Kindern so im Gespräch das erzählen anfängt:“ Neulich beim Tintenfisch fischen in der Nacht ist da so ein japanisches Geisterschiff an mir vorbei gefahren. Ein riesen Schiff an dem alles automatisch ging. Vielleicht ein paar man Besatzung um alles zu kontrollieren, mehr nicht. Dieses Schiff fängt Netze voll Tintenfisch ohne das jemand den Finger krumm macht und ich stehe auf meinen paar Baumstämmen und racker mich ab um am Schluss vielleicht 2 Tintenfische zu bekommen. Bin ich ein Urmensch?“

So hat er das gefragt. Bin ich ein Urmensch? Eine wahnsinnige Selbstreflexion eines Mannes der nie raus gekommen ist und so langsam das Hinterfragen seiner Situation angefangen hat.

Auch der Aberglaube ist hier noch sehr verbreitet. So riet uns ein anderer Nachbar nicht in der Nacht zum Strand zu gehen, da sich dort in der Nacht Schatten aus dem Sand erheben. Schatten von schwarz gekleideten Menschen. Die beobachten euch dann und berühren euch an der Schulter. Wenn ihr dann versucht sie zu erschießen oder sie zu erstechen verschwinden sie auf der Stelle.

Die andere Geschichte war ein Kurzschluss in einem der Häuser am andern Ende der Stadt. Dort waren wohl zu viele Geräte gleichzeitig angeschaltet so, dass die Hauszuleitung Feuer gefangen hat und das Feuer ins Haus gekrochen ist. Für den Elektriker ein klarer Fall, da die Mehrheit hier nur nen Schalter zum ausschalten vom „luz“ hat und keine Sicherung die im Überlastfall abschalten würde. Hier sagt man übrigens nicht Strom, hier gibt’ s nur „luz“ also Licht. Wenn also der Fernseher nicht mehr geht, dann sagen die Leute es gibt kein Licht.

Nun hat es also irgendwo ein bisschen gebrannt und das ganze Dorf ist in heller Aufregung. Alles fängt das schreien an, wuselt herum und jeder schaltet seinen Strom ab. Auch uns haben sie lautstark darauf aufmerksam gemacht, dass wir doch unbedingt das „Licht abschneiden“ sollen. Die Geschichte dahinter ist nämlich, dass die Leute hier Angst vor dem Feuerteufel haben die durch die Leitung kommt. Wenn es in einem Haus gebrannt hat, dann werden weitere Häuser folgen die ihren Strom nicht abgeschaltet haben.

Eine Kuriosität ist auch das Lautsprechersystem, dass das ganze Dorf durch zieht. Alle paar Meter stehen hohe Masten aus Häusern raus an denen Lautsprecher hängen. Über diese werden dann ab 4.30 Uhr in der früh die neuesten Nachrichten verbreitet. Jeder kann für ein bisschen Geld was durchsagen lassen. Das heißt dann, dass man den ganzen Tag erfährt in welchem Haus bei welcher Senora es heute Fisch, Kartoffel, Banane, Milch, Zucker, …  zu kaufen gibt. Auch eine typische Durchsage ist: „Heute hat Frau Käthewalu das Mittagessen präpariert. Den leckeren Reis mit dem frittierten Fischchen und den gesunden Süßkartöffelchen. Jeder der also heute zu Mittag essen will bekommt dort was zu essen.“

Sonntags gibt’s dann auch immer die heilige Messe in voller Länge als Live-Übertragung fürs ganze Dorf.

Der Abschuss ist jedoch, dieses Dorf hat zwei Bürgermeister. Es ist nämlich nicht klar zu welcher Gemeinde Tortuga nun wirklich gehört. Zu Vice oder zu Paita.

Das heißt dann im Klartext, Manche müssen dort die Anderen dort zum wählen gehen. Es gibt zwei Schulgebäude, eins hat Vice das andere Paita gebaut. Es gibt 5 Mio. $ von einer Gasfirma die hier Gas fördert, die auf Eis legen weil man sich nicht einigen kann für wen das Geld ist. Wenn der Bürgermeister von Paita kommt wird sich auf der Dorfversammlung fast geprügelt weil die Flagge von Vice gehisst wurde. Es gibt zwei Wassertransporter die das Dorf mit Süßwasser versorgen auf denen immer jeweils auf lackiert ist zum wem den das Dorf richtiger weise gehört. Es gibt sogar zwei Rathäuser die Tür an Tür liegen.

Wenn es jedoch darum geht, dass mal einer ein Loch für den Abfall graben lässt oder die Straße endlich mal geteert wird, dann gehört Tortuga natürlich um anderen.

Eine Situation die irgendwie so ziemlich alle Nachteile fokussiert. Ist es nicht schon schwer genug mit nur einem Bürgermeister was voran zu bringen, so geht der Fortschritt mit zwei die sich bekriegen quasi gegen Null.

 

-> Hier wieder einsteigen für die die gesprungen sind! <-

Nichts desto trotz haben wir hier so unseren Platz gefunden. Jeden Freitag sind wir nun in der Schule, schnappen uns zwei Klassen und gehen mit den Schülern Müll sammeln.

Das Problem, das tatsächlich das dringendste dieses Dorfes ist. Jeder schmeißt seinen Müll so die Hänge herunter, die Hüner und Schweine freuen sich da natürlich drüber bevor sie selber wieder von den Bewohnern gegessen werden.

Funktioniert echt klasse und nach 1,5 Stunden kommt echt ein Müllhaufen zusammen den wir dann feierlich abfackeln. Der Lerneffekt ist riesig und schafft ein wenig Bewusstsein in den Kindern. Das Problem ist nämlich das die Kids auf dem Müll drauf stehen und sie dich Fragen wo denn hier Müll sein soll. Sie sehen ihn einfach nicht mehr.

Probleme macht dann eher wieder die Schulleitung. Ein ganz netter Rektor, der leider nicht so viele zum Reden hat. Nun hat er uns schon 3 Mal zum Mittagessen eingeladen. War wie wir hinterher festgestellt haben ein Fehler. 2,5 Stunden mussten wir dann Rede und Antwort zur deutschen Geschichte stehen. Ob wir Nazis sind, das doch die Amerikaner mit den jüdischen Auswandererschiffen genau das gleiche gemacht hätten wie die Deutschen und noch so ein paar Bretter. Bei ihm ist das alles so eine große Masse im Kopf. Nun gut und wenn wir dann jeden Freitag um 11 auf der Matte stehen dann werden wir immer mal vergessen. !Ach es ist ja schon wieder Freitag, welche Klassen können den nun heute?“ Bleibt eben weniger Zeit zum Müll sammeln.

Samstag haben wir dann unser Fußballteam „Deportivo La Tortuga“, also die Sportvereinigung die Schildkröte. Eine Haufen von 8 bis 11 jährigen die mit uns ein bisschen Trainieren. Haut auch ganz gut hin und die Schule von meinem Mitfreiwilligen Jakob hat Trikots und Bälle geschickt. Wenn wir die Pakete dann aus dem Zoll ausgelöst haben kanns noch ein wenig professioneller zugehen.

Bis dahin haben wir für die Kinder einen Fußballerpass erstellt. Den bekommt jeder der uns seinen Anmeldezettel wieder gebracht hat. Die 6 von den 60 ausgeteilten Zetteln die wieder gekommen sind, da haben sich die Kinder auch ganz toll gefreut. Jedoch ist es schon echt deprimierend wie schwierig es ist die Kinder einen einfachen Zettel mit Namen und Geburtsdatum mit den Eltern aus zu füllen zu lassen.

Liebe Grüße aus dem nun ganz langsam ein bisschen kälter werdenden Peru. Nun fängt man schon nicht mehr einfach das Schwitzen an wenn man einfach nur so auf dem Bett liegt. Echt toll.

Kilian
*Der obligatorische Webeblock zum Schluss: *
Ich leiste meinen Zivildienst (Anderer Dienst im Ausland) von Juli 2010
bis August 2011 in Peru ab. Ich werde in der Stadt Piura
(320.000 Einwohner) ganz im Norden und in Küstennähe bei einer
Gastfamilien wohnen. Das Projekt in dem ich Helfen werde
kümmert sich im weitesten Sinne im Kinder und Jugendliche. Von der
Hausaufgabenbetreuung über gemeinsame Ausflüge mit
den Kids bis zu einem ganzen Ausbildungsprogramm. Dort kann Frisör,
Koch, Schneider und Mechaniker gelernt werden.
Wem nun meine Arbeit hier gefällt, der kann etwas Spenden. Hier für gibt es ein eigens für mich eingerichtetes Spendenkonto bei dem man auch eine
Spendenquittung erhält wenn man bei der Überweisung seine Adresse angibt. Ich selber habe darauf jedoch keinen Zugriff! 
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Für künftige Spenden meinen aller herzlichsten Dank.

7. Rundbrief aus Piura / Peru: … ein bisschen langsamer als in Deutschland

Donnerstag, 17. März 2011

Hallo Zusammen,

lange ist das letzte Lebenszeichen her….

Nach dem Sommerurlaub mit meiner Freundin in Chile und Argentinien habe ich meine deutsche Chefin in Buenos Aires getroffen. Mit ihr ging es dann eine Woche ins Zwischenseminar mit allen Freiwilligen aus Lateinamerika. Vom Norden Argentiniens folgte dann eine Busfahrt von effektiven 75 Stunden in 4 Tagen um wieder zurück nach Piura im Norden Perus zu gelangen.
Wieder hier angekommen hatte das eigentliche Programm noch geschlossen. In dieser Zeit sind dann die Freiwilligen auf den Markt und auf die Straße gegangen um Kinder und Jugendliche an zu sprechen ob sie nicht Lust haben einen Beruf zu lernen oder bei uns die Schule nach zu holen. Diese ca. 300 Familien sind dann nach und nach bei uns vorbei gekommen und haben ihre Kinder bei uns angemeldet. Letzten Montag war dann die offizielle Eröffnung und am Dienstag gings dann endlich los. Leider im Moment alles ein wenig provisorisch da der Teil des Programms welcher normaler weise die Ausbildung macht, gerade ein neues Haus bekommt. Ab Juni dann mit doppelt so viel Platz wie vorher.


Letztes Jahr hat meine Woche ja eher daraus bestanden den “Sauhaufen” von Mechanikern ein bisschen in Schach zu halten und in der Küche aus zu helfen. Das hat sich dieses Halbjahr nun komplett geändert: Ich bin nun das, was man heutzutage wohl als PR-Agent bezeichnet. Ich werde wohl eine neue Website für das Projekt bauen, das Fotoarchiv aufarbeiten und eine Fotodokumentation von 11 Jahren Projekt erstellen. Am Schluss soll da ein Buch raus kommen, das CANAT (so heißt mein Programm ganz offiziell) mit allen seinen Facetten und Menschen darstellt und verständlich macht was wir so den ganzen Tag treiben. So was fehlt nämlich noch gänzlich. Die Krönung soll dann werden, wenn ich das alles auch noch auf drei Sprachen hin bekomme.

An den Wochenenden geht es ab sofort nun immer nach “La Tortuga” (Die Schildkröte), ein kleines Fischerdort vor den Toren von Piura. Dort gibt es ein Haus welches von einer kleinen spanischen Organisation gebaut wurde in dem eine kleine Ludotheka (Spielothek) untergebracht ist. Hier hat meine Chefin Gabi sehr viele persönliche Verbindungen. Man muss sich dieses Dorf in etwa so vorstellen: 3000 Einwohner, davon knapp die Hälfte unter 16 Jahren, kein fließend Wasser, kein Ort zum Müll abladen, keine Klos, kein Supermarkt und eigentlich alle Fischer. Das Leben hier ist so urtümlich wie ich es sonst noch nie wo anders gesehen hab. Einige Fischer haben große Boote mit denen sie immer 3 Wochen auf See sind und dann eine Woche Zuhause ausruhen bis sie wieder raus fahren. Die anderen nicht so Wohlhabenden haben so genannte “balsillas”. Das sind 5 zusammen gebundene Baumstämme die eine Person tragen können, einen kleinen Mast mit Plastiksegel haben und zum rudern gibts ein Brett das am Heck abgedrückt wird um so das Schiff nach vorne zu schieben. Diese Fischer fangen eigentlich nur den Fisch den ihre Familie auch selber essen kann. Nur selten wird davon mal was verkauft. Die Kinder essen dann den frischen Fisch quasi lebend wie er aus dem Meer kommt.
Tortuga hat nur leider einige kleine Probleme: die Leute schmeißen hier den Müll fast direkt hinters Haus und um die Notdurft zu verrichten setzt man sein Häufchen einfach neben dran. Und das bei fast jeden Tag konstanten 30°C und drüber. Nie hat sich mal jemand darüber Gedanken gemacht wie man das vielleicht regeln soll. Es stinkt nach Fisch, Müll und Scheiße und keinen scheint es zu stören, und das seit Jahren. Die Menschen hier haben sie so daran gewöhnt, dass es ihnen schon gar nicht mehr auffällt. Auch das Kinder einfach mal an Durchfall sterben gehört dazu.
Nun natürlich die Frage wieso denn niemand auf die Idee kommt etwas zu ändern. Tortuga ist leider ein Ort mit einer sehr schwierigen Situation. Er liegt genau auf der Grenze zwischen zwei Stadtkreisen und hat somit zwei Bürgermeister was die Entscheidungsfindung nicht gerade einfacher macht. Auch das Geld kommt hier nicht an, da sich keiner der zwei Kreisstädte für dieses im wahrsten Sinne des Wortes vergessene Dorf interessiert. Vor ein paar Jahren wurde hier Erdgas gefunden und es liegen 5 Mio. US$ auf Eis da sich die zwei Parteien nicht einigen können wem das Geld zusteht. So müssen die Leute weiter auf den Wasser-LKW warten der das frische Trinkwasser bringt. Vielleicht zwei Mal in der Woche. Wer keins mehr hat, hat dann eben ein Problem.

Dem Müllproblem sind wir aber nun zu Leibe gerückt. In großen Reinigungsaktionen haben wir Müllhaufen aufgeschichtet und verbrannt. Dann hat eine Sparkasse aus Spanien 2000€ gespendet mit denen wir 15 große Ölfässer als Mülleimer kaufen konnten und diese im Ort aufgestellt haben. Das ganze mit einem riesen Umzug durch den Ort, zeig hundert Luftballons und bestimmt 80 Kindern. Die Bürgermeister haben sich nun auch bereit erklärt Jemanden zu bestellen der den Müll ausleert. Auch ein großes Loch soll ausgehoben werden welches dann als Deponie fungieren soll.
In dem Geld war nun noch ein bisschen Luft für eine riesen Werbekampanie mit 600 Stickern um das ganze Dorf voll zu kleben usw. und auch 10 Bäume mit denen wir einen kleinen “Park” angelegt haben. Das Pflanzen hat sich jedoch bei massiven Muschelkalkgestein als etwas schwieriger heraus gestellt. Da gings dann nur noch mit Spitzhacke weiter. Auf Fränkisch würde ich es mit: “des is fei a hads Gscheft” bezeichnen.

Nun mag man vielleicht denken wie toll das doch alles ist, jeder schmeißt seinen Müll weg und die Bäume spenden herrlichen Schatten, die Leute freuen sich und es gibt weniger kranke. Ganz so läuft es dann nicht. Die von uns gesäuberten Bereiche sind wider mit Müll voll, die Bäume gehen entweder ein oder werden von Betrunkenen abgebrochen und kein Mensch denkt auch nur daran seinen Müll in die Tonnen zu schmeißen. Ein wenig sehr deprimierend. Alles für die Katz. Sinnlos…….

Nun meine deutsche Chefin hat uns da so einen tollen Spruch mit auf den Weg gegeben:

ever tried? ever failed?

no matter!

try again! fail again!

fail better!

Scheitere!
Scheitere erneut!
Scheitere besser!

 

Und so machen wir eben weiter mit dem Müllsammeln und mit dem Reden und vielleicht ändert sich ja was. Eben ein bisschen langsamer als in Deutschland.