Archiv für die Kategorie ‘Kenia’

Nun ist es soweit: Es heißt Abschied nehmen

Mittwoch, 08. September 2010
Es ist mitten in der Nacht. Ein langer Tag, eine lange Zeit liegt hinter mir. Morgen werde ich am späten Nachmittag  das Nest verlassen und gen Uganda aufbrechen. Nun ist es soweit. Es heißt Abschied nehmen und es ist ein bewegter Abschied. Oftmals habt ihr in meinem Briefen eine recht kritische Sicht auf die Situation sowie die Herausforderungen im Nest miterleben können. Und es freut mich euch schreiben zu können, dass es in den letzten zwei Monaten einen wunderbaren Wandel der Teamatmosphäre gegeben hat. War es doch vorher immer herausforderungsreich Kommunikation und Zusammenarbeit zu initiieren, so ging es auf einmal …  10. Rundbrief
 
 

 

nach 6 Wochen in Kakuma…

Sonntag, 05. September 2010

Einige wenige Woerter oder Phrasen (Danke, Guten Morgen, Hallo, wie geht’s) in verschiedenen Sprachen (Somali, Turkana-Kenia, Kibembe-Kongo, Aethipoien, wie die Sprache heisst, habe ich gerade nicht parat, Kiswahili), entlocken manchen hier ein Laecheln, vielleicht auch, weil ich ja ein “Mzungu” (Weisser/Europaeer),welch internationales Gemisch aus mittlerweile knapp 80.000 so unterschiedlichen ostafrikanischen Menschen und Kulturen…

Bemerkenswert die Gleichzeitigkeit von Widerspruechen oder einfach die grosse, nicht/schwer in meine Vorstellung (von “Fluechtling”) passende Realitaet:

“Fluechtling sein” in Kakuma =

= alles verloren haben (Familie, Heimat, Besitz, Papiere), in der Fremde unter Fremden leben muessen, auf Hilfe angewiesen sein, auf Genehmigungen, Essen, Feuerholz, Rationen warten, in Unsicherkeit und Unklarheit leben, wie und wann es wohin weitergeht und ob ueberhaupt…

= BesitzerIn eines Restaurants  sein, Geschaefte betreiben, Fernseher und DVD-player haben, viele Beziehungen pflegen, auf einen aethipischen Kaffee oder ein Cola gehen, ein Taxi nehmen von Kakuma 2 nach Kakuma 1, ca. 5 km), mit dem Handy im Internet surfen, vielsprachig und weltgewandt sein…

= heimatlos, einsam und voller Sehnsucht und Trauer sein nach Kindern, Frau, Geschwistern oder Eltern, nicht wissen, wer von ihnen ueberhaupt noch lebt, nicht wissen wo, seit Jahren keine Nachricht, wuetend sich zurueckziehen, gegen die Sinnlosigkeit fuer Hoffnung kaempfen…

= im Fluechtlingslager zuhause sein, hier geboren (ein-geborene/r), immer hier gelebt haben, ein-heimisch sein und doch keine Kenianerin, alles und Jede/n kennen, multikulturell und verwurzelt in der je eigenen “Community” (Somalia, Sudan, Congo, Aethiopien, Ruanda, Burundi), alles hier haben, Familie, FreundInnen, Kinder, Besitz, die alte Heimat nie gesehen haben…

= auf  “resettlement” (USA, Canada, Australien…) warten muessen, nicht mehr ins Heimatland zurueck koennen, nach 19 Jahren noch einmal ins absolute Unbekannte aufbrechen muessen, endlich kein Fluechlting mehr sein muessen, Traum?

Ich esse:

Bohnen, Reis, Karoffel, Ugali (Maisbrei), Gemuese, Ziegenfleisch, Eier, viel abgekochtes Wasser, weisses Toastbrot, Haltbarmilch und Instantkaffee oder Tee, Margarine und Marmelade, Fisch manchmal und Wassermelonen, Orangen oder Ananas und aethiopisch im Camp, mit der Hand und sehr lecker… eigentlich mehr als ich erwartet habe, weil Fluechltingslager klingt so karg…Ach ja, bin ja selbst kein Fluechlting…

Ich wohne:

nicht im Lager selbst, sondern in einem abgezaeunten und bewachten Bereich neben dem Lager, gemeinsam mit den MitarbeiterInnen von JRS und anderer Organisationen (UNHCR, WFP, LWF, GTZ, Windle Trust, Film Aid… ich mag die Abkuerzungen, ist wie im Krankenhaus, Geheimsprache…), auch unsere Bueros sind in diesem “compound” und zumeist gibt es Strom aus dem Generator und das Wasser ist kalt, wenn es kuehl ist und heiss, wenn es heiss ist, und ab 19 Uhr (nach Sonnenuntergang) ist es aus Sicherheitsgruenden nicht erlaubt, unseren Bereich zu verlassen, also lesen oder reden oder ein Bier im einzigen Lokal oder schlafen unter blauem Moskitonetz (weil Malaria). Auch die Fluechtlinge duerfen das Lager nur untertags verlassen, Es gibt im Lager immer wieder naechtliche Ueberfaelle, manchmal auch von einheimischen Turkanas, die selber bitterarm leben, Neid (?) auf die “gut versorgten” Fluechtlinge…

Ich arbeite:

professionell, Bueros und 2 Jeeps und 3 “Day-Care-Centres” mit unterschiedlichen Angeboten und ca. 15 Leuten aus Kenia, Tanzania, den USA, Australien und  Tschechien im “main office” gemeinsam mit 160-180 angestellten Fluechtlingen  (BetreuerInnen der psychisch kranken KlientInnen, BeraterInnen (“Community counselors”) unterwegs in den verschiedenen Teilen des Camps, “Guards” zum Schutz der von Gewalt oder Zwangsheirat gefaehrdeten Maedchen und Frauen, TrainerInnen fuer die Aus- und Weiterbildung der angestellten Fluechlinge, SonderpaedagogInnen, “alternative healers” fuer Koerper- und Fussreflexzonenmassage)

Danke fuer Eure Gedanken und Gebete!

Peter

PS: Wer fuer die Projekte von JRS-Kakuma spenden will:

Spendenkonto “Menschen für andere – Jesuitenaktion”

PSK KontoNr.: 7086 326

BLZ: 60 000

BIC: OPSKATWW

IBAN: AT52 6000 0000 0708 6326

Verwendungszweck “Peter Hochrainer JRS Ostafrika”

Ahsante! Danke!

Angekommen in Kakuma…

Mittwoch, 04. August 2010

Liebe Mitreisende, BegleiterInnen und Interessierte!

Nach intensivem Abschiednehmen von Oesterreich im schmerzlich-freudigem Bewusstsein um soviele gute Verbindungen bin ich seit zwei Wochen in Kakuma, Nordwestkenia. Neben der Kleinstadt desselben Namens gibt es in dieser trocken-heissen Halbwueste seit ca. 20 Jahren ein Fluechtlingslager (Buergerkriege und Hungersnoete im Sudan, in Aethiopien, Somalia, Uganda, Ruanda, Burundi und dem Kongo). Derzeit leben ca. 70.000 Fluechtlinge aus verschiedenen Laendern Ostafrikas in Kakuma, taeglich kommen einige Dutzend aus Somalia und dem Osten des Kongo dazu, wo taeglich gekaempft und vertrieben wird.

Ich bemerke, wie unterschiedlich die Fluechtlinge sind, sie erzaehlen von den unterschiedlichsten Muttersprachen, wie schwer es ist, sich untereinander (sprachlich und kulturell zu verstehen), die Spanne reicht von ultrakonservativen muslimischen Somali-Maennern bis hin zu sehr offenen Frauen aus dem Kongo. Die Zustaende im Lager variieren auch stark: Manche Leute scheinen inzwischen “heimisch” zu sein und betreiben  Geschaefte oder Restaurants aus Lehmziegeln mit festen Wellblechdaechern, es gibt zumeist 1 Gericht, je nach dem, was erhaeltlich ist, andere wohnen in einfachsten Ast-Plastikplanen-Huetten. Da Monatsende ist, sind lange Menschenschlangen an gewissen Punkten im Lager zu sehen, weil “Food-distribution” (Essensverteilung) nach UNHCR-”Ration-card-numbers”, einer Art Fluechtlingsausweis. Manche berichten, dass die Sicherheitslage schlecht sei, es gaebe naechtliche Attacken und Einbrueche…

Ich bin herzlich aufgenommen worden vom kleinen Team des Jesuit Refugee Service JRS (Siehe HIER!) und vorerst ganz in der Einarbeitungsphase: Kennenlernen der Fluechtlinge, ihrer Lebensumstaende, ihrer Geschichten, ihrer Beduerfnisse einerseits und andererseits verstehen, was JRS Kakuma macht. Bisher besuchte ich die 3 Tagesstaetten fuer geistig und mehrfach behinderte Kinder und Jugendliche (Tagesbetreuung, Beschaeftigungsangebote, sonderpaedagogische Foerderung), das Frauenhaus “save haven” fuer von Gewalt und Zwangsheirat bedrohte Frauen, Maedchen und Kinder, hoerte einiges ueber die Ausbildungsstipendien fuer zahlreiche junge Fluechtlinge und die vielen Aktivitaeten des “Counseling-Departements” (Beratungs-Einrichtungen, alternative medizinische Angebote wie Entspannungs- und Fussreflexzonenmassage). Erstaunlich ist, dass die verschiedenen JRS-Projekte von Fluechtlingen selbst getragen werden und JRS v. a. Fluechtlinge ausbildet, anleitet (coaching) und anstellt, damit diese gestaerkt werden und ihr Wissen und ihre Faehigkeiten an andere weitergeben koennen.

Der JRS-Leitspruch, den ich immer wieder hoere, soll die Taetigkeitsbereiche umreissen: JRS will mit den Verwundbarsten der Verwundbaren unter den Fluechtlingen arbeiten: mit psychisch kranken, geistig und mehrfach behinderten Menschen, von Gewalt bedrohten Frauen, Maedchen und Kindern, insofern als JRS diese Menschen begleitet (to accompany), sie in ihren Beduerfnissen unterstuetzt (to serve) und fuer ihre Rechte eintritt (to advocate).

Letzte Woche begleitete ich einige mit JRS arbeitenden Fluechtlinge in verschiedene Teile des sich ueber eine Laenge von ca. 10 km erstreckenden Lagers im Rahmen einer Erhebung, was denn die genauen derzeitigen Beduerfnisse und Probleme, Aengste und Ressourcen der neu hinzugekommenen und schon laenger in Kakuma lebenden Fluechtlingen sind.

Was ich unter anderem sah: weisse UNHCR-Plastikplanen ueber Aesten als “Haeuser”, 1e Frau aus dem Kongo mit 6 Kindern, alle sitzen auf einer Plastikmatte am sandigen Boden unter einem der wenigen Baeume, die Sonne sengt, Steine liegen herum und 3 zerbeulte Kochtoepfe, 1e Plastikschuessel halbvoll mit Maiskoernern, 2 Wasserkanister, eine tragbare Feuerschale, etwas Feuerholz, Plastiksandalen, alle Kinder laufen barfuss trotz der giftigen Skorpione, aber die sind eher nachtaktiv und ein Problem fuer die am Boden Schlafenden, die Frau traegt ein blau-gruenes Tuch um den Kopf gewickelt und einen Wickelrock derselben Farbe, ihr weiss-rot-blau gestreiftes T-Shirt ist schmutzig, den 3 juengsten Kindern, die in halbzerrissenen Unterhosen mit den Maiskoernern spielen, steht der Rotz unter den Nasenloechern, der Bauch des vorletzten ist stark aufgeblaeht, die linke Handflaeche des juegsten Kindes bis ueber alle Knoechel hinauf schwarz verschorft, der aelteste Sohn sitzt still neben der Frau und lacht mich immer wieder an, eine leichte, heisse Brise weht den unangenehmen Geruch der nahen, offenen Latrine heran. Die Frau ist seit einem Monat in Kakuma, berichtet von Krieg, Angst, Vergewaltigung, Flucht, Alptraeumen, will endlich beschuetzt sein…

Ich bin verwirrt, ueberfordert, herausgefordert und sprachlos…

Danke fuer Eure Gedanken und Gebete! Ahsante sana (Vielen Dank, Kiswahili)!

Peter

PS: Wer fuer die Projekte von JRS-Kakuma spenden will:

Spendenkonto “Menschen für andere – Jesuitenaktion”

PSK KontoNr.: 7086 326

BLZ: 60 000

BIC: OPSKATWW

IBAN: AT52 6000 0000 0708 6326

Verwendungszweck “Peter Hochrainer JRS Ostafrika”

Danke!

Demonstrationstag: Um das Bewusstsein für die Rechte der Kinder

Freitag, 23. Juli 2010
seit meinem letzten Rundbrief sind nun schon zwei Monate vergangen. Normalerweise schreibe ich euch ja monatlich; allerdings hatte ich Anfang Juni nicht das Gefühl etwas Neues berichten zu können.
 
Eine Routine ist eingetreten, die Dinge laufen, ich hab meine Arbeit und meine Position gefunden, die Kontraste mit diesem Land sind nicht mehr so stark oder vielleicht nicht mehr so neu. 9. Rundbrief 2010
 
 
 

 

Neues aus Kenia!

Donnerstag, 06. Mai 2010
Kenia ist mir heute unverständlich! Gerade habe ich von Roberts, dem Hausvater im Boysdormitary erfahren,   dass   seine Frau heute morgen unter polizeilichen Arrest genommen wurde. Sie hat an einer Stelle mit einigen anderen Menschen auf ihr Matatu, die lokalen Kleinbusse mit 15 Sitzen und einer Fahrgastkapazität von bis zu 30 Personen, gewartet, die keine offizielle aber durchaus oft genutzte Haltestelle ist. Die Polizei hat das als gesetzteswidrig ausgelegt und alle dort Wartenden in Arrest genommen.8. Rundbrief