Liebe Mitreisende, BegleiterInnen und Interessierte!
Nach intensivem Abschiednehmen von Oesterreich im schmerzlich-freudigem Bewusstsein um soviele gute Verbindungen bin ich seit zwei Wochen in Kakuma, Nordwestkenia. Neben der Kleinstadt desselben Namens gibt es in dieser trocken-heissen Halbwueste seit ca. 20 Jahren ein Fluechtlingslager (Buergerkriege und Hungersnoete im Sudan, in Aethiopien, Somalia, Uganda, Ruanda, Burundi und dem Kongo). Derzeit leben ca. 70.000 Fluechtlinge aus verschiedenen Laendern Ostafrikas in Kakuma, taeglich kommen einige Dutzend aus Somalia und dem Osten des Kongo dazu, wo taeglich gekaempft und vertrieben wird.
Ich bemerke, wie unterschiedlich die Fluechtlinge sind, sie erzaehlen von den unterschiedlichsten Muttersprachen, wie schwer es ist, sich untereinander (sprachlich und kulturell zu verstehen), die Spanne reicht von ultrakonservativen muslimischen Somali-Maennern bis hin zu sehr offenen Frauen aus dem Kongo. Die Zustaende im Lager variieren auch stark: Manche Leute scheinen inzwischen “heimisch” zu sein und betreiben Geschaefte oder Restaurants aus Lehmziegeln mit festen Wellblechdaechern, es gibt zumeist 1 Gericht, je nach dem, was erhaeltlich ist, andere wohnen in einfachsten Ast-Plastikplanen-Huetten. Da Monatsende ist, sind lange Menschenschlangen an gewissen Punkten im Lager zu sehen, weil “Food-distribution” (Essensverteilung) nach UNHCR-”Ration-card-numbers”, einer Art Fluechtlingsausweis. Manche berichten, dass die Sicherheitslage schlecht sei, es gaebe naechtliche Attacken und Einbrueche…
Ich bin herzlich aufgenommen worden vom kleinen Team des Jesuit Refugee Service JRS (Siehe HIER!) und vorerst ganz in der Einarbeitungsphase: Kennenlernen der Fluechtlinge, ihrer Lebensumstaende, ihrer Geschichten, ihrer Beduerfnisse einerseits und andererseits verstehen, was JRS Kakuma macht. Bisher besuchte ich die 3 Tagesstaetten fuer geistig und mehrfach behinderte Kinder und Jugendliche (Tagesbetreuung, Beschaeftigungsangebote, sonderpaedagogische Foerderung), das Frauenhaus “save haven” fuer von Gewalt und Zwangsheirat bedrohte Frauen, Maedchen und Kinder, hoerte einiges ueber die Ausbildungsstipendien fuer zahlreiche junge Fluechtlinge und die vielen Aktivitaeten des “Counseling-Departements” (Beratungs-Einrichtungen, alternative medizinische Angebote wie Entspannungs- und Fussreflexzonenmassage). Erstaunlich ist, dass die verschiedenen JRS-Projekte von Fluechtlingen selbst getragen werden und JRS v. a. Fluechtlinge ausbildet, anleitet (coaching) und anstellt, damit diese gestaerkt werden und ihr Wissen und ihre Faehigkeiten an andere weitergeben koennen.
Der JRS-Leitspruch, den ich immer wieder hoere, soll die Taetigkeitsbereiche umreissen: JRS will mit den Verwundbarsten der Verwundbaren unter den Fluechtlingen arbeiten: mit psychisch kranken, geistig und mehrfach behinderten Menschen, von Gewalt bedrohten Frauen, Maedchen und Kindern, insofern als JRS diese Menschen begleitet (to accompany), sie in ihren Beduerfnissen unterstuetzt (to serve) und fuer ihre Rechte eintritt (to advocate).
Letzte Woche begleitete ich einige mit JRS arbeitenden Fluechtlinge in verschiedene Teile des sich ueber eine Laenge von ca. 10 km erstreckenden Lagers im Rahmen einer Erhebung, was denn die genauen derzeitigen Beduerfnisse und Probleme, Aengste und Ressourcen der neu hinzugekommenen und schon laenger in Kakuma lebenden Fluechtlingen sind.
Was ich unter anderem sah: weisse UNHCR-Plastikplanen ueber Aesten als “Haeuser”, 1e Frau aus dem Kongo mit 6 Kindern, alle sitzen auf einer Plastikmatte am sandigen Boden unter einem der wenigen Baeume, die Sonne sengt, Steine liegen herum und 3 zerbeulte Kochtoepfe, 1e Plastikschuessel halbvoll mit Maiskoernern, 2 Wasserkanister, eine tragbare Feuerschale, etwas Feuerholz, Plastiksandalen, alle Kinder laufen barfuss trotz der giftigen Skorpione, aber die sind eher nachtaktiv und ein Problem fuer die am Boden Schlafenden, die Frau traegt ein blau-gruenes Tuch um den Kopf gewickelt und einen Wickelrock derselben Farbe, ihr weiss-rot-blau gestreiftes T-Shirt ist schmutzig, den 3 juengsten Kindern, die in halbzerrissenen Unterhosen mit den Maiskoernern spielen, steht der Rotz unter den Nasenloechern, der Bauch des vorletzten ist stark aufgeblaeht, die linke Handflaeche des juegsten Kindes bis ueber alle Knoechel hinauf schwarz verschorft, der aelteste Sohn sitzt still neben der Frau und lacht mich immer wieder an, eine leichte, heisse Brise weht den unangenehmen Geruch der nahen, offenen Latrine heran. Die Frau ist seit einem Monat in Kakuma, berichtet von Krieg, Angst, Vergewaltigung, Flucht, Alptraeumen, will endlich beschuetzt sein…
Ich bin verwirrt, ueberfordert, herausgefordert und sprachlos…
Danke fuer Eure Gedanken und Gebete! Ahsante sana (Vielen Dank, Kiswahili)!
Peter
PS: Wer fuer die Projekte von JRS-Kakuma spenden will:
Spendenkonto “Menschen für andere – Jesuitenaktion”
PSK KontoNr.: 7086 326
BLZ: 60 000
BIC: OPSKATWW
IBAN: AT52 6000 0000 0708 6326
Verwendungszweck “Peter Hochrainer JRS Ostafrika”
Danke!


