Archiv für die Kategorie ‘Kenia’

Angekommen in Kakuma…

Mittwoch, 04. August 2010

Liebe Mitreisende, BegleiterInnen und Interessierte!

Nach intensivem Abschiednehmen von Oesterreich im schmerzlich-freudigem Bewusstsein um soviele gute Verbindungen bin ich seit zwei Wochen in Kakuma, Nordwestkenia. Neben der Kleinstadt desselben Namens gibt es in dieser trocken-heissen Halbwueste seit ca. 20 Jahren ein Fluechtlingslager (Buergerkriege und Hungersnoete im Sudan, in Aethiopien, Somalia, Uganda, Ruanda, Burundi und dem Kongo). Derzeit leben ca. 70.000 Fluechtlinge aus verschiedenen Laendern Ostafrikas in Kakuma, taeglich kommen einige Dutzend aus Somalia und dem Osten des Kongo dazu, wo taeglich gekaempft und vertrieben wird.

Ich bemerke, wie unterschiedlich die Fluechtlinge sind, sie erzaehlen von den unterschiedlichsten Muttersprachen, wie schwer es ist, sich untereinander (sprachlich und kulturell zu verstehen), die Spanne reicht von ultrakonservativen muslimischen Somali-Maennern bis hin zu sehr offenen Frauen aus dem Kongo. Die Zustaende im Lager variieren auch stark: Manche Leute scheinen inzwischen “heimisch” zu sein und betreiben  Geschaefte oder Restaurants aus Lehmziegeln mit festen Wellblechdaechern, es gibt zumeist 1 Gericht, je nach dem, was erhaeltlich ist, andere wohnen in einfachsten Ast-Plastikplanen-Huetten. Da Monatsende ist, sind lange Menschenschlangen an gewissen Punkten im Lager zu sehen, weil “Food-distribution” (Essensverteilung) nach UNHCR-”Ration-card-numbers”, einer Art Fluechtlingsausweis. Manche berichten, dass die Sicherheitslage schlecht sei, es gaebe naechtliche Attacken und Einbrueche…

Ich bin herzlich aufgenommen worden vom kleinen Team des Jesuit Refugee Service JRS (Siehe HIER!) und vorerst ganz in der Einarbeitungsphase: Kennenlernen der Fluechtlinge, ihrer Lebensumstaende, ihrer Geschichten, ihrer Beduerfnisse einerseits und andererseits verstehen, was JRS Kakuma macht. Bisher besuchte ich die 3 Tagesstaetten fuer geistig und mehrfach behinderte Kinder und Jugendliche (Tagesbetreuung, Beschaeftigungsangebote, sonderpaedagogische Foerderung), das Frauenhaus “save haven” fuer von Gewalt und Zwangsheirat bedrohte Frauen, Maedchen und Kinder, hoerte einiges ueber die Ausbildungsstipendien fuer zahlreiche junge Fluechtlinge und die vielen Aktivitaeten des “Counseling-Departements” (Beratungs-Einrichtungen, alternative medizinische Angebote wie Entspannungs- und Fussreflexzonenmassage). Erstaunlich ist, dass die verschiedenen JRS-Projekte von Fluechtlingen selbst getragen werden und JRS v. a. Fluechtlinge ausbildet, anleitet (coaching) und anstellt, damit diese gestaerkt werden und ihr Wissen und ihre Faehigkeiten an andere weitergeben koennen.

Der JRS-Leitspruch, den ich immer wieder hoere, soll die Taetigkeitsbereiche umreissen: JRS will mit den Verwundbarsten der Verwundbaren unter den Fluechtlingen arbeiten: mit psychisch kranken, geistig und mehrfach behinderten Menschen, von Gewalt bedrohten Frauen, Maedchen und Kindern, insofern als JRS diese Menschen begleitet (to accompany), sie in ihren Beduerfnissen unterstuetzt (to serve) und fuer ihre Rechte eintritt (to advocate).

Letzte Woche begleitete ich einige mit JRS arbeitenden Fluechtlinge in verschiedene Teile des sich ueber eine Laenge von ca. 10 km erstreckenden Lagers im Rahmen einer Erhebung, was denn die genauen derzeitigen Beduerfnisse und Probleme, Aengste und Ressourcen der neu hinzugekommenen und schon laenger in Kakuma lebenden Fluechtlingen sind.

Was ich unter anderem sah: weisse UNHCR-Plastikplanen ueber Aesten als “Haeuser”, 1e Frau aus dem Kongo mit 6 Kindern, alle sitzen auf einer Plastikmatte am sandigen Boden unter einem der wenigen Baeume, die Sonne sengt, Steine liegen herum und 3 zerbeulte Kochtoepfe, 1e Plastikschuessel halbvoll mit Maiskoernern, 2 Wasserkanister, eine tragbare Feuerschale, etwas Feuerholz, Plastiksandalen, alle Kinder laufen barfuss trotz der giftigen Skorpione, aber die sind eher nachtaktiv und ein Problem fuer die am Boden Schlafenden, die Frau traegt ein blau-gruenes Tuch um den Kopf gewickelt und einen Wickelrock derselben Farbe, ihr weiss-rot-blau gestreiftes T-Shirt ist schmutzig, den 3 juengsten Kindern, die in halbzerrissenen Unterhosen mit den Maiskoernern spielen, steht der Rotz unter den Nasenloechern, der Bauch des vorletzten ist stark aufgeblaeht, die linke Handflaeche des juegsten Kindes bis ueber alle Knoechel hinauf schwarz verschorft, der aelteste Sohn sitzt still neben der Frau und lacht mich immer wieder an, eine leichte, heisse Brise weht den unangenehmen Geruch der nahen, offenen Latrine heran. Die Frau ist seit einem Monat in Kakuma, berichtet von Krieg, Angst, Vergewaltigung, Flucht, Alptraeumen, will endlich beschuetzt sein…

Ich bin verwirrt, ueberfordert, herausgefordert und sprachlos…

Danke fuer Eure Gedanken und Gebete! Ahsante sana (Vielen Dank, Kiswahili)!

Peter

PS: Wer fuer die Projekte von JRS-Kakuma spenden will:

Spendenkonto “Menschen für andere – Jesuitenaktion”

PSK KontoNr.: 7086 326

BLZ: 60 000

BIC: OPSKATWW

IBAN: AT52 6000 0000 0708 6326

Verwendungszweck “Peter Hochrainer JRS Ostafrika”

Danke!

Demonstrationstag: Um das Bewusstsein für die Rechte der Kinder

Freitag, 23. Juli 2010
seit meinem letzten Rundbrief sind nun schon zwei Monate vergangen. Normalerweise schreibe ich euch ja monatlich; allerdings hatte ich Anfang Juni nicht das Gefühl etwas Neues berichten zu können.
 
Eine Routine ist eingetreten, die Dinge laufen, ich hab meine Arbeit und meine Position gefunden, die Kontraste mit diesem Land sind nicht mehr so stark oder vielleicht nicht mehr so neu. 9. Rundbrief 2010
 
 
 

 

Neues aus Kenia!

Donnerstag, 06. Mai 2010
Kenia ist mir heute unverständlich! Gerade habe ich von Roberts, dem Hausvater im Boysdormitary erfahren,   dass   seine Frau heute morgen unter polizeilichen Arrest genommen wurde. Sie hat an einer Stelle mit einigen anderen Menschen auf ihr Matatu, die lokalen Kleinbusse mit 15 Sitzen und einer Fahrgastkapazität von bis zu 30 Personen, gewartet, die keine offizielle aber durchaus oft genutzte Haltestelle ist. Die Polizei hat das als gesetzteswidrig ausgelegt und alle dort Wartenden in Arrest genommen.8. Rundbrief
 
 

 
 
 
 

 

Das Päckchen

Mittwoch, 14. April 2010

Gluecklich in Nairobi gelandeter Goldhase

Gluecklich in Nairobi gelandeter Goldhase

Ein Päckchen zu bekommen ist immer eine große Freude. Vor einigen Tagen fand ich einen kleinen gelben Wisch in meinem Fach im Büro, auf dem stand, dass in der Paketabteilung der Post im Stadtzentrum von Nairobi ein Päckchen auf mich wartet. Die dunklen Erinnerungen von vor einem Jahr, als ich im März das erste Mal diese Abteilung aufsuchte, um mein Weihnachtspäckchen abzuholen schiebe ich zur Seite und mache mich an einem heissen Nachmittag auf den Weg in die Stadt. Eine von Abgasen umwehte Fußgängerbrücke führt über die stark befahrene Haile Selassie Avenue hinüber zu einem verkommenen Kastenförmigen Gebäude, auf dem in verblichener Schrift „City square Posta“ steht. Vorbei an Menschenschlangen bahne ich mir den Weg zum Treppenhaus, und steige hinauf, bis ein altes Pappschild darauf verweist, dass es links zur Paketabholung geht. Einige Treppen führen hinunter in einen großen Saal, der von einem unendlich langen rechteckigen Tresen bestimmt ist. Hinter Gittern, die bis unter die Decke reichen, stapeln sich in meterhohen Regalen sperrige Briefe, Päckchen und Pakete. Ich frage mich, mit welchem System diese Unmengen von Post beherrscht werden.

Im ganzen Raum befinden sich etwa 30 Menschen, davon drängen sich die meisten in der rechten Ecke, der Rest des Raumes wirkt leer. Ich gehe auf eine korpulente Dame zu, die auf einem erhöhten Hocker wie eine Königin hinter dem Tresen thront. Sie wirft einen Blick auf meinen Ausweis und reicht den gelben Wisch ihrer viel kleineren und dünneren Kollegin, die damit hinter einem Gittertor zwischen den Regalen verschwindet. Ich warte. Eine der drei Weissen, die sich im Raum befinden, eine junge Dame, bricht am Telefon, an einem Fenster hinter meinem Rücken in Tränen aus. „Nein, mir geht es gut,“ schluchzt sie. „Sie geben es nicht heraus, ich weiß nicht was ich noch machen soll…“. Nach kurzer Zeit werde ich 2m weiter nach links geschickt, wo mir mein Päckchen überreicht wird. Vorfreude. Ich werde noch ein Stück weiter geschickt, in die Menschenansammlung in der rechten Ecke. Ich werfe einen Blick auf die Dame neben mir, auf ihrem Gesicht stehen Schweissperlen. Man reicht mir ein langes Küchenmesser mit der Anweisung das Päckchen zu öffnen. Eine liebe Freundin hat mir einen Lindt Goldhasen mit Schokopralinen geschickt, zu Ostern, dazu einen Brief. Neben mir packt ein junger Kenianer sämtliche Elektroaccessoires in ein braunes Täschchen, das er verbissen zurück in einen kleinen Pappkarton zu zwängen versucht. Der zweite Weisse im Raum, ein junger Mann in einem staubigen Motorrad Outfit, hat sich inzwischen von der Menschenansammlung an die nächste Station weiter links bewegt. Sein Gesicht spiegelt eine Mischung von Verzweiflung und Amüsement. „Aber ist es denn so kompliziert, in Afrika ein Päckchen abzuholen?“ fragt er mit ungläubiger Stimme die Dame, die ihn bedient. Mir gegenüber hinter dem Tresen sitzt ein mürrischer, gelangweilter Mann. Ich warte. „Just chocolates,“ sage ich, als ich an die Reihe komme und erlaube mir ihn darauf hinzuweisen, dass er den Hasen lieber ungeöffnet lässt, weil ich in Gedanken schon die kostbaren Pralinen über den dreckigen Tresen purzeln sehe. Er beäugt den Hasen argwöhnisch und fängt an auf den gelben Wisch zu schreiben. Ob ich ihm den Wert des Inhalts sagen könnte, schnaubt er mich an. Nein, es ist ein Geschenk, woher soll ich wissen, wieviel es gekostet hat. Ich stelle mich stur. Und warte. Ermahne mich zur Geduld. Aber ich könnte es doch schätzen. Nein, kann ich nicht. Es ist ein Geschenk. Ich wittere sein Verlangen, mich für die Osterschokolade Zoll zahlen zu lassen. Sichtlich unzufrieden, kritzelt er weiter. Aber bevor ich den gelben Wisch wieder bekomme, muss ich mir 3m weiter Paketband holen, mein Päckchen versiegeln – und es wieder abgeben. Dann schickt er mich quer durch den Raum an einen vergitterten Tresen, über dem „cashier“ steht. Eine gelangweilte Dame streckt ihren Arm nach meinem gelben Wisch aus. Stempelt, stempelt noch mal, reicht ihn mir durchs Gitter. Ich trage ihn wieder  an die Stelle, wo ich mein Päckchen zurücklassen musste. Der mürrische Kritzler schnaubt gerade einen älteren Kenianer an, vor dem ein neuer Fliespulli liegt. „Niemals hat der 20 Dollar gekostet, das ist viel zu viel, sie lügen,“ ruft er. Der Empfänger sagt nichts, sichtlich ratlos. Man schickt mich 3m weiter nach links. Wieder muss ich meinen Ausweis zeigen und außerdem 70 Schilling (0,70 Euro) zahlen – keine Ahnung wofür. Ich bekomme eine Quittung, der gelbe Wisch wird einbehalten. Ich frage die Dame, wer sich diese Prozedur ausgedacht hat. Sie faselt etwas von zwei Firmen im gleichen Haus. Wir müssen beide lachen. „Wer in Afrika viel fragt, geht viel in die Irre,“ schreibt Bartholomäus Grill in seinem Buch „Ach, Afrika.“ Ich schiebe mich 2m nach rechts, wo ich endlich mein Päckchen zurückbekomme. Als ich damit erleichtert den Raum verlassen will werde ich von einem Mann, der nahe der Treppe hinter dem Tresen steht, zurückgerufen. Die weiße Quittung will er sehen, und meinen Ausweis. Er schreibt alles in ein großes Buch. Ich darf gehen. Ich kann es kaum glauben. Mein letzter Blick zurück in den Raum fällt auf den weissen Motorradfahrer, der noch immer an der gleichen Stelle steht und mir ungläubig nachschaut. Glücklich und stolz verlasse ich mit meinem Goldhasen das Gebäude.

© 2010 Angelika Mendes

…neben Musikunterricht auch Kunstunterricht.

Dienstag, 16. März 2010
heute schreibe ich nicht wie sonst aus Limuru sondern von “unterwegs”. Ich befinde mich gerade auf der Durchreise durch Tansania mit dem Ziel Malawi. Am Samstag bin ich gerade erst aus einem Kurzurlaub mit meiner Schwester zurückgekommen und musste nun schon wieder los. Unerwartet. Zwangsweise. Der Grund dafür ist, dass ich 6.Rundbrief