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Schuleinweihung in Samraong

Freitag, 21. Oktober 2011

Der 15. September war ein Festtag für Samraong! Jung und Alt hatten sich versammelt, um zu feiern, was die Zukunft des Dorfes und seiner Menschen nachhaltig verändern wird: die Einweihung ihrer neuen Grundschule!

Mehr als 100 Kinder standen Spalier, als ich zusammen mit den Mitarbeitern des Jesuit Service und den Verantwortli- chen der Jesuiten des Landes im Dorf eintraf. Und schon von Ferne hörten wir sie im Chor „Orkun chran, bong-proh Thoma!“ skandieren, „vielen Dank, Bruder Thomas!“ Doch der Dank der Kinder und ihrer Eltern galt und gilt allen Spenderinnen und Spendern! Denn ohne ihre Hilfe wäre es nie zum Bau der Schule gekommen! Das konnte ich, gestärkt durch dampfende Reissuppe und frische Kokosmilch, in einer kurzen Ansprache zu Beginn der Feierlichkeiten dann auch zum Ausdruck bringen! Ich freue mich sehr, den Dank der Dorfbewohner hiermit auch an Sie und Euch alle weitergeben zu können! Es war ein wunderbares Erlebnis, das Glück und die Freude dieses so besonderen Tages hautnah miterleben zu dürfen!

Den obligatorischen Ansprachen folgte eine Segnungsfeier. Buddhisti- sche Mönche, die Mehrzahl von ihnen selbst noch im Schulalter, nahmen in einem der drei Klassenzimmer die Ehrerweisungen der Älteren des Dorfes und von uns Gästen entgegen und segneten unter Gebeten den Neubau mit Wasser. Pater Gabriel, der aus Korea stammende Obere der Jesuiten in Kambodscha, nahm im Anschluss ebenfalls eine Segnung mit Weihwasser vor, bevor sich alle Anwesenden mit fröhlichem Juchzen in eine Segnungsprozession einreihten, die dreimal um das Schulhaus führte, für den Buddha, seine Lehre und die Gemeinschaft der Mönche. Ein reichhaltiges Mittagessen – für die meisten Menschen in Samraong eine Seltenheit! – beendete dann die Feierlichkeiten, die wohl allen im Dorf noch lange in Erinnerung bleiben werden.

Insgesamt viermal hatte ich in den darauf folgenden Wochen noch Gelegenheit, mit den Mitarbeitern des Jesuit Service nach Samraong zu fahren. Manchmal mussten wir das Auto ein Stück vom Dorf entfernt stehen lassen, da wir trotz Allradantrieb auf dem vom Regen aufgeweichten Feldweg nicht mehr weiter kamen. Gott sei Dank jedoch blieb der Ort von den schlimmen Überschwemmungen verschont, die viele Teile Kambodschas schon seit Wochen heimsuchen und den Schulanfang nach den großen Ferien der Regenzeit vielerorts verhinderten. „Unsere“ Kinder gehen seit dem 1. Oktober zur Schule, auch wenn der normale Schulbetrieb erst noch richtig in Schwung kommen muss. 103 Kinder lautete der Stand am letzten Tag meines Besuchs, verteilt auf je eine erste, zweite und dritte Klasse. Ein guter Teil von ihnen kommt aus dem Nachbardorf, wo man über die neue Schule nicht minder froh ist! Noch aber fehlt es an Schuluniformen und -büchern, und auch ein Haus für die vom Staat geschickten Lehrkräfte (eine Frau und ein Mann) muss noch gebaut werden. Die beiden haben gleich am ersten Schultag spontan beschlossen, im Dorf wohnen zu bleiben, obwohl es dort weder Strom noch Einkaufsmöglichkeiten gibt; die Fahrt von und nach Siem Reap ist einfach zu weit und zu beschwerlich.

Der Jesuit Service wird in den nächsten Wochen dafür Sorge tragen, dass die Lehrer eine Unterkunft erhalten. Zusammen mit ihr soll eine Küche errichtet werden, in der Ayi – sie und ihr Mann haben uns den Baugrund für die Schule zur Verfügung gestellt – dreimal die Woche für die Kinder Reissuppe kochen wird, (auf Dauer…?) finanziert durch Ihre/Eure Spenden! Der Jesuit Service kalkuliert mit 30 Dollar pro Mittagessen. Bei 100 Kindern macht das pro Kopf 30 US-Cent oder (derzeit) 22 Euro-Cent. Die Kosten für einen Satz Schulbücher belaufen sich pro Schüler auf 3 bis 4 Dollar, also 2 bis 3 Euro.

Inzwischen unterhält der Jesuit Service in der Provinz Siem Reap zehn Schulen, allesamt in armen Dörfern. Doch das ärmste unter ihnen ist Samraong, wie mir Srey Mom, die Chefin des Jesuit Service, mehrfach bestätigte. Mangelernährung gibt es auch in anderen Dörfern, aber besonders gravierend ist sie in „unserem“ Dorf. Deshalb ist Srey Mom auch schnell mit dem Vorschlag einverstanden gewesen, den Kindern ein Mittagessen anzubieten, obwohl ein solches Unterfangen Neuland für den Jesuit Service darstellt.

Wie groß die Not in Samraong ist, muss ich bei jedem meiner Besuche dort erleben. Immer wenden sich Menschen mit konkreten Hilfeersuchen an uns. Da ist zum Beispiel Ayis Bruder Seun, ein dreifacher Familienvater von 35 Jahren. Er musste vor wenigen Wochen eine teure Krebsoperation in Phnom Penh über sich ergehen lassen. Die Familie steht nun finanziell am Abgrund. Mehr als 1000 Dollar musste sie sich leihen, um die Krankenhauskosten zu begleichen. Nach der Rückzahlung zweier Raten blieb ihr nicht einmal mehr Geld, um Reis kaufen zu können. Eine Reislieferung und die spontan zugesagte Spende eines befreundeten Arztes aus Regensburg, den ich per Email von Kambodscha aus um eine medizinische Einschätzung gebeten hatte, lassen die Familie jetzt wieder Hoffnung schöpfen!

Endlich Hoffnung hat seit zwei Wochen auch Üan, Witwe und Mutter von vier noch minderjährigen Kindern. Vor über einem Jahr hat sie sich bei einem Sturz vom Fahrrad die Hüfte gebrochen oder zumindest ausgerenkt. Einen Arzt hat sie nie zu Gesicht bekommen. Sie leidet schreckliche Schmerzen und kann natürlich nicht mehr gehen. Ihre Töchter sammeln im Wald Holz und verkaufen es am Morgen noch vor Schulbeginn, um der Familie ein kärgliches Einkommen zu sichern. Seit genau zwei Wochen ist Üan nun im Provinzkrankenhaus von Siem Reap. Und obwohl sie noch heute auf einen Operationstermin wartet, ist sie bereits wie verwandelt. Als wir sie am 6. Oktober eingeliefert haben, war sie ein von Schmerzen gepeinigtes Häufchen Elend. Schon tags darauf strahlte sie und wirkte buchstäblich um Jahre jünger!

Schicksale wie diese gibt es in Kambodscha leider zuhauf. Es ist ein regelrechter Fluch, ohne Krankenversicherung auskommen zu müssen. Wir in Deutschland dürfen uns in jeder Hinsicht glücklich schätzen! Und weil ich etwas von diesem Glück auch künftig nach Samraong tragen will und es dort noch viel zu tun gibt, möchte ich den Weg, den ich mit diesem Dorf und seinen Menschen zu gehen begonnen habe, weitergehen. Allen, die ihn mit mir gehen wollen, sage ich schon jetzt ganz herzlichen Dank dafür!

Einen Bilderbogen von der Einweihung gibt es als pdf-Datei hier: Bilderbogen Samraong

Spendenkonto 5 115 582 der Jesuitenmission, LIGA Bank – BLZ 750 500 00, Verwendungszweck: Projekt 3804, Thomas Rigl

Es geht los!

Montag, 16. Mai 2011

Sie wurden 6 bzw. 7 Jahre alt. Vor knapp drei Wochen, am 27. April, starben die beiden Mädchen, Schwestern aus dem Dorf Samraong. Vom Hunger in den Wald getrieben, hatte ihre Familie Pilze gesammelt, nicht ahnend, dass giftige darunter waren. Die Eltern und der Bruder hatten Glück, sie überlebten die Mahlzeit knapp.

Wie in so vielen Dörfern Kambodschas gleicht auch das Leben der Menschen in Samraong oft mehr einem Kampf ums Überleben. Der wie vor 1000 Jahren unter Einsatz primitivster Mittel angebaute Reis ist knapp, weshalb es nicht selten nur zu essen gibt, was Wald und Flur hergeben. Für die rund 30 Kinder aus Samraong, die wir am 28. April für zwei Tage in das Reflection Centre der Jesuiten nach Siem Reap holten, muss der dortige Mittagstisch wie ein Schlaraffenland gewesen sein. Manche von ihnen hatten ganz offensichtlich zum ersten Mal in ihrem Leben eine Suppe vor sich stehen.

Gott sei Dank war den Kindern der tragische Zwischenfall vom Vortag nicht anzumerken. Ihre Ausgelassenheit kannte keine Grenzen. Und so wurden die unbekannten Spielsachen in dem neu eingerichteten Spielzimmer auf unserem Gelände ebenso rasch in Beschlag genommen wie die bereit- gehaltenen Bälle. Doch wir hatten die Kinder nicht nur zum Spielen in die Stadt gebracht. Die Mitarbeiter des Jesuit Service (JS) – im Bild Srey Mom, die Koordinatorin des JS, mit einem Schüler – wollten ihr Lesevermögen testen. Einen gelben Stoffwimpel gab es dabei für all jene, die gar nicht, einen lilafarbenen für die, die flüssig lesen konnten. Am Ende hielten sich alle Niveaus in etwa die Waage. Ein Teil der Kinder besucht eine Schule und nimmt dafür große Strapazen auf sich. So erzählte uns ein Mädchen, sie gehe jeden Tag einfach zwei Stunden zu Fuß zum Unterricht. Wer die tropische Hitze der Region schon einmal erlebt hat, weiß, was das bedeutet…

Vor gut einer Woche bin ich von einem weiteren Aufenthalt in Kambodscha zurückgekehrt. Heute kann ich Ihnen und Euch voller Freude mitteilen: Der Bau „unserer“ Grundschule in Samraong hat begonnen! Die Erd- und Fundamentierungsarbeiten waren bereits im Gange, als ich zu einem Besuch im Dorf war! Dass dies so schnell möglich wurde und die Jesuitenmission bereits Mitte April 25 000 € nach Siem Reap überweisen konnte, ist allein Ihrer/Eurer Großzügigkeit zu verdanken! Ein herzliches Vergelt’s Gott an dieser Stelle allen Spenderinnen und Spendern, auch und vor allem im Namen des Jesuit Service und der Kinder von Samraong! Für sie ist das wie ein Wunder!
Vor Baubeginn hatte eine andere Familie des Dorfes Land für die Schule zur Verfügung gestellt. Weil der Platz besser und leichter zugänglich ist als der zuvor ins Auge gefasste, wird sie nun dort errichtet. Ein guter Teil des benötigten Baumaterials ist schon vor Ort. Allerdings hat die Regenzeit in diesem Jahr sehr früh eingesetzt, so dass sich der Transport bisweilen schwierig gestaltete. Die schmalen Feldwege ins Dorf waren stellenweise morastig und voller tiefer Pfützen. Einem viel zu großen Lastwagen wurde das schon nach wenigen Metern zum Verhängnis; die geladenen Steine mussten in stundenlanger Handarbeit auf einen kleineren LKW umgeladen werden. Handarbeit freilich ist Trumpf auf vielen Baustellen Kambodschas. So auch in Samraong. Die Gruben für die Fundamente der Pfeiler im harten Lehmboden werden mit der Schaufel gegraben, der Mörtel wird von Hand gemischt – mit blanken Füßen in der Zementbrühe! Ausgeführt wird der Bau von einer bewährten Baufirma, die schon mehrfach für den Jesuit Service tätig war. Ihr Chef bringt nicht nur viel Erfahrung mit, sondern gilt auch als zuverlässig. In einem Land, in dem die Korruption kaum vorstellbare Ausmaße annimmt und viele Bereiche des Lebens lähmt, ist ein solcher Vertragspartner von unschätzbarem Wert!

Wenn uns die Regenzeit keinen Strich durch die Rechnung macht und der Bau wie geplant verlaufen kann, wird die Schule zum Beginn des nächsten Schuljahres, Anfang Oktober, eingeweiht werden und den Unterrichts- betrieb mit der 1. Klasse auf- nehmen. Zumindest für einen Teil der Kinder des Dorfes wird dann eine neue Ära anbrechen! Ich hoffe, dieses Ereignis vor Ort miterleben zu können, und werde Sie und Euch spätestens dann mit neuen Bildern und Informationen versorgen! Bis dahin werde ich von den Angestell- ten des Jesuit Service per E-Mail Bilder von der Baustelle bekommen.

Nicht vorenthalten will ich Ihnen/Euch zum Schluss eines meiner Lieblingsfotos. Es ist kurz vor der Rückfahrt der Kinder und ihrer Beglei- terinnen aus unserem Zentrum nach Samraong entstanden. Es waren zwei wunderschöne Tage mit den Kindern; der Abschied fiel mir nicht leicht. Doch ich freue mich schon jetzt auf ein Wiedersehen! Ein solches wird es sicher nicht nur ein Mal geben. Denn als ich mich nur wenige Tage darauf von Srey Mom verabschiedete, beschwor sie mich förmlich: „Please come back to help the Cambodian people!“ Das werde ich tun, solange ich kann!

Zukunft

Donnerstag, 13. Januar 2011

“Aktivieren Sie Bluetooth auf Ihrem Handy!”, forderte der Lauftext am unteren Bildschirmrand die Zuschauer auf. Wer das tat, bekam binnen weniger Sekunden das Foto des neuesten Modells eines bayerischen Autoherstellers geschickt. „BMW-TV“ hieß das Programm auf den Bildschirmen an den Gepäckbändern des Münchner Flughafens; es sollte auch mir offenbar die Wartezeit vertreiben. Welch ein Kontrast zu dem Land, aus dem ich gerade zurückgekommen war. Dort können sich viele Menschen nicht einmal ein Fahrrad leisten. Das fast unbeschreibliche Glück in den Gesichtern derer, denen ich während der letzten Monate ein „goang“, also ein Rad gekauft habe, werde ich nie mehr vergessen.

Inzwischen bin ich schon seit ein paar Wochen wieder zuhause in Regensburg. Doch mein Auto, das seit meiner Abreise vor bald einem Jahr auf dem Hof eines befreundeten Bauern untergestellt ist, habe ich noch nicht reaktiviert. Ja, ich werde es wohl bald tun, aber noch ringe ich mit der Frage, ob ich nicht auch ohne es auskommen könnte. Ein stattliche Summe Geld würde ich so sparen. Und vielleicht viele weitere Fahrräder in Kambodscha dafür kaufen?

Auch wenn ich zugeben muss, dass die Rückkehr in den materiellen Überfluss der deutschen Vorweihnachtszeit trotz der verstörenden Armut, die ich kennengelernt hatte, unproblematischer war als erwartet und mir selbst die winterliche Kälte nichts anhaben konnte – in Gedanken bin ich noch viel bei den Menschen in Südostasien. Mit einigen stehe ich dank Handy und E-Mail weiterhin in Kontakt, mit so manchen aber nicht; sie besitzen weder ein Telefon noch haben sie Zugang zum Internet. Wie wird es ihnen gehen? Was wird die Zukunft, was wird das eben begonnene Jahr für sie bringen? Finden diejenigen meiner Freunde, die kurz vor meiner Heimreise ihren Job verloren haben, neue Arbeit? Werden all die lernbegierigen jungen Leute, denen ich begegnet bin, weiter ihre Englischkurse, ihre Schule oder die Uni besuchen können? Um sie alle kreisen meine Gedanken. Eines weiß ich dabei schon jetzt ganz sicher: Ich kann und werde Kambodscha nicht einfach abhaken und zu meinem Alltag hier in der Heimat zurückkehren können. Ich möchte mich weiter dafür stark machen, dass Menschen, auch wenn sie viele tausend Kilometer entfernt von hier leben, eine bessere Zukunft haben. Und weil eine der wichtigsten Voraussetzungen dafür Bildung ist, werde ich auch künftig einzelnen jungen Leuten ein Studium ermöglichen helfen. Noch mehr aber treibt mich der Wunsch eines ganzen Dorfes nach einer eigenen Schule um. Samraong heißt dieses Dorf und liegt in der Provinz Siem Reap. Seine Einwohner sind bitterarm, die nächstgelegene Schule für viele unerreichbar. Nichts wünschen sich die Menschen mehr als eine Volksschule für ihre zahlreichen Kinder. Das Grundstück dafür hat ein Bauer dem Jesuit Service Cambodia zur Verfügung gestellt. Doch für den Bau der Schule braucht es etwa 30 000 US-Dollar. Ich habe den Leuten von Samraong versprochen, dieses Geld aufzutreiben. (Weitere Infos als Rundbrief vom November 2010 im pdf-Format: Dorf Samraong). Über den Fortgang meiner entsprechenden Bemühungen werde ich in diesem Blog regelmäßig berichten. Denn die Kinder von Samraong brauchen eine Zukunft!

Spendenflyer zum Schulprojekt Samraong vom Februar 2011 als pdf-Datei:

Samraong braucht eine Schule

Allerseelen

Montag, 11. Oktober 2010

Wie bitte? Zuerst vernachlässigt der Kerl seinen Blog mehr als zwei Monate lang, und nun scheint er seiner Zeit um drei Wochen voraus zu sein. Allerseelen im Oktober? Ja! Und zwar in seiner kambodschanischen Variante, Pchum Ben genannt. Zwei Wochen lang haben die Khmer wie immer um diese Jahreszeit ihrer Ahnen gedacht. In den letzten drei Tagen fand das Fest seinen Höhepunkt und Abschluss. In einem Land, in dem die Familie einen enormen Stellenwert besitzt, hat es wohl kaum jemand versäumt, während dieser Zeit mindestens einmal eine Pagode zu besuchen; viele werden mehrfach gegangen sein. Und das schon früh am Morgen. Auch ich habe mich in der vergangenen Woche um 4 Uhr aus dem Bett gequält, um kurz darauf zu einem nahe gelegenen Kloster zu radeln. Nicht – und das muss ich offen gestehen – um dort meine Ahnen zu ehren, sondern um meiner Neugier Befriedigung zu verschaffen. Und so fand ich mich noch vor Sonnenaufgang bei Kerzenschein als Zaungast unter einigen Hundert meist jungen Khmer wieder. Sie alle hatten hübsch dekorierte Schalen mit Bällchen aus Klebreis mitgebracht. Nach dem gemeinsamen Gebet pilgerten sie um den zentralen Tempel, um diese Reisbällchen in eigens markierte Areale auf den Boden zu werfen. Der Reis dient als Essen für die Geister der Vorfahren, die aufgrund gravierender Verfehlungen zu Lebzeiten nun ihr Dasein in der Hölle fristen. Nur einmal im Jahr, zum Pchum-Ben-Fest, haben sie die Möglichkeit, an Nahrung zu gelangen und so ihre Qualen zu mindern. Mit Bildmaterial von diesem morgendlichen Ereignis kann ich leider nicht aufwarten. Ich hielt es schlicht für pietätlos, meiner Neugierde als einzig anwesender „Barang“ – dieser Begriff heißt wörtlich übersetzt „Franzose“, dient aber zur Bezeichnung aller Weißen – mit Kamera und Blitzlicht Nachdruck zu verleihen.

Anders verhielt es sich tags darauf. Ein Freund hatte mich in sein Heimatdorf nahe Siem Reap eingeladen. Im Laufe des Vormittags versammelten sich immer mehr Menschen im Kloster des Dorfes, brachten, der Tradition folgend, den Mönchen eine Fülle an selbst zubereiteten Speisen und ließen sich dann ebenfalls zum gemeinsam Essen nieder. Wieder war ich der einzige „Barang“, aber ein paar wenige Fotos getraute ich mich dann doch zu schießen. Noch mehr war das der Fall bei dem auf das Mittagessen folgenden Höhepunkt des Tages, einem Bootsrennen. Obwohl der größte See Südostasiens, der Tonle Sap, wegen geringerer Regenfälle als sonst um diese Jahreszeit noch nicht das Dorf erreicht hatte, gab es in den Reisfeldern am Dorfrand genügend Wasser für ein Kurzstreckenrennen. Alle Beteiligten hatten sichtlich Spaß daran, und kaum ein Ruderer blieb trocken, weil so manches Boot noch vor Erreichen der Ziellinie volllief und unterging. Das Siegerboot des Tages nimmt Ende November am großen Bootsrennen beim Wasserfest in Siem Reap teil und gehört dort, wie man mir sagte, regelmäßig zu den Favoriten.

Und so ging das Allerseelen-Fest der Khmer für mich eindrucksvoll zu Ende, mit Erlebnissen, die in der Regel nur dem vergönnt sind, der sich länger hier im Land aufhält. Ein ganz besonderes Erlebnis kulinarischer Art will ich abschließend noch gerne teilen, jedenfalls in Bildform. Es handelt sich um Enteneier mit Küken. Dass die hier als Spezialität gelten, hatte ich schon gewusst, mir aber nicht vorstellen können, je eines dieser Dinger auch nur anzurühren. Als man sie mir letzte Woche vorsetzte, blieb mir nichts anderes übrig, als zum Löffel zu greifen. Und was soll ich sagen? Ich habe es nicht bereut! Die Eier sehen widerlich aus, schmecken aber verdammt gut…

Welten

Mittwoch, 21. Juli 2010

Die Milch kommt aus Vietnam, die Erdnussbutter aus den USA, die Cornflakes aus Deutschland und die Marmelade aus Malaysia und der Schweiz. Einzig das Brot stammt aus kambodschanischer Produktion, nach (kolonial-)französischem Vorbild als Baguette gebacken. Unser Frühstückstisch ist reich und international gedeckt, zumal wenn Gäste im Zentrum sind. Für die meisten Menschen hier im Land ist der Luxus, den wir uns am Morgen gönnen, nicht erschwinglich. Auch nicht für unsere Nachbarn. Immer wieder kommt es vor, dass schon während unseres Frühstücks auf dem geräumten Grundstück nebenan die ersten „Schatzsucher“ zu Gange sind. Mit schweren Vorschlaghämmern versuchen sie, den Mauerbrocken der einst dort befindlichen Häuser noch die letzten Stahlreste zu entlocken, um sie für ein wenig Bargeld zu verkaufen. In Kambodscha treffen Welten aufeinander. Selbst unmittelbar vor unserer Haustür.

Verlässt man das Reflection Centre, erreicht man nach nur wenigen Minuten Fußmarsch ein repräsentatives, in thailändischer Trägerschaft befindliches Krankenhaus westlichen Standards. Es ist gespenstisch leer. Ein australischer Jugendlicher, der zusammen mit seiner Klasse kürzlich für einige Tage bei uns war, musste wegen Fiebers drei Tage dort verbringen. Die abschließende Rechnung betrug knapp 4000 US-Dollar und wird von der Versicherung des Patienten übernommen. Einheimische können sich dieses Krankenhaus mangels Versicherung nicht leisten. Und obwohl die für sie bestimmten Kliniken weniger kostspielig sind, können Arztkosten ganze Familien in den Ruin treiben. Als die Mutter eines unserer Angestellten vor fünf Jahren einen Schlaganfall erlitt, war die ohnehin arme Familie gezwungen, sämtliche Reisfelder zu verkaufen, um für die entstandenen Behandlungskosten aufzukommen.

Nicht ganz so schlimm erging es Rithy, einem meiner in den letzten Monaten neu gewonnen Freunde. Rithy arbeitet als Angestellter in einem der zahlreichen Nobelhotels der Stadt. Im vergangenen Jahr hatte er mehrere Hundert US-Dollar Kredit von der Bank aufgenommen, um sich ein gebrauchtes Moped kaufen zu können. Das sollte ihm die zeitraubende Fahrradfahrt von seinem 20 km entfernt gelegenen Dorf zur Arbeit und zurück ersparen. Doch dazu kam es nie. Das Geld zerrann zwischen seinen Fingern, als seine Frau ernsthaft erkrankte und über längere Zeit immer wieder ärztlich versorgt werden musste. Da sie mit der Rückzahlung des Kredits längst in Verzug geraten waren und keinen anderen Ausweg sahen, beschlossen Rithy und seine Frau im vergangenen Monat, statt um 4 Uhr morgens künftig schon um 2 Uhr aufzustehen, um noch vor Arbeitsbeginn mit dem nicht mehr zugelassenen Uraltmoped der Familie auf den Markt in der Stadt zu fahren und Fisch zu kaufen. Auf dem Rückweg wurde Rithy von seiner Frau am Hotel abgesetzt, sie selbst fuhr zurück ins Dorf und verkaufte dort den Fisch weiter. Das brachte ihnen ein tägliches Zubrot von etwas mehr als einem Dollar.

Als Rithy mir seine Geschichte erzählte, kam ich mir wohl zum ersten Mal in meinem Leben beschämend reich vor. Zugleich war und bin ich aber sehr froh darüber, dass ich nicht zuletzt mit Hilfe der auf meinem Projektkonto eingegangenen Spenden Rithy dabei helfen kann, seinen Kredit in den nächsten Monaten abzubezahlen. Die nächtlichen Fahrten auf den Markt – sie hatten der Gesundheit seiner Frau bereits erneut zu schaden begonnen – sind deshalb inzwischen nicht mehr nötig. An dieser Stelle sei allen Spenderinnen und Spendern ein ganz herzliches Vergelt’s Gott gesagt!

Das Hotel, in dem Rithy arbeitet, ist übrigens ein 4-Sterne-Haus. Die Nacht dort kostet zwischen 220 und 1000 US-Dollar. Rithy verdient 50 US-Dollar – im Monat.