Der 15. September war ein Festtag für Samraong! Jung und Alt hatten sich versammelt, um zu feiern, was die Zukunft des Dorfes und seiner Menschen nachhaltig verändern wird: die Einweihung ihrer neuen Grundschule!
Mehr als 100 Kinder standen Spalier, als ich zusammen mit den Mitarbeitern des Jesuit Service und den Verantwortli- chen der Jesuiten des Landes im Dorf eintraf. Und schon von Ferne hörten wir sie im Chor „Orkun chran, bong-proh Thoma!“ skandieren, „vielen Dank, Bruder Thomas!“ Doch der Dank der Kinder und ihrer Eltern galt und gilt allen Spenderinnen und Spendern! Denn ohne ihre Hilfe wäre es nie zum Bau der Schule gekommen! Das konnte ich, gestärkt durch dampfende Reissuppe und frische Kokosmilch, in einer kurzen Ansprache zu Beginn der Feierlichkeiten dann auch zum Ausdruck bringen! Ich freue mich sehr, den Dank der Dorfbewohner hiermit auch an Sie und Euch alle weitergeben zu können! Es war ein wunderbares Erlebnis, das Glück und die Freude dieses so besonderen Tages hautnah miterleben zu dürfen!
Den obligatorischen Ansprachen folgte eine Segnungsfeier. Buddhisti- sche Mönche, die Mehrzahl von ihnen selbst noch im Schulalter, nahmen in einem der drei Klassenzimmer die Ehrerweisungen der Älteren des Dorfes und von uns Gästen entgegen und segneten unter Gebeten den Neubau mit Wasser. Pater Gabriel, der aus Korea stammende Obere der Jesuiten in Kambodscha, nahm im Anschluss ebenfalls eine Segnung mit Weihwasser vor, bevor sich alle Anwesenden mit fröhlichem Juchzen in eine Segnungsprozession einreihten, die dreimal um das Schulhaus führte, für den Buddha, seine Lehre und die Gemeinschaft der Mönche. Ein reichhaltiges Mittagessen – für die meisten Menschen in Samraong eine Seltenheit! – beendete dann die Feierlichkeiten, die wohl allen im Dorf noch lange in Erinnerung bleiben werden.
Insgesamt viermal hatte ich in den darauf folgenden Wochen noch Gelegenheit, mit den Mitarbeitern des Jesuit Service nach Samraong zu fahren. Manchmal mussten wir das Auto ein Stück vom Dorf entfernt stehen lassen, da wir trotz Allradantrieb auf dem vom Regen aufgeweichten Feldweg nicht mehr weiter kamen. Gott sei Dank jedoch blieb der Ort von den schlimmen Überschwemmungen verschont, die viele Teile Kambodschas schon seit Wochen heimsuchen und den Schulanfang nach den großen Ferien der Regenzeit vielerorts verhinderten. „Unsere“ Kinder gehen seit dem 1. Oktober zur Schule, auch wenn der normale Schulbetrieb erst noch richtig in Schwung kommen muss. 103 Kinder lautete der Stand am letzten Tag meines Besuchs, verteilt auf je eine erste, zweite und dritte Klasse. Ein guter Teil von ihnen kommt aus dem Nachbardorf, wo man über die neue Schule nicht minder froh ist! Noch aber fehlt es an Schuluniformen und -büchern, und auch ein Haus für die vom Staat geschickten Lehrkräfte (eine Frau und ein Mann) muss noch gebaut werden. Die beiden haben gleich am ersten Schultag spontan beschlossen, im Dorf wohnen zu bleiben, obwohl es dort weder Strom noch Einkaufsmöglichkeiten gibt; die Fahrt von und nach Siem Reap ist einfach zu weit und zu beschwerlich.
Der Jesuit Service wird in den nächsten Wochen dafür Sorge tragen, dass die Lehrer eine Unterkunft erhalten. Zusammen mit ihr soll eine Küche errichtet werden, in der Ayi – sie und ihr Mann haben uns den Baugrund für die Schule zur Verfügung gestellt – dreimal die Woche für die Kinder Reissuppe kochen wird, (auf Dauer…?) finanziert durch Ihre/Eure Spenden! Der Jesuit Service kalkuliert mit 30 Dollar pro Mittagessen. Bei 100 Kindern macht das pro Kopf 30 US-Cent oder (derzeit) 22 Euro-Cent. Die Kosten für einen Satz Schulbücher belaufen sich pro Schüler auf 3 bis 4 Dollar, also 2 bis 3 Euro.
Inzwischen unterhält der Jesuit Service in der Provinz Siem Reap zehn Schulen, allesamt in armen Dörfern. Doch das ärmste unter ihnen ist Samraong, wie mir Srey Mom, die Chefin des Jesuit Service, mehrfach bestätigte. Mangelernährung gibt es auch in anderen Dörfern, aber besonders gravierend ist sie in „unserem“ Dorf. Deshalb ist Srey Mom auch schnell mit dem Vorschlag einverstanden gewesen, den Kindern ein Mittagessen anzubieten, obwohl ein solches Unterfangen Neuland für den Jesuit Service darstellt.
Wie groß die Not in Samraong ist, muss ich bei jedem meiner Besuche dort erleben. Immer wenden sich Menschen mit konkreten Hilfeersuchen an uns. Da ist zum Beispiel Ayis Bruder Seun, ein dreifacher Familienvater von 35 Jahren. Er musste vor wenigen Wochen eine teure Krebsoperation in Phnom Penh über sich ergehen lassen. Die Familie steht nun finanziell am Abgrund. Mehr als 1000 Dollar musste sie sich leihen, um die Krankenhauskosten zu begleichen. Nach der Rückzahlung zweier Raten blieb ihr nicht einmal mehr Geld, um Reis kaufen zu können. Eine Reislieferung und die spontan zugesagte Spende eines befreundeten Arztes aus Regensburg, den ich per Email von Kambodscha aus um eine medizinische Einschätzung gebeten hatte, lassen die Familie jetzt wieder Hoffnung schöpfen!
Endlich Hoffnung hat seit zwei Wochen auch Üan, Witwe und Mutter von vier noch minderjährigen Kindern. Vor über einem Jahr hat sie sich bei einem Sturz vom Fahrrad die Hüfte gebrochen oder zumindest ausgerenkt. Einen Arzt hat sie nie zu Gesicht bekommen. Sie leidet schreckliche Schmerzen und kann natürlich nicht mehr gehen. Ihre Töchter sammeln im Wald Holz und verkaufen es am Morgen noch vor Schulbeginn, um der Familie ein kärgliches Einkommen zu sichern. Seit genau zwei Wochen ist Üan nun im Provinzkrankenhaus von Siem Reap. Und obwohl sie noch heute auf einen Operationstermin wartet, ist sie bereits wie verwandelt. Als wir sie am 6. Oktober eingeliefert haben, war sie ein von Schmerzen gepeinigtes Häufchen Elend. Schon tags darauf strahlte sie und wirkte buchstäblich um Jahre jünger!
Schicksale wie diese gibt es in Kambodscha leider zuhauf. Es ist ein regelrechter Fluch, ohne Krankenversicherung auskommen zu müssen. Wir in Deutschland dürfen uns in jeder Hinsicht glücklich schätzen! Und weil ich etwas von diesem Glück auch künftig nach Samraong tragen will und es dort noch viel zu tun gibt, möchte ich den Weg, den ich mit diesem Dorf und seinen Menschen zu gehen begonnen habe, weitergehen. Allen, die ihn mit mir gehen wollen, sage ich schon jetzt ganz herzlichen Dank dafür!
Einen Bilderbogen von der Einweihung gibt es als pdf-Datei hier: Bilderbogen Samraong
Spendenkonto 5 115 582 der Jesuitenmission, LIGA Bank – BLZ 750 500 00, Verwendungszweck: Projekt 3804, Thomas Rigl










