Archiv für die Kategorie ‘Kambodscha’

Welten

Mittwoch, 21. Juli 2010

Die Milch kommt aus Vietnam, die Erdnussbutter aus den USA, die Cornflakes aus Deutschland und die Marmelade aus Malaysia und der Schweiz. Einzig das Brot stammt aus kambodschanischer Produktion, nach (kolonial-)französischem Vorbild als Baguette gebacken. Unser Frühstückstisch ist reich und international gedeckt, zumal wenn Gäste im Zentrum sind. Für die meisten Menschen hier im Land ist der Luxus, den wir uns am Morgen gönnen, nicht erschwinglich. Auch nicht für unsere Nachbarn. Immer wieder kommt es vor, dass schon während unseres Frühstücks auf dem geräumten Grundstück nebenan die ersten „Schatzsucher“ zu Gange sind. Mit schweren Vorschlaghämmern versuchen sie, den Mauerbrocken der einst dort befindlichen Häuser noch die letzten Stahlreste zu entlocken, um sie für ein wenig Bargeld zu verkaufen. In Kambodscha treffen Welten aufeinander. Selbst unmittelbar vor unserer Haustür.

Verlässt man das Reflection Centre, erreicht man nach nur wenigen Minuten Fußmarsch ein repräsentatives, in thailändischer Trägerschaft befindliches Krankenhaus westlichen Standards. Es ist gespenstisch leer. Ein australischer Jugendlicher, der zusammen mit seiner Klasse kürzlich für einige Tage bei uns war, musste wegen Fiebers drei Tage dort verbringen. Die abschließende Rechnung betrug knapp 4000 US-Dollar und wird von der Versicherung des Patienten übernommen. Einheimische können sich dieses Krankenhaus mangels Versicherung nicht leisten. Und obwohl die für sie bestimmten Kliniken weniger kostspielig sind, können Arztkosten ganze Familien in den Ruin treiben. Als die Mutter eines unserer Angestellten vor fünf Jahren einen Schlaganfall erlitt, war die ohnehin arme Familie gezwungen, sämtliche Reisfelder zu verkaufen, um für die entstandenen Behandlungskosten aufzukommen.

Nicht ganz so schlimm erging es Rithy, einem meiner in den letzten Monaten neu gewonnen Freunde. Rithy arbeitet als Angestellter in einem der zahlreichen Nobelhotels der Stadt. Im vergangenen Jahr hatte er mehrere Hundert US-Dollar Kredit von der Bank aufgenommen, um sich ein gebrauchtes Moped kaufen zu können. Das sollte ihm die zeitraubende Fahrradfahrt von seinem 20 km entfernt gelegenen Dorf zur Arbeit und zurück ersparen. Doch dazu kam es nie. Das Geld zerrann zwischen seinen Fingern, als seine Frau ernsthaft erkrankte und über längere Zeit immer wieder ärztlich versorgt werden musste. Da sie mit der Rückzahlung des Kredits längst in Verzug geraten waren und keinen anderen Ausweg sahen, beschlossen Rithy und seine Frau im vergangenen Monat, statt um 4 Uhr morgens künftig schon um 2 Uhr aufzustehen, um noch vor Arbeitsbeginn mit dem nicht mehr zugelassenen Uraltmoped der Familie auf den Markt in der Stadt zu fahren und Fisch zu kaufen. Auf dem Rückweg wurde Rithy von seiner Frau am Hotel abgesetzt, sie selbst fuhr zurück ins Dorf und verkaufte dort den Fisch weiter. Das brachte ihnen ein tägliches Zubrot von etwas mehr als einem Dollar.

Als Rithy mir seine Geschichte erzählte, kam ich mir wohl zum ersten Mal in meinem Leben beschämend reich vor. Zugleich war und bin ich aber sehr froh darüber, dass ich nicht zuletzt mit Hilfe der auf meinem Projektkonto eingegangenen Spenden Rithy dabei helfen kann, seinen Kredit in den nächsten Monaten abzubezahlen. Die nächtlichen Fahrten auf den Markt – sie hatten der Gesundheit seiner Frau bereits erneut zu schaden begonnen – sind deshalb inzwischen nicht mehr nötig. An dieser Stelle sei allen Spenderinnen und Spendern ein ganz herzliches Vergelt’s Gott gesagt!

Das Hotel, in dem Rithy arbeitet, ist übrigens ein 4-Sterne-Haus. Die Nacht dort kostet zwischen 220 und 1000 US-Dollar. Rithy verdient 50 US-Dollar – im Monat.

Preiswürdig

Sonntag, 06. Juni 2010

“Was zum… recherchierst du denn in Kambodscha über Guinea-Bissau?” – so reagierte eine Freundin auf eine E-Mail, in der ich ihr erzählt hatte, was ich im Moment hier so treibe. Recherche in Sachen Guinea-Bissau? Nicht gerade nahe liegend, schließlich befinde ich mich in Südostasien und nicht in Afrika. Doch zur Erklärung für all jene, die sich ebenfalls über meine, zugegeben, seltsam anmutende Beschäftigung wundern mögen, kann ich sagen, dass in den vergangenen Wochen auch Recherche zu Kambodscha mit auf meinem Programm stand. Zu insgesamt 32 Ländern aus fast allen Erdteilen galt es Hintergrund- informationen zu sammeln und in entsprechend vielen Fact Sheets zusammenzustellen. Eines haben all diese Länder gemeinsam: In ihnen leben Menschen, die Opfer von Landminen, Streubomben oder anderen „ERW“ (Explosive Remnants of War) geworden sind. Allein hier in Kambodscha sind es geschätzte 44 000. Viele von ihnen bleiben mit ihrer Behinderung auf sich allein gestellt, andere wiederum haben das Glück, etwa durch den Jesuit Service Unterstützung in Form einer Ausbildung oder eines Rollstuhls zu erhalten.

Einen Überblick über den Umfang der „Victim Assistance“, also der Opferunterstützung, in den von Minen und Streubomben betroffenen Ländern zu gewinnen, dazu sollen die erwähnten Fact Sheets einen Beitrag leisten. Den Auftrag, sie zu erarbeiten, hatte meine „Chefin“, Sr. Denise, Ende April von einer Tagung in Oslo für mich mitgebracht. Das Ergebnis vieler daraus resultierender Stunden Arbeit am Computer und im Internet hat sie gestern zu einer weiteren Tagung mit nach Chile genommen. Während ich nur „weltweit“ recherchiert habe, ist Sr. Denise tatsächlich weltweit unterwegs. Seit vielen Jahren gehört sie zum Management Committee der International Campaign to Ban Landmines (ICBL), die sich für ein Verbot von Antipersonenminen und neuer- dings auch Streubomben einsetzt. 1997 wurde der Kampagne der halbe Friedensnobelpreis zuerkannt; die andere Hälfte ging an deren Gründerin, Jody Williams. Den der Kampagne verliehenen Preis hütet Sr. Denise höchstpersönlich. Entgegengenommen hat ihn damals Reth, der schon in meinem Karfreitagsbeitrag vorgestellte Vorarbeiter unserer Behinderten- werkstatt – er ist einer der Botschafter der Kampagne. Bei der Preisverleihung ebenfalls schon mit von der Partie war Kosal, die heute 24-jährige ICBL-Jugendbotschafterin. Ich durfte die beeindruckende junge Frau zusammen mit einer Gruppe Behinderter vor kurzem auf einen Ausflug zu den Tempeln von Angkor begleiten. Dass mir in Kambodscha waschechte Friedensnobelpreisträger begegnen würden, hatte ich nicht erwartet. Eine gewisse Ehrfurcht lässt sich da nicht verleugnen…

1997 war es der ICBL innerhalb kürzester Zeit gelungen, einen Vertrag zum Verbot von Antipersonenminen zu erwirken, der bis heute von 156 Staaten unterzeichnet wurde. Ihr aktuellstes Projekt im Rahmen der Cluster Munition Coalition ist eine Konvention zu Streumunition. Diese wird zum 1. August dieses Jahres rechtskräftig und trägt bislang die Unterschrift von 106 Staaten. Noch fehlen 89 Nationen, und jede Unterschrift zählt. Als Zeichen dafür, dass es noch viele Länder für die Konvention zu gewinnen gilt, wirft seit einigen Wochen ein Flugzeug über dem Gelände unseres Reflection Centers Bomben ab. Gott sei Dank sind es nur Styroporbomben. Die echten haben schon genügend Leid verursacht.

Kingdom of Wonder

Donnerstag, 29. April 2010

Cambodia – Kingdom of Wonder, lautet ein vom Tourismusministerium des Landes ersonnener Slogan, um ausländische Gäste anzulocken. Jedenfalls schmücken nicht nur hier in Siem Reap entsprechende Plakate die größeren Ausfallstraßen. Seit einigen Jahren verzeichnet Kambodscha zur Freude der Verantwortlichen wachsende Besucherzahlen – derzeit sind es rund 2 Millionen im Jahr. Das mag beeindruckend klingen, nimmt sich aber doch bescheiden aus, vergleicht man es mit den etwa 15 Millionen im benachbarten Thailand oder den 10 Millionen im nur eineinhalb Flugstunden entfernten Stadtstaat Singapur. Und ganz nebenbei erwähnt: Meine Heimatstadt Regensburg allein zählt im Jahr ebenfalls zwei Millionen Gäste.

Kingdom of Wonder – Königreich des Wunders. So weit hergeholt ist dieser Slogan nicht. Beim Anblick der großartigen Tempelanlagen von Angkor kommt einem in der Tat leicht der Begriff „Wunder“ über die Lippen. Die mehr als 800 Jahre alten Sakralbauten vermitteln bis heute in beeindruckender Weise eine Ahnung von der vergangenen Größe des Khmer-Reiches. Das moderne Kambodscha freilich bringt Wunder ganz anderer Art hervor. So grenzt es für mich an ein solches, dass ich in den mittlerweile zwei Monaten meines Aufenthalts hier noch nie unmittelbar Zeuge eines Verkehrsunfalls geworden bin, starben doch allein über das dreitägige Neujahrsfest, das wie in Thailand, Laos und Burma Mitte April begangen wurde, bei 246 Zusammenstößen landesweit insgesamt 49 Menschen. Dem Vernehmen nach fordert der Straßenverkehr hier inzwischen mehr Opfer als die Tropenkrankheit Malaria. Ein echtes Wunder jedoch ist das letztlich nicht, denn kambodschanische Verkehrsteilnehmer, in der Mehrzahl auf motorisierten Zweirädern unterwegs, kennen offenbar nur eine Devise: Aus der Bahn, hier komme ich! Wer aus einer Seitenstraße oder Hofeinfahrt in die Hauptstraße einbiegen will, tut es einfach, egal ob die Straße frei ist oder nicht. Das gilt für Rechts- wie für Linksabbieger. Der Querverkehr wird da schon mal zum Bremsen oder Ausweichen gezwungen. Linksabbieger praktizieren dabei gerne eine Methode der besonderen Art: Man fahre nach dem Abbiegen erst einmal am linken Straßenrand weiter, um sich dann allmählich tangential der rechten Fahrbahn anzunähern, Blockaden des Gegenverkehrs nicht ausgeschlossen. Dass für hiesige Verkehrsteilnehmer rote Ampeln allenfalls eine Empfehlung zum Halten und Rückspiegel reine Dekoration sind, bedarf eigentlich ebenso wenig der Erwähnung wie die ungewöhnlichen Transportmethoden, die auch dem abgebrühtesten deutschen Polizeibeamten den Angstschweiß auf die Stirn treiben würden. Regeln gibt es auf Kambodschas Straßen offenbar nicht – mit einer Ausnahme: Es zählt das Recht des Stärkeren. Glücklich, wer am Steuer eines Geländewagens der Luxusmarke Lexus sitzt, Pech für alle jene, die auf ein Fahrrad angewiesen sind…

Für an deutsche Verhältnisse Gewöhnte völlig unbegreiflich ist aber noch ein Weiteres: Der kambodschanische Rad-, Moped- oder Autofahrer (Frauen eingeschlossen) erträgt alle noch so waghalsigen Manöver seiner Rivalen auf der Straße grundsätzlich mit völliger Gelassenheit, und das selbst dann, wenn er nur durch eine Vollbremsung mit quietschenden Reifen einen Unfall verhindern kann. Und eilig hat es hier ohnehin kaum jemand. Den meisten Radfahrern könnte man problemlos während der Fahrt den Reifen flicken und selbst Autofahrer scheinen oft nicht zu wissen, wo in ihrem Fahrzeug sich das Gaspedal befindet. Das Leben in Kambodscha geht einen anderen Gang. Man kann sich oft nur wundern im Königreich des Wunders.

Kreuzweg

Samstag, 03. April 2010

Karfreitag halb 10 in Siem Reap, Kambodscha. Eine bunte Schar von Menschen – Katholiken und Buddhisten – hat sich im Metta Karuna Reflection Center der Jesuiten zum Kreuzweg versammelt. Sr. Denise aus Australien, die verantwortliche Leiterin des Zentrums, Father Bernard aus Malaysia, der hier einige Tage der Entspannung sucht, zwei indische Schwestern aus Mutter Theresas Ordensgemeinschaft, vier junge Flüchtlinge aus Burma, die unter der Obhut des Jesuit Refugee Service stehen, zahlreiche kambodschanische Angestellte des Zentrums, und ein Freiwilliger aus Deutschland (das bin ich).

Es ist heiß, brütend heiß. Wie jeden Tag. Obwohl es noch früher Vormittag ist, hat das Thermometer längst die 30-Grad-Marke überschritten. Mein T-Shirt ist wieder einmal klatschnass. Auch Jesus habe geschwitzt auf seinem Leidensweg, bemerkt Sr. Denise mit einem Schmunzeln.

Wir stehen vor einer der Figurengruppen auf unserem Gelände. Sie erinnert uns an den gestrigen Abend: Jesus wäscht seinen Freunden die Füße. Hier in Kambodscha haben viele, zu viele Menschen nur einen Fuß – oder gar keinen. Sie sind Opfer eines grausamen Bürgerkriegs, der in den 1970er Jahren etwa ein Viertel der Bevölkerung des Landes hinwegraffte. 2 Millionen Todesopfer und ungezählte verletzte, traumatisierte Menschen sind die Bilanz des Terrorregimes der Khmer Rouge unter Pol Pot. Und der Schrecken nimmt kein Ende. Vor allem Kinder und Jugendliche sind es, die beim Spielen im Gelände mit den millionenfachen Hinterlassenschaften dieses Krieges grausame Bekanntschaft machen. Mit 17 sei er auf eine Mine getreten, erzählte mir erst vor zwei Tagen ein heute 22-Jähriger. Beide Beine vom Knie an abwärts und einen Arm hat er dabei verloren.

Kambodscha ist ein leidendes Land. Die Minenopfer sind der vielleicht augenfälligste Beweis dafür, sichtbar auch für die Scharen von Touristen, die sich in Siem Reap aufhalten. Die meisten von ihnen bleiben zwei bis drei Tage, besichtigen die zum Welterbe der UNESCO erklärten Tempelanlagen von Angkor und stürzen sich am Abend in das quirlige Nachtleben rund um die Pub Street. Kaum jemand von ihnen bekommt zu sehen, was sich nur gut eine halbe Autostunde von der Stadt entfernt in den Dörfern der Umgebung abspielt. Die Menschen leben in unvorstellbarer Armut. Viele Familien haben kaum das Nötigste zum Leben. Sauberes Wasser und ärztliche Versorgung sind Mangelware. Auf den Feuerstellen in den Küchen der einfachen Hütten köchelt Reis. Dazu gibt es etwas scharfe Soße, mehr nicht. Hier sei „the real Cambodia“, erklärte mir Srey Mom, unsere wirtschaftliche Koordinatorin, als sie mich vor zwei Wochen mit hinaus auf die Dörfer nahm, in denen der Jesuit Service Schulen errichtet hat. Auch das Gehalt der Lehrer wird vom Jesuit Service bezahlt: 35 Dollar im Monat.

Seit gut einem Monat lebe ich nun hier, inmitten zweier Welten. Touristenhochburg, Luxushotels, und ein nahezu unbegrenztes Warenangebot – selbst Nutella und Erdinger Weißbier sind zu haben – auf der einen, teils extreme Armut, Leid und Perspektivlosigkeit auf der anderen Seite. Ich habe viel zu lernen und zu verstehen, nicht nur die Sprache dieses Landes.

Karfreitag halb 10 in Siem Reap, Kambodscha. Reth, der Vorarbeiter unserer Behindertenwerkstatt, hat ein schlichtes Holzkreuz an seinem Rollstuhl befestigt und führt unsere Prozession an. Auch er hat keine Füße. Trotzdem ist er ein lebensfroher, immer zu Scherzen aufgelegter Mensch. Heute jedoch ist er sehr schweigsam. Es ist Kreuzweg.