Jeden Tag fahre ich mit dem Fahrrad eine halbe Stunde von Parasmani richtung Ghosaldanga. Mein Weg fuehrt mich vorbei am Markt, wo die Haendler lauthals ihre Waren preisen, die Hunde um den Fisch schleichen der auf dem Boden zum Verkauf bereit liegt, vorbei an Fahrradwerkstaetten in denen die Reperateure auf die erste Kundschaft warten. Daneben ist ein Teeladen wo ein paar Maenner stehen, ihren Chai schlurfen und dabei gestenreich diskutieren. Beim Anblick des weissen Maedchens auf dem Fahrrad werden stolz die Englischkenntnisse herausposaunt: “Hello Mam! Hello! Hello!“ Manchmal rufen sie auch “Bye, Bye”. Anfangs hat mich das verunsicht, wie solllte ich reagieren? Einfach ignorieren und weiter fahren? Heute freue ich mich, laechel freundlich, gruesse zurueck und aller meistens sind sie dann zufrieden und gehen ihrer Wege, waehrend ich weiter fahre. Jetzt geht es ueber einen Fluss an dessen Ufern die Reisfelder geerntet liegen, ein Paar Ziegen und Kuehe grassen waehrend sich die Menschen in der Kopai baden, ihre Klamotten und die Toepfe waschen. Dann geht es links, nichtmehr weit ist es bis zu meinem Ziel: die RSV school in Ghosaldanga.
Freudige Kinderschreie empfangen mich, sobald einer der Kinder Alika di erspaeht hat die auf ihrem Fahrrad ankommt. Manche rufen: “Alika di, amar class!” (Aliki, grosse Schwester, nimm meine Klasse) die anderen Gruessen mich mit “Johar”, halten ihre geballte Faust an die Stirn, die traditionelle Shantalbegruessung. Ich mache meine Runde, angefangen bei den Koechen Donna und Shoushila die jeden Tag super Essen fuer die ganze hungrige Kinderbande kochen, ueber die Lehrer und Kinder in jeder Klasse, gruesse und frage nach dem Befinden. “Johar, kaemon acho? Ami cu bhalo achi!” Dabei schaue ich ob ein Lehrer fehlt und springe Notfalls fuer ihn ein. Es kommt oefters mal vor, das eine Klasse Freistunden hat weil einer der Lehrer krank ist oder andersweitig beschaeftigt ist. Klasse 1-4 bekommen in der RSV Schule die Moeglichkeit umsonst Bengali zu lernen.
Die Shantals sprechen in ihren Doerfern Shantali, somit haben die Kinder es doppelt schwer wenn sie in den government Schulen ploetzlich auf Bengali unterrichtet werden, was sie nicht verstehen und erstmal als Fremdsprache lernen muessen. Die government Schulen sind auch masslos ueberfuellt, es ist an der Tagesordnung dass ein Lehrer fuer 100 Kinder zustaendig ist . Da ist kein Raum und keine Zeit um einzelne Kinder extra zu foerdern, da wird geschlagen wenn die Hausaufgaben nicht gemacht sind und die richtige Antwort nicht parat liegt. Faules Ei ist bei den Kiddies sehr beliebt. Hauptsache Action!
In der RSV Schule werden die Kinder in kleinen Klassen unterrichtet, werden langsam an Bengali gewoehnt und lernen zusaetzlich viel ueber ihre eigene Kultur, lernen Lieder und Reime in Shantali. Ein Ziel ist es, die Kinder auf die government Schulen vorzubereiten und die drop out Rate zu verringern, ein anderes ist es die Shantalkultur die reich an Taenzen, Lieder und Rhythmen ist, trotz modernem Input zu erhalten. Die Kinder sind oft die erste lernende Generation, koennen also von zuhause keine Unterstuetzung bei den Hausaufgaben bekommen, weshalb es fuer die Klassen 5-10 Hausaufgabenhilfe sowie das Hostel gibt, wo ca.25 Maedchen und Jungen wohnen um sich voll ihrer Bildung widmen zu koennen. Finanziert wird das Ganze von Freunden in Deutschland, die Eltern steuern ihren Beitrag dazu bei, indem sie im Schulgarten helfen, kochen oder andere Arbeiten uebernehmen.
Monotosh der Gaertner versucht fleissig durch Marmeladenverkauf aus Schuleigenen Guaven und Papaya Geld zu erwirtschaften, sodass der Verein sich eines Tages vielleicht selbst tragen kann.
Jede Woche kommt Satya da, der Gesundheitshelfer und checkt die Kinder auf Krankheiten, die kraenkeren werden am Samstag nach Ghosaldanga ins Gesundheitszentrum geordert, dort schaut ein Arzt nach ihnen, wenn sie gluecklich sind vielleicht sogar Dr. Monika selbst, die die Gesundheitsvorsorge ins Leben gerufen hat. Sumoti, einer der Lehrerinnen, guckt auch nach den Kindern, jeden Monat krigen die Klassen ein Nimbad, das ist gut fuer die Haut, schuetzt vor Wuermern und ist lustig, wenn die Kiddies in Unterhose in der Sonne stehen und gruen sind wie Froesche. Hygiene und Fuersorge fuer den eigenen Koerper sind hier nicht selbstverstaendlich, sondern muessen fleissig trainiert und erlernt werden.
Boro da, der Schulleiter und Sona Murmu, der Sozialarbeiter aus Ghosaldanga sind die treibende Kraefte der Schule, sie haben das Projekt Bildung begonnen, nachts im Schein einer Kerosinlampe die Kinder einzeln in den Haeusern abgeholt um ihnen Bengali nachhilfe zu geben und bei den Hausaufgaben zu helfen. Sona war selbst noch Schueler von 17 Jahren, hatte jedoch den Ehrgeiz und die Willenskraft sich durch die harten Schuljahre zu kaempfen, indenen ihm die Mitmenschne nicht nur freundlich gesinnt waren. “Shantals gehoeren aufs Feld, nicht auf die Schulbank Es sei keine richtige Arbeit was er da mache, dasitzen und in ein Buch schauen! Ha! Arbeiten tut wer auf dem Feld die Aehren erntet”. Doch die Muehe hat Fruechte getragen, immerhin 89 Shantalkinder der Klassen 1-4, plus die 25 Hostelstudents gehen in die RSV Schule und krigen jeden Tag eine deftige, leckere Mahlzeit vorgesetzt, wodurch sie gedeihen und Kraft haben zum lernen.
Es ist wirklich beeindruckend wie viel hier schon entstanden ist und wie viel noch im enstehen ist. Ich habe wirklich grossen Respekt vor den Menschen, die dazu einen Teil beigetragen habe, da ich selbst erlebe wie viel schwerer, langwieriger und komplizierter es ist in Indien Dinge zu organisieren und zu planen verglichen mit Deutschland.
Nilu ist Kleinbauer in Ghosaldanga und backt jeden Samstag deutsch-indisches Brot im Schulofen, der von Nico Golembiewski und Silvia Mangatter gebaut wurde. Als wir ihn treffen, erzaehlt er uns, dass sein Land Zwangsenteignet wird, da auf seinen Feldern Bahnschienen gelegt werden sollen. Die Abfindung ist gering, er kriegt bedeutsam weniger als sein Landlord, der ihm die Felder vermietet. Was er nun tun moechte,fragen wir ihn, er weiss es nicht. Alles scheint schwierig und aussichtslos, neues Land gibt es in der Naehe nicht, bleibt nur noch als Tageloehner sein Geld zu verdienen. Solche Situationen gibt es hier immer wieder, Menschen denen Ueberlebenswichtige Dinge genommen werden ohne dafuer Ersatz zu erhalten. Es fehlt ein Sprachrohr, jemand der sich fuer die Rechte der Armen einsetzt und einsteht. Es gehoert einiges an Kraft und Willen dazu sich nicht gleichgueltig seinem Schicksal zu ergeben und aufzugeben, sondern wieder anzufangen sich etwas aufszubauen, weiter zu machen.
Donnerstag nachmittags mache ich Circus mit den Kindern in Rindanga, einem Koradorf. Kora sind ebenfalls Adivasis, sprich Ureinwohner Indiens. Hier gibt es jeden Donnerstag und Sonntag ein Ernaehrungsprogramm fuer alle unterernaehrten Kinder, vor allem die unter 2-jaehrigen sind wichtig, da wie ich von Dr.Monika Golembiewski lernen durfte, in dieser Zeit die Hirnreife stattfindet und somit die Grundvorraussetzung fuer alle kommenden Jahre gelegt werden. Ich ueberbruecke die Wartezeit bis es was zwischen die Zaehne gibt etwas. Von den ganz Kleinen die gerade mal auf ihren wackligen Beinen stehen bis zu den schon grossen Geschwistern wird fleissig Ball werfen und fangen geuebt, das einzige bengalische Liedchen getraellert, dass ich kann, Pois geschwungen, wild herumgetollt, so manche Gallionsfigur erprobt… Die Kinder frei und unbefangen Spielen zu sehen, zu sehen dass es ihnen Freude bereitet, was ich ihnen zeige und was ich mit ihnen Spiele, mit ihnen ueber ungeschickte Situationen zu lachen ist Grund genug jeden Donnerstag wieder aufs Fahrrad zu steigen um in das Koradorf zu fahren.
Auch im Krankenhaus habe ich seit dem Besuch von Monika und Silvie im November eine Aufgabe. Zweimal die Woche werde ich mit Satya da, dem Gesundheitshelfer ins Kinderkrankenhaus nach Makrampur fahren um Patientenreports zu schreiben und ein wenig Beschaftigungstherapie mit den Langzeitpatienten zu betreiben. Heute bin ich das erste mal hin und ich freue mich schon auf diese verantwortungsvolle Aufgabe. Mit einer Patientin habe ich schon fleissig das Englische ABC geuebt, sie ist von der Huefte ab gelaehmt, als Folge von Polyo (Kinderlaehmung) und hat ganz ueble Wunde gahabt, als wir sie in ihrem Dorf zur Gesundheitsvorsorge besucht haben. Die Wunden waren durch staendige Druckstellen entstanden und waren sehr tief, Monsumi hatte schon Fieber, da sich die Wunden infiziert hatten. Im Krankenhaus geht es ihr nun besser, sie hat ein Wasserbett bekommen und die Wunden werden gereinigt und versorgt, sodads sie gut abheilen koennen. Monsumi ist total wissbegierig und fit und freut sich so sehr, wenn sie etwas lernen darf. Am liebsten haette sie die Karten mit dem ABC und einem passenden Begriff fuer jeden Buchstaben (A= apple) gleich behalten.
Es geht mir wirklich gut hier und ich bin sehr dankbar dafuer hier sein zu duerfen. Die Menschen begegnen mir mit sehr viel Herzlichkeit und Offenheit und lassen mich teilhaben an ihrem Leben wodurch ich sehr viel erleben, sehen und fuehlen darf. Mit meinem Taschengeld kaufe ich Bastelsachen fuer die Kinder in der Schule und im Krankenhaus. Letzten Samstag habe ich mit den Hostelboys und girls leckere, nahrhafte Weihnachtskekse im Holzofen fuer die ganze Schulgemeinschaft gebacken. Mit Nuessen, Datteln, Rosinen und viiieeel Zucker, damit die Kinder ja nicht von der Stange fallen. Die fanden alle lecker und deshalb wird naechsten Samstag gleich nochmal gebacken.
Euch allen wuensche ich eine gesegnete Weihnachtszeit, erfuellte und besinnliche Stunden wo auch immer in der Welt! Vielen Dank fuer eure finanzielle und mentale Unterstuetzung!
Eure Aliki
PS: Bilder gibts unter: http://aliki-in-indien.jimdo.com/bericht

