Zum aktuellen Rundbrief aus Haiti gehts hier: Nini Haiti News 2
Archiv für die Kategorie ‘Haiti’
“Eingelebt”
Freitag, 04. März 2011„Angekommen“
Freitag, 22. Oktober 2010Vor 8 Wochen bin ich in Innsbruck aufgebrochen und inzwischen kann ich auch sagen, ich bin angekommen. Höchste Zeit, um über meine ersten Eindrücke und Erlebnisse hier in Haiti zu erzählen…
Nach einem unfreiwilligen Zwischenstopp von 3 Tagen in Frankfurt kam ich am 26. August in Port-au-Prince an.
In den Nachrichten und im Internet haben wir alle viele Bilder von den Zerstörungen des Erdbebens vom 12. Jänner gesehen. Das alles hautnah zu erleben, ist schon etwas anderes. Man hat größtenteils den Eindruck, als wäre die Stadt erst vor ein paar Tagen eingestürzt. Hunderte Häuser liegen in Trümmern, manche halb in die Straße hinein. Ihren Besitzern mangelt es an Geld, den Schutt wegschaffen zu lassen, oder sie liegen noch drunter begraben. An einen Neubau können zur Zeit die wenigsten denken, Preise für Baumaterialien sind in den letzten Monaten enorm gestiegen. Wer kann, schafft die Überreste seines Hauses mit bloßen Händen weg. Hunderttausende kämpfen im Zeltlagern täglich ums Überleben. Von den zugesagten Rekordspenden, von denen man in den Medien gehört hat, sind bisher nicht einmal 10% angekommen. Und auch das wäre schon enorm viel, wenn es wirklich immer die Bedürftigen erreichen würde. Das Land war davor schon bitterarm, das Erdbeben hat die Situation noch einmal zugespitzt.
Ich habe Lager besucht, in denen ganze Familien (manchmal auch mehrere) unter einer Plane oder in Zelten hausen. Zelte, die offensichtlich nicht für einen dauerhaften Gebrauch über Monate hinweg gemacht sind. Dort bleiben sie ohne Strom, Wasser, Arbeit oder Schule. Und mit der Angst vor dem nächsten Regen, der die Erde schnell in ein Schlammbad verwandeln kann, oder vor einem tropischen Wirbelsturm, von denen einer im September dreiviertel der Zelte in diesem Lager dem Erdboden gleich gemacht hat.
Trotz der enormen Katastrophe, die den Menschen immer noch ins Gesicht geschrieben ist und das ganze Land gelähmt und verändert hat, hat sich so etwas wie ein Alltag eingestellt. Manche haben ihre Zelte in kleine Shops umgewandelt, andere tun sich zusammen, um Kinder zu beschäftigen und wer lesen und schreiben kann, unterrichtet andere. Die Menschen wirken trotz allem nicht lethargisch, sondern positiv, sie haben Vertrauen. Nicht aber in die Hilfe einer ohnehin an den Menschen nicht interessierten Regierung, sondern in sich selbst. Sie wollen gemeinsam ein neues, besseres Haiti aufbauen.
Die Schulen in den Provinzen stellen einen wichtigen Teil des Wiederaufbaus nach dem Erdbeben und der dringend notwendigen Dezentralisierung dar. Man muss nach Port-au-Prince, um die letzten Schuljahre und die Matura abzuschließen. Nicht zuletzt deshalb ist die Stadt völlig überfüllt. Die Mehrheit der HaitianerInnen kann sich das gar nicht leisten.
2. Station: Carice
Nach meinem Aufenthalt in Port-au-Prince habe ich 4 Wochen in Carice – einem kleinen Dorf ohne Internet- und mit kaum Handyempfang im Nordosten des Landes – verbracht, um Kreolisch zu lernen. Das ist hier auch unbedingt notwendig, da die meisten Menschen die Landessprache Französisch nicht verstehen. Hier habe ich mit einer Familie gelebt und täglich kam ein Lehrer vorbei, um sich mit mir unter einen Mangobaum zu setzen und klischeehafte Texte über arme Kinder und Maniokbauern in einem zerflederten Schulbuch zu lesen. Manchmal war es schwierig, den Sinn eines Wortes verstehen, da seine Französischkenntnisse dürftig und seine Erklärungen für mich kompliziert waren. Er verstand oft nicht, was ich nicht verstand. Trotzdem kann ich mich inzwischen halbwegs auf Kreolisch ausdrücken und verstehe schon recht viel.
3. Station: Ouanaminthe
Von Carice aus bin ich nach Ouanaminthe gefahren, eine wenig charmante Stadt im Norden des Landes direkt an der dominikanischen Grenze. Die Hitze ist hier ähnlich extrem wie in Port-au-Prince, in Carice war es ein paar Grad „kühler“. Lange Ärmel oder Hosen hatte ich bisher noch nie an.
Wie auch in den Orten davor bin ich von den Menschen sehr herzlich aufgenommen worden und habe schnell das Gefühl gehabt, willkommen zu sein. Nach ein paar Tagen habe ich beschlossen, zumindest für die nächsten Monate hier zu bleiben. Ich wohne und arbeite gemeinsam mit 2 Sainte Anne – Schwestern, die für insgesamt 5 Schulen in ländlichen Gebieten zuständig sind. Hauptsächlich arbeiten wir aber in der Gemeinde Bédou.
Die erste Woche hier habe ich genutzt, alle Klassen zu besuchen und zu beobachten, die Lehrer- und SchülerInnen ein bisschen kennen zu lernen, und mir so ein Bild von den Zuständen und Notwendigkeiten zu machen. Wir haben auch schon einige Familien zu Hause besucht, um uns vorzustellen und sie zu fragen, was sie sonst noch brauchen könnten. Kaum ein Haus hat ein Klo, Strom oder fließendes Wasser steht sowieso außer Frage. Die nächste Krankenstation liegt einige Kilometer entfernt, in der Stadt. Es bräuchte viel und die Mittel sind gering bis gar nicht vorhanden.
Die Menschen in der Gegend leben praktisch zu 100% vom Anbau, Schälen und Mahlen von Maniok, der anschließend zu einer Art Riesenfladen, der sogen. „Kasav“ verarbeitet und am Markt verkauft wird.
Sie sind schon enorm dankbar, dass es jetzt die Schule gibt und mit ihr eine „Straße“, ein zerfurchter Sandweg, der für normale Autos immer, bei Regen auch für Motorräder unpassierbar ist. Auf letztere werden für den Schulweg bis zu 7 Kinder gepackt, und ich habe sie schon öfters im rutschigen Sand umstürzen und alle Passagiere unter sich begraben sehen. Viele Kinder müssen aber jeden Tag mehrere Kilometer bis zur Schule zu Fuß zurück legen. Ohne Frühstück und ohne Jause in der Tasche ist es natürlich schwer, sich auf das Lernen zu konzentrieren. Im Kindergarten versuchen wir, die vorhandenen Jausen (ca. ein Drittel der Kinder hat eine) aufzuteilen. Bei hauptsächlich Lutschern, fettigem Knabberzeug und schmutzigem Wasser tut mir das im Herzen weh. Eigentlich sollten wir jeden Tag zumindest eine kleine Mahlzeit verteilen, auf die Reis-Hilfslieferung warten wir aber noch. Die Schule selbst hat nicht einmal genug Mittel für Bücher, Scheren und richtige Klos. An Luxusgüter wie einen Kopierer oder gar Computer ist nicht zu denken. Momentan überlegen wir uns eine Finanzierung für Mülleimer in allen Klassen.
Meine Arbeit
Nachdem ich mir also ein Bild von der Situation gemacht habe und die Probleme so vielfältig sind, habe ich beschlossen, jeden Wochentag für jeweils etwas anderes zu nützen.
Einen Tag unterstütze ich die Kindergärtnerinnen im 1. Jahr, die zu zweit mit 50 Dreijährigen völlig überfordert sind. Viele Kinder weinen und schreien stundenlang oder sitzen nur apathisch herum. Gemeinsam wollen wir uns ein Programm überlegen, Spiele machen usw., um die Kinder zu fordern und zu fördern. Eine der beiden hat mir erzählt, dass sie letztes Jahr in einem anderen Kindergarten – hochschwanger – ganz alleine für 84 Kinder verantwortlich war, bei einem Monatsgehalt von 60 Euro!
An einem anderen Tag mache ich Programm mit dem 2. und 3. Jahr (die Vier- bis Sechsjährigen). Die Gruppen sind einfach viel zu groß, um auf Einzelne eingehen oder aufpassen zu können.
Am nächsten Tag arbeite ich mit den ersten Klassen: ich hole einzelne SchülerInnen heraus, teste ihre Lese- und Schreibkenntnisse und versuche, an ihren Schwierigkeiten zu arbeiten. Die wenigsten können mit 8 ihren eigenen Namen schreiben, manche den Stift noch nicht richtig halten. Es gibt Kinder, die die erste Klasse zum 4. Mal besuchen. Die Erklärung der Lehrerin ist „der hat Probleme im Kopf“, aber niemand beschäftigt sich eingehender mit ihnen. In manchen Klassen beträgt der Altersunterschied bis zu 9 Jahre, weil es früher hier keine Schule gab. Klassengrößen von 60 Kindern sind ganz normal, auf vielen Stühlen sitzen 2 oder 3, Viererbänke halten auch 6 bis 7 Kinder aus.
Ein Tag in der Woche ist reserviert für Gemeindearbeit, d. h. mit Eltern reden und auf Bedürfnisse wie Alphabetisierung, Englisch-, Spanischunterricht usw. eingehen. Wie das genau aussieht, wird sich bei einem Elterntreffen nächste Woche heraus stellen. Wir wollen etwas für die Eltern anbieten, aber auch all die Kinder nicht vergessen, die aus finanziellen Gründen nicht in die Schule gehen können (sie kostet 4 Euro pro Jahr, plus ca. 20 Euro für Material wie Bücher und Uniform).
Einen Tag werde ich mit den älteren Kindern verbringen (die bisher höchste Klasse ist die 5. mit SchülerInnen von 10 bis 18 Jahren). Ich will Sprachkurse anbieten und ein Mädchen-projekt starten, weil vor allem die Schülerinnen auffällig schüchtern und ruhig sind und hier weit und breit keine Chancen auf Ausbildung haben. Ein Traum wäre, ihnen die Möglichkeit zu bieten, hier einen Beruf zu erlernen.
Außerdem ist noch ein kleines Theaterprojekt geplant, auch um an den Französischkenntnissen zu arbeiten, die bei LehrerInnen und SchülerInnen gleichermaßen enorm schlecht sind.
An Plänen und Visionen mangelt es mir also nicht, in meinem nächsten Mail werde ich hoffentlich schon mehr über meine Arbeit erzählen können. Momentan habe ich noch keine konkreten Projekte, die ich finanziell unterstützen möchte. Hauptsächlich, weil ich noch abwarten will, wie und wo ich möglichst nützlich und vor allem nachhaltig helfen kann. Über jede auch noch so kleine Spende freuen wir uns trotzdem. Alles Geld, das auf dem (Achtung! österreichischen) Spendenkonto “Menschen für andere – Jesuitenaktion” bei der PSK KontoNr.: 7086 326, BLZ: 60 000 (BIC: OPSKATWW; IBAN: AT52 6000 0000 0708) mit dem Verwendungszweck „Nini Haiti“ eingeht, wird verlässlich für meine Projekte verwendet.
Vielen Dank, Eure Nini

