Nun auch mal ein bisschen von mir. Ich bin jetzt seit über 4 Wochen in Quito, Ecuador im Regionalzentrum von Fe y Alegría, einer Jesuitenorganisation. Fe y Alegría ist eine Bewegung der ganzheitlichen Volksbildung und sozialen Förderung, will die Menschen fähig machen an einer besser Gesellschaft, einer gerechteren, geschwisterlichen, demokratischen und partizipativen Gesellschaft mitzubauen. Es gehe um eine ganzheitliche Erziehung und Persönlichkeitsbildung auf den Werten der Gerechtigkeit, Teilhabe und Solidarität. Fe y Alegría wolle eine neue Gesellschaft bauen, eine neue Kirche und den neuen Menschen. Sie haben eine Option für die Armen getroffen und würden v.a. mit der Bevölkerung die am meisten benachteiligt ist arbeiten, um die beste Bildung für die am meisten Ärmsten zu ermöglichen. Das Ziel dabei ist der Mit-Bau am Reich Gottes über den Weg der Bildung.
Die Vision von Fe y Alegría sei eine Welt, wo alle Menschen die Möglichkeit der Entwicklung aller ihrer Kapazitäten haben und leben können in Würde, konstruierend eine gerechte, teilhabende und solidarische Gesellschaft, eine Welt, in der alle Strukturen, besonders die Kirche, engagiert ist am menschlichen Sein und der Verwandlung der Situationen, die die Ungleichheit erzeugen. Im Zusammenhang mit dieser Vision wolle Fe y Alegría, so laut ihrer eigenen Beschreibung, sich einmischen in die Bereiche der verarmten, marginalisierten oder diskriminierten Bevölkerung, um die persönliche Entwicklung und Gemeinschaft zu fördern, in solcher Weise, dass diese Protagonisten in der Konstruktion dieser Gesellschaft und einer tragenden Entwicklung sind gegen eine deshumanisierte und individualistische Welt, die Armut und Ausschluss hervorruft.
Fe y Alegría ist 1955 in Venezuela entstanden und seit 1964 in Ecuador. Heute gibt es in fast allen lateinamerikanischen Ländern sowie in Spanien und im Tschad diese Organisation.
In Ecuador unterhalte die „Bewegung“ – wie sie sich verstehen – 80 Schulen und Kollegien mit 26.000 Schülern und habe daneben Radio-, Ausbildungs-, Gesundheits- und Erwachsenenbildungsprogramme, fördere u.a. Kooperativen und Kleinunternehmen, gemeinschaftliche Entwicklungen, indigene Kultur und die Ausbildung der Erzieher.
Soweit die Theorie von Fe y Alegría.
Meine Arbeit besteht seit ich hier bin im Kennenlernen der Organisation, der Schulen und Kollegien, der anderen Mitarbeiter der Pastoral und der Lehrer, Jugendlichen und Kinder. Mein Bereich wird die Pastoral sein, aber noch ist unklar in welchem Bereich genau. Bernardo Serrano, der Direktor von Fe y Alegría Regional meinte, wenn ich mehr spanisch gelernt habe und mehr die Pastoral-Mitarbeiter begleitet habe, könnte ich z.B. mit Jugendlichen zusammen arbeiten im bereits bestehenden Projekten als auch in neuen Projekten, die ich aufbauen könnte.
Es gefällt mir zunächst Zeit zu haben, um mehr von den Leuten hier, von der Kultur und den möglichen Arbeitsfeldern zu erfahren. Bisher aber ist es nicht die Arbeit, die ich mir vorgestellt habe; vor und nach dem Lesen der Visionen und den ganzen vielen Formulierungen von Fe y Alegría. Ich sehe keinen Einfluss z.B. der Befreiungstheologie und keinen Einsatz für eine andere, politisch engagierte Kirche. Und ich sehe auch nach Gesprächen mit den Leuten hier keine Methode für die Schaffung des neuen Menschen und der neuen Gesellschaft; wie es auch keinen Soziologen oder jemand anders gibt, der damit beauftragt ist die soziale Lage zu analysieren, um zu wissen in welchen Bereichen man ansetzt. Und ich frage mich, wenn die Daten stimmen, dass Ecuador in Südamerika das ärmste Land ist mit einer großen Anzahl von Menschen unterhalb der Armutsgrenze, wo sich das in Fe y Alegría zeigt. Aber ich habe auch noch nicht alle Bereiche von Fe y Alegría gesehen. Mir sagte aber jemand von FyA, mit dem ich lange gesprochen habe, dass es stimme, dass bezüglich der sozialen Frage und dem sozialen Engagement die Lage in Ecuador, kirchlich und bei den Jesuiten, unterentwickelt sei.
Die Kultur hier ist gar nicht so anders wie ich dachte. Mit der Art der Leute hier komme ich gut klar, insgesamt wenn ich hier unterwegs bin und mit den Leuten mit denen ich zusammenarbeite oder mit denen ich rede hier im Büro. Ich habe den Eindruck, dass hier andere Werte als in Deutschland an oberster Stelle stehen, ich habe noch nicht genug gesehen um das genauer auszuführen, aber es gefällt mir. Mit dem Spanisch und der Art der beiden Spanier, zwei ältere Lehrer die hier ein Sabbatjahr als Freiwillige machen, komme ich allerdings nicht so gut klar. Außerdem gibt es wohl eine gemeinsame katholische Spiritualität, die ich von meiner Universität her kenne und die auch in FyA Anwendung findet, eine sehr weiche und unkonkrete Form.
Ich bin einer der wenigen in Fe y Alegría, der Theologie studiert hat bzw. in meinem Fall Theologie studiert. Angesichts der Erwartungen der Leute hier diesbezüglich merke ich wie wenig die Theologie, die ich in St. Georgen in Frankfurt studiere eine Theologie ist, die fähig ist der Realität oder der Zeichen der Zeit.
Es geht mir sehr gut. Mir gefällt das es langsam angeht und ich erst mal gucken kann, das liegt mir eher als mich gleich hineinzustürzen.
Letzte Wochen waren wir für drei Tage an der Küste in Atacames zum Ausflug mit einem Großteil der Mitarbeiter der Regional Zentrum. War ne lange Fahrt dahin, aber es hat sich gelohnt. Ich war trotzdem froh als ich wieder in Quito war; das Klima und das Essen von hier gefällt mir besser als das der Küste.
Ich wohne hier in einem Haus von Fe y Alegría im historischen Zentrum. Das ist das Bürohaus von Fe y Alegría Regional Zentrum, ein altes Haus im Kolonialstil mit zwei Innenhöfen. Neben mir wohnen hier recht oft Gäste in einem der vielen Gästezimmer, seit zwei Wochen die beiden Spanier und die Frau, die für das Haus zuständig ist mit ihren zwei Kindern.
Mit dem Spanisch klappt es einigermaßen, ich verstehe relativ viel und kann nicht so viel sprechen wie ich verstehe. Mir fehlen ständig Vokabeln, ich bin etwas unzufrieden mit mir, weil es so langsam geht, aber die Leute hier meinen ich wäre nicht so langsam beim Lernen.
Gestern fegte ein Putschversuch oder eine Polizeimeuterei übers Land. Am nächsten Tag war die Lage zum Glück wieder unter Kontrolle, die Polizei arbeitet wieder; für eine Woche wurde der Ausnahmezustand verhängt, damit das Militär, das in Ecuador ein sehr gutes Ansehen hat – im Gegensatz zur Polizei – die Aufgaben der Polizei bezüglich der Wiederherstellung der Sicherheit auf den Straßen (v.a. in Guayaquil an der Küste hat es viele Plünderungen gegeben) übernehmen kann. Die Leute hier meinten das gehöre zur politischen Folklore und sei bald wieder vorbei. Es war für mich aber doch befremdlich wenn Polizei und Militär sich bekämpfen und die Polizei Straßen absperrt, um darauf Autoreifen anzuzünden.
Herzliche Grüße
Florian bzw. hier Florián (ohne dies können die meisten meinen Namen nur schwer aussprechen)