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JMV in Quito / Ecuador – 6. Rundbrief

Mittwoch, 11. Mai 2011

Auch wenn ich noch lange nicht alles von Quito kenne, wenn ich so durch die Gegend fahre, dann denke ich wie vertraut mir das scheint und mir fällt auch nicht auf, dass ich im Ausland bin. Natürlich merke ich wenn ich darüber nachdenke, dass das hier nicht Deutschland oder Ostfriesland ist, aber meistens denke ich daran nicht, auch nicht das ich in Lateinamerika bin. Ich bin einfach nur hier und fühle mich wohl.

lest hier weiter …rundbrief 6

zweiter rundbrief aus quito, ecuador

Freitag, 14. Januar 2011

Moin mitnanner,
das klappt nicht mit den Fotos, deswegen nun einfach nur der Text ohne Fotos.
Viele Grüße
Florian

Am Anfang ging ja meine Arbeit ganz entspannt los, mit viel Kennenlernen etc. Ich habe nun mehr zu tun, v.a. aber schaue auch noch zu, begleite, lerne mehr kennen etc. Bin viel mit Oscar von der Pastoral unterwegs in den Schulen und arbeite mit ihm zusammen mit den Jugendlichen. Vor wenigen Wochen hatten wir ein Zeltlager mit 100 Jugendlichen. Es geht bei den Zeltlagern um die Ausbildung der Jugendlichen, deswegen war entsprechend viel Inhalt. Die Mitglieder des Zeltlagers, bzw. der Bewegung CEFA wählen ihre „Chefs“ für die Zeltlager jeweils für ein Jahr. Die Chefs des vergangenen Jahres waren nach meinem Eindruck sehr streng …
Und ich mit dem DOBE unterwegs, mit der Abteilung, die Familien besucht etc. Das ist sehr interessant für mich, weil ich so mehr die Realität auf dem Land und der Stadt kennen lerne und auch Armut in der je unterschiedlichen Ausprägung sehe. Ich möchte dies gerne mehr erfahren, wie die Armen in diesem Land leben. Ich weiß so wenig über die soziale Realität des Landes, zumal mir die Leute von FyA nichts dazu sagen können, sodass es mir schwer fällt gut zu arbeiten, wenn ich nicht weiß wie die Kinder und Jugendlichen leben etc. Aber ich war in letzter Zeit in einigen sozialen Organisationen unterwegs und habe viel darüber geredet und habe auch einige Literatur dazu erhalten u.a. ein ausführliches Buch zur sozialen Realität Ecuadors. Daneben habe ich Kontakt aufgenommen mit der Organisation Glaube und Politik, die mich zu einigen interessanten Veranstaltungen eingeladen haben, wo ich mehr vom Land und den Leuten erfahren werde. Und die Arbeit, die die Sozialarbeiterinnen und die Psychologin bei den Hausbesuchen machen, ist sehr konkret und unmittelbar. Da geht es direkt um die Umsetzung, um das Handeln und nicht um Begriffe oder eine der vielen Verbesserungspläne oder um Papiere …
Die Nationalchefin der Pastoral hat mir gesagt, ich solle endlich mehr wiedergeben von meinen Eindrücken, mehr meine Meinung sagen, auch wenn das eine deutsche Interpretation sei. Ich versuche es, aber es fällt mir schwer, weil ich merke wie sehr meine Denkweise von der deutschen Denkweise abhängt und v.a. bei den Christen muss man sehr vorsichtig sein, weil die sehr schnell beleidigt sind; die Katholiken, wenn es um die Heiligen und Maria geht und die Freikirchler und Pfingstler, wenn man die Bibel nicht wortgetreu versteht. Maria hat hier unter den Katholiken eine so große Bedeutung, es fällt mir schwer mich da zu inkultieren in diese Denkweise, wenn z.B. in Gebeten etc. es doch sehr so aussieht, dass Maria die Ehefrau von Gott ist. Diese Freikirchler und Pfingstler erschrecken mich, ich habe das vorher noch nicht live erlebt, wie die mit der Bibel umgehen.
Mein Spanisch ist um einiges besser jetzt, mir fehlen immer noch viele Worte und so, aber ich kann viel schneller sprechen und es freut mich eine Sprache so intensiv zu lernen und mich zu versuchen in dieser Sprache. Und mir wird noch mal klarer wie sehr Wirklichkeit von Sprache abhängt und das es auch davon abhängt welche Sprache ich benutze wie die Leute mich dann sehen. Schwierigkeiten habe ich vor allem dann, wenn es die Worte, die ich sagen will und in Deutsch denke, im Spanischen einfach nicht gibt.
Der Moralismus ist so stark in dieser Gesellschaft hier. Ist ein bisschen ähnlich den Eindrücken in meinem Freiwilligen Sozialen Jahr in Augsburg.
Letzte Woche waren alle Freiwilligen zum Abendessen eingeladen bei einer Mitarbeiterin des Nationalbüros. Ich habe bisher in der Zeit in der ich hier bin keinen Tag erlebt, wo ich mich schlechter gefühlt hätte. Aber ich freue mich, weil ich dadurch etwas gesehen habe und erlebt habe, was auch eine Realität Ecuadors ist. Es gab einen „Hausdiener“ mit Fliege und Anzug und allem, was ich bisher so nur aus dem Film kannte. Das war doch sehr befremdlich für mich, vor allem wenn ich bedenke, dass dies eine Veranstaltung von FyA war und nicht eine Veranstaltung eines Reichenclubs in Ecuador sein sollte. (Die Leute hier haben mir gesagt wenn jemand einen solchen „Hausdiener“ beschäftigt, ist das ein Zeichen der Oligarchie oder der Oberschicht) Noch etwas kommt hinzu: wir alle, klar, vor allem die Europäer, waren weiß und auch die Ecuadorianer dort sind recht weiß, der „Hausdiener“ aber hatte eine recht dunkle Hautfarbe. Ich bin da wohl recht radikal und vielleicht ist dies zu radikal gedacht und zu überzogen, aber nach meinem persönlichen Eindruck war dieser Abend ein Bild der sozialen Ungerechtigkeit.

Die Schulen in der Stadt und auf dem Land sind sehr unterschiedlich. In Quito selbst sind die Schulen und Kollegien in die Stadtteile integrierte Schulen – mir erscheinen sie wie „normale“ Schulen nur eben mit einem etwas anderen „Angebot“. Auf dem Land ist das Leben viel schwieriger, in Alangasí z.B. wo eine Schule von FyA steht oder in Tolontag gibt es noch nicht seit vielen Jahren überhaupt Wasseranschluss, die Kinder haben vorher aus den Pfützen und Bächen getrunken! Auf dem Land gefällt es mir besser und ich habe das Gefühl, dass dort die Lehrer auch engagierter sind, ich denke vor allem an die Schule in Afracer, die mir gut gefällt.
Mir scheint die Ecuadorianer hier, nicht die Oberschicht wie an dem einen Abend, aber die anderen sind einfacher, unkomplizierter als die meisten Deutschen in einigen Dingen, das äußere ist nicht immer so wichtig, sie erscheinen oft freier in dem was sie tun.
Ich frage mich, ob ich gut in der Inkulturation bin. Ich bin da sehr skeptisch, ich denke und urteile so sehr nach deutschem Maß…
Die Leute hier, in und außerhalb FyA, reden sehr viel von Gott. Mir ist nicht klar von welchem Gott wir eigentlich reden. Mir ist hier noch mal klar geworden, dass es nicht reicht nur zu sagen „Ich glaube an Gott“, sondern man muss auch schärfen an welchen Gott.
In einer Schule habe ich vor einiger Zeit Assambleas miterlebt in zwei Klassen, d.h. da treffen sich die Klassen und organisieren das selbst und besprechen die Dinge, die sie besprechen wollen. War sehr interessant zu erfahren über was die Jugendlichen in der jüngeren Klasse gesprochen haben und was ihnen wichtig ist und in der Klasse mit den Älteren, die als großes Problem ihre Eltern ausgemacht haben, die oft betrunken seien (die Väter), sich nicht kümmern oder sich nicht verantwortlich zeigen.
Bisher noch nicht so oft, weil die Zeiten kollidieren, aber ein paar Mal war ich in Santo Tomas, ein Stadtteil am Südrand von Quito, den die Ecuadorianer, die ich hier gefragt habe, gar nicht kennen, in der Pfarrgemeinde, die anders arbeitet als die Masse der Pfarrgemeinden mit befreiungstheologischen Ansätzen und bewusstseinsbildender Arbeit. Ist sehr interessant das zu erleben.
Ich habe Weihnachten mit einer ecuadorianischen Familie verbracht; war sehr anders als in Deutschland, aber es hat mir gefallen und es war sehr interessant die ecuadorianische Weihnachtsfeierweise kennen zu lernen. Silvester habe ich auch in einer ecuadorianischen Familie verbracht bzw. auf der Straße Amazonas in Quito. Es gibt wie in Deutschland auch Raketen, wenn auch nicht so viele, und zudem verkleiden sich die Leute und zünden gekaufte oder selbstgebaute Männchen in Lebensgröße – das Alte Jahr – an.
Wir sind gerade in einer Umbruchphase – wissen es aber selbst erst seit wenigen Tagen – der bisherige Direktor hat gekündigt und die Frage ist jetzt wer neuer Direktor wird. Die Mitarbeiter des Regionalbüros haben kein Mitspracherecht, deswegen wird das eine Überraschung werden. Es gibt drei Kandidaten, aber nur einer der Kandidaten kennt FyA, das Büro hier, die Leute, die Arbeit … Wir hoffen, dass er es wird.
Die Zeit geht so schnell rum; mir geht es so gut hier. Ich lerne so viele Menschen kennen; ich bin so neugierig mehr von diesem Land, mehr die Leute kennen zu lernen, mich in Spanisch zu verbessern und die soziale Realität mehr kennen zu lernen. ich wohne gerne hier im Haus und in diesem Stadtteil. Und ich arbeite sehr gerne mit den Leuten hier im Büro zusammen.

in Quito, Ecuador bei Fe y Alegría

Samstag, 02. Oktober 2010

Nun auch mal ein bisschen von mir. Ich bin jetzt seit über 4 Wochen in Quito, Ecuador im Regionalzentrum von Fe y Alegría, einer Jesuitenorganisation. Fe y Alegría ist eine Bewegung der ganzheitlichen Volksbildung und sozialen Förderung, will die Menschen fähig machen an einer besser Gesellschaft, einer gerechteren, geschwisterlichen, demokratischen und partizipativen Gesellschaft mitzubauen. Es gehe um eine ganzheitliche Erziehung und Persönlichkeitsbildung auf den Werten der Gerechtigkeit, Teilhabe und Solidarität. Fe y Alegría wolle eine neue Gesellschaft bauen, eine neue Kirche und den neuen Menschen. Sie haben eine Option für die Armen getroffen und würden v.a. mit der Bevölkerung die am meisten benachteiligt ist arbeiten, um die beste Bildung für die am meisten Ärmsten zu ermöglichen. Das Ziel dabei ist der Mit-Bau am Reich Gottes über den Weg der Bildung.

Die Vision von Fe y Alegría sei eine Welt, wo alle Menschen die Möglichkeit der Entwicklung aller ihrer Kapazitäten haben und leben können in Würde, konstruierend eine gerechte, teilhabende und solidarische Gesellschaft, eine Welt, in der alle Strukturen, besonders die Kirche, engagiert ist am menschlichen Sein und der Verwandlung der Situationen, die die Ungleichheit erzeugen. Im Zusammenhang mit dieser Vision wolle Fe y Alegría, so laut ihrer eigenen Beschreibung, sich einmischen in die Bereiche der verarmten, marginalisierten oder diskriminierten Bevölkerung, um die persönliche Entwicklung und Gemeinschaft zu fördern, in solcher Weise, dass diese Protagonisten in der Konstruktion dieser Gesellschaft und einer tragenden Entwicklung sind gegen eine deshumanisierte und individualistische Welt, die Armut und Ausschluss hervorruft.

Fe y Alegría ist 1955 in Venezuela entstanden und seit 1964 in Ecuador. Heute gibt es in fast allen lateinamerikanischen Ländern sowie in Spanien und im Tschad diese Organisation.

In Ecuador unterhalte die „Bewegung“ – wie sie sich verstehen – 80 Schulen und Kollegien mit 26.000 Schülern und habe daneben Radio-, Ausbildungs-, Gesundheits- und Erwachsenenbildungsprogramme, fördere u.a. Kooperativen und Kleinunternehmen, gemeinschaftliche Entwicklungen, indigene Kultur und die Ausbildung der Erzieher.

Soweit die Theorie von Fe y Alegría.

Meine Arbeit besteht seit ich hier bin im Kennenlernen der Organisation, der Schulen und Kollegien, der anderen Mitarbeiter der Pastoral und der Lehrer, Jugendlichen und Kinder. Mein Bereich wird die Pastoral sein, aber noch ist unklar in welchem Bereich genau. Bernardo Serrano, der Direktor von Fe y Alegría Regional meinte, wenn ich mehr spanisch gelernt habe und mehr die Pastoral-Mitarbeiter begleitet habe, könnte ich z.B. mit Jugendlichen zusammen arbeiten im bereits bestehenden Projekten als auch in neuen Projekten, die ich aufbauen könnte.

Es gefällt mir zunächst Zeit zu haben, um mehr von den Leuten hier, von der Kultur und den möglichen Arbeitsfeldern zu erfahren. Bisher aber ist es nicht die Arbeit, die ich mir vorgestellt habe; vor und nach dem Lesen der Visionen und den ganzen vielen Formulierungen von Fe y Alegría. Ich sehe keinen Einfluss z.B. der Befreiungstheologie und keinen Einsatz für eine andere, politisch engagierte Kirche. Und ich sehe auch nach Gesprächen mit den Leuten hier keine Methode für die Schaffung des neuen Menschen und der neuen Gesellschaft; wie es auch keinen Soziologen oder jemand anders gibt, der damit beauftragt ist die soziale Lage zu analysieren, um zu wissen in welchen Bereichen man ansetzt. Und ich frage mich, wenn die Daten stimmen, dass Ecuador in Südamerika das ärmste Land ist mit einer großen Anzahl von Menschen unterhalb der Armutsgrenze, wo sich das in Fe y Alegría zeigt. Aber ich habe auch noch nicht alle Bereiche von Fe y Alegría gesehen. Mir sagte aber jemand von FyA, mit dem ich lange gesprochen habe, dass es stimme, dass bezüglich der sozialen Frage und dem sozialen Engagement die Lage in Ecuador, kirchlich und bei den Jesuiten, unterentwickelt sei.

Die Kultur hier ist gar nicht so anders wie ich dachte. Mit der Art der Leute hier komme ich gut klar, insgesamt wenn ich hier unterwegs bin und mit den Leuten mit denen ich zusammenarbeite oder mit denen ich rede hier im Büro. Ich habe den Eindruck, dass hier andere Werte als in Deutschland an oberster Stelle stehen, ich habe noch nicht genug gesehen um das genauer auszuführen, aber es gefällt mir. Mit dem Spanisch und der Art der beiden Spanier, zwei ältere Lehrer die hier ein Sabbatjahr als Freiwillige machen, komme ich allerdings nicht so gut klar. Außerdem gibt es wohl eine gemeinsame katholische Spiritualität, die ich von meiner Universität her kenne und die auch in FyA Anwendung findet, eine sehr weiche und unkonkrete Form.

Ich bin einer der wenigen in Fe y Alegría, der Theologie studiert hat bzw. in meinem Fall Theologie studiert. Angesichts der Erwartungen der Leute hier diesbezüglich merke ich wie wenig die Theologie, die ich in St. Georgen in Frankfurt studiere eine Theologie ist, die fähig ist der Realität oder der Zeichen der Zeit.

Es geht mir sehr gut. Mir gefällt das es langsam angeht und ich erst mal gucken kann, das liegt mir eher als mich gleich hineinzustürzen.

Letzte Wochen waren wir für drei Tage an der Küste in Atacames zum Ausflug mit einem Großteil der Mitarbeiter der Regional Zentrum. War ne lange Fahrt dahin, aber es hat sich gelohnt. Ich war trotzdem froh als ich wieder in Quito war; das Klima und das Essen von hier gefällt mir besser als das der Küste.

Ich wohne hier in einem Haus von Fe y Alegría im historischen Zentrum. Das ist das Bürohaus von Fe y Alegría Regional Zentrum, ein altes Haus im Kolonialstil mit zwei Innenhöfen. Neben mir wohnen hier recht oft Gäste in einem der vielen Gästezimmer, seit zwei Wochen die beiden Spanier und die Frau, die für das Haus zuständig ist mit ihren zwei Kindern.

Mit dem Spanisch klappt es einigermaßen, ich verstehe relativ viel und kann nicht so viel sprechen wie ich verstehe. Mir fehlen ständig Vokabeln, ich bin etwas unzufrieden mit mir, weil es so langsam geht, aber die Leute hier meinen ich wäre nicht so langsam beim Lernen.

Gestern fegte ein Putschversuch oder eine Polizeimeuterei übers Land. Am nächsten Tag war die Lage zum Glück wieder unter Kontrolle, die Polizei arbeitet wieder; für eine Woche wurde der Ausnahmezustand verhängt, damit das Militär, das in Ecuador ein sehr gutes Ansehen hat – im Gegensatz zur Polizei – die Aufgaben der Polizei bezüglich der Wiederherstellung der Sicherheit auf den Straßen (v.a. in Guayaquil an der Küste hat es viele Plünderungen gegeben) übernehmen kann. Die Leute hier meinten das gehöre zur politischen Folklore und sei bald wieder vorbei. Es war für mich aber doch befremdlich wenn Polizei und Militär sich bekämpfen und die Polizei Straßen absperrt, um darauf Autoreifen anzuzünden.

Herzliche Grüße
Florian bzw. hier Florián (ohne dies können die meisten meinen Namen nur schwer aussprechen)