Archiv für die Kategorie ‘Brasilien’

Meine Letzten Tagen in Brasilien…

Freitag, 23. Juli 2010

Das wird wohl mein letzter Bericht aus Brasilien sein. 2 ½ Wochen bin ich noch in Sinop ehe ich  - nach einem „kleinen Abstecher“ in den Nordosten und Rio de Janeiro – am 19. August wieder in München lande. Mit einem lachenden und einem weinenden Auge sehe ich nun meiner Abreise entgegen…
Bis jetzt habe ich im Heim 5 Kinder gehen aber leider auch 9 Kinder kommen sehen. Die Atmosphäre hier ist sehr familiär. Manchmal habe ich wirklich stark mit den Schicksalen der Kleinen zu kämpfen…  http://verena-in-brasil.blogspot.com/

Ein Versuch mein Leben in Brasilien niederzuschreiben…

Dienstag, 08. Juni 2010

Das war ein „Standardtag“. Mit Kindern ist allerdings jeder Tag anders und sehr dynamisch. Seit Mitte April hab ich   etwas mehr Luft, da eine Erzieherin vom Mutterschutz zurückgekommen ist. Wir sind also mit mir zu dritt. Den ganzen Mai hatte unsere Köchin Urlaub also hat eine der beiden Erzieherinnen diese Rolle übernommen. Als dann auch noch ein Kind mit Lungenentzündung fast eine Woche im Krankenhaus lag und eine Tia Tag und Nacht bei ihm war hielt ich im Heim die Stellung und war somit im Dauereinsatz. http://verena-in-brasil.blogspot.com/

NEUIGKEITEN von Alex

Donnerstag, 25. Juni 2009

alexander-wirth-blogLiebe Freunde und Verwandte!
Nach einer grossartigen und ruhigen Reise bin ich wieder heil in Manaus angekommen. Leider mussten dafuer aber andere gehen: Maria Clara und Mauricio (die beiden Freiwilligen aus Kolubien mit denen ich seit Januar zusammen lebe und mit denen ich hier alles geteilt habe) mussten das Land verlassen, da ihr Visum abgelaufen ist. Sie muessen jetzt ein neues Visum beantragen und dafuer zurueck nach Bogota reisen. Da das mit den Behoerden in Bogota anscheinend eine komplizierte Angelegenheit ist, hiess es am Anfang, dass sie – sollten sie das Visum bekommen, was noch nicht mal sicher ist – einen Monat bleiben werden und am 12.7. wieder kommen. Nun ist es aber anscheinend nochmal etwas komplizierter geworden (ganz nach dem Motto: „schlimmer geht immer“) und es kann sein, dass sie erst im August wieder kommen und das waere dann erst, wenn ich schon wieder in Deutschland bin. Und ich kann euch sagen: die Bude bei uns zuhause ist verdammt leer! Keiner, um  sich abends nochmal zu unterhalten, keiner, der einem beim Unterrichten hilft, keiner, der den Muell rausbringt…
Ich versuch jetzt so viel wie moeglich rauszukommen, um noch so viel wie moeglich von Brasilien mit zu bekommen. Und so war ich letztens beim Equipe  Itinerante (Reisendes Team), einer Einrichtung von Jesuiten, das in regelmaessigen Itinerançias Indianervoelker oder Siedler tief im Amazonasgebiet besucht, um sie im Kampf gegen die Vertreibung durch Grossgrundbesitzer zu unterstuetzen, oder dort Bildungsvortraege zu halten. Das Haus des Equipes ist auf einem Igarape (Flussarm des Rio Negros) gebaut, der direkt durch die Stadt fuehrt. Wie in einer frueheren Rundmail schon beschrieben bauen sich die Leute, in der Stadt, wenn sie keinen Platz auf dem Festland finden, ihre Haeuser in die Flussarme. Diese Flutuantes sind Haeuser aus Holz, die entweder fest auf Holzpfaehlen stehen, oder auf Baumstaemmen und die sich dann mit dem Fluss heben und senken. Die Verhaeltnisse, in denen die Siedler dieser Igarapes leben, sind wirklich schlecht: alles ist vermuellt, da der Muell einfach in den Fluss geworfen wird, es stinkt nach faulem Wasser, da auch Essensreste und Faekalien ins Wasser geworfen warden und die Bewohner werden dementsprechend regelmaessig krank. Mir wurde von Pe. Elario (ein Mann aus dem Sueden Brasiliens mit deutschen Wurzeln – und das sieht man auch!) angeboten, mit auf eine Reise zu gehen, die Ende Juni oder Anfang Juli stattfindet. (So genau wusste er das noch nicht, aber mir wurde gesagt, wenn um Reisen mit dem Equipe Itinerante geht darf ich nichts planen. Da kann ich nur hoffen…) Die Reise wird um die 3 Wochen dauern, das heisst, ich wuerde dann gerade rechtzeitig kommen, um meinen Flug nach Deutschland zu bekommen. Und es wird eine krasse Erfahrung werden: ein Team von 5 – 6 Leuten auf einem kleinen Boot. Wir schlafen auf Haengematten, essen Fisch, den wir angeln und… mehr weiss ich noch nicht.  Aber wie schon gesagt: man ist spontan am Amazonas…
Diese Woche haben die neuen Projekte in der Schule Fe e Alegria angefangen: Das zweite Schuljahr lerrnt das Claudio Santoro kennen: eine Art lang gezogenes Stadtion, wo im Februar die Karnevalsumzuege stattfinden und oft groessere Konzerte stattfinden und das unter der Woche fuer kulturelle Zwecke verwendet wird: Dort findet jeden Tag kostenloser Theater-, Tanz-, Zeichen- und Musikunterricht statt, der von professionellen Lehrern mit viel Erfahrung gehalten wird. Es war wirklich schoen, die Schueler so interessiert zu sehen, da wirklich fuer jeden etwas dabei war. Ich habe mir vorgenommen, in den naechsten Tagen noch einmal mit ein paar Schuelern dorthin zu fahren und an einigen Kursen teilzunehmen!
Das erste Schuljahr faehrt auf die Fazenda da Esperanza, eine Drogenentzugsfarm fuer Maenner und Frauen jeden Alters. Diese Fazenda hat ihren Ursprung in einem deutschen Pater, der diese Entzugsfarmen in ganz Suedamerika und Europa aufgebaut hat. Maenner und Frauen werden strikt getrennt und es wird ihnen in einem geregelten Tagesablauf die Struktur beigebracht, die ihnen in ihrem bisherigen Leben gefehlt hat. Es geht sehr religioes zu und es laeuft nach der Regel “Não trabalho, não comida.” (keine Arbeit, kein Essen). Als wir am Dienstag mit den Schuelerinnen und Schuelern dort waren und uns mit den Patientinnen, die dort fuer ein Jahr untergebracht sind, unterhalten haben, hat sich eine immer engere Beziehung zwischen den beiden Gruppen aufgebaut. Die Bewohnerinnen haben ihre Geschichten erzaehlt, wie sie durch Freunde oder familiaere Probleme zu Drogen gegriffen haben und nicht mehr davon los gekommen sind. In den Geschichten steckt viel Leid und das konnte man sehen, als einigen unserer Schuelerinnen die Traenen gekommen sind.
Im Anschluss an den Besuch folgt in den kommenden zwei Wochen die Nachbereitung, in der ueber die Drogenproblematik im allgemeinen gesprochen wird. (Hier vielen Dank an Christian Fenn fuer die Materialien! Sicher werde ich sie in meinem Unterricht gut gebrauchen koennen!) Ich hoffe, dass wir die Jugendlichen mit dem Besuch und der Nachbereitung in der Schule zum Nachdenken bringen koennen und sie merken, dass man damit nicht gluecklich wird.
Es ist eigentlich traurig: ich fange eigentlich jetzt erst wirklich an, mich in dem Projekt richtig einzuleben und mich wirklich zu integrieren. Ich habe eine laengere Zeit gebraucht, um mich zurecht zu finden und meine Rolle hier zu begreifen. Jetzt da ich meine, sie gefunden zu haben, und mich mit diversen Sachen engagiere, ist die Arbeit fast schon wieder vorbei und ich gehe bald schon wieder nach Deutschland zurueck.
Ich denke zum Beispiel an die Schulband, die wir jetzt gruenden wollen und fuer die jetzt die Musiker feststehen, oder an die Theatergruppe, die sich jeden Sonntag trifft. Ich hoffe, dass die Leute hier weiter machen, denn es gibt wirklich viel zu tun und die Arbeit macht Spass!
Ich bin einer der ersten drei Freiwilligen in diesem Projekt, das erst seit 2007 besteht, doch die Arbeit mit Volontaeren soll auch in Zukunft weiter bestehen. Im August wird eine 35 jaehrige Franzoesin hier ankommen und in Fe e Alegria arbeiten und hoffentlich kommen Maria Clara und Mauricio aus Kolumbien zurueck, damit sie bis Dezember bleiben koennen. Arbeit gibt es allerdings genug das heisst es wird immer ein freiwilliger Helfer jeden Alters mit Portugiesischkenntnissen gesucht, der hier mit den Jugendlichen am Rande von Manaus arbeiten moechte. Also weitersagen! Es lohnt sich!
So jetzt hoer ich aber auf. Es ist schon halb elf in der Nacht und morgen hab ich Englischunterricht. Ausserdem muss ich mir jetzt noch was zu essen machen, ich bin am verhungern… Ja das ist eben der Nachteil, wenn man alleine lebt…
In diesem Sinne: alles Gute und ich freue mich auf eure Antworten!
Viele Gruesse aus Manaus!
Alexander

Liebe Freunde und Verwandte!
Nach einer grossartigen und ruhigen Reise bin ich wieder heil in Manaus angekommen. Leider mussten dafuer aber andere gehen: Maria Clara und Mauricio (die beiden Freiwilligen aus Kolubien mit denen ich seit Januar zusammen lebe und mit denen ich hier alles geteilt habe) mussten das Land verlassen, da ihr Visum abgelaufen ist. Sie muessen jetzt ein neues Visum beantragen und dafuer zurueck nach Bogota reisen. Da das mit den Behoerden in Bogota anscheinend eine komplizierte Angelegenheit ist, hiess es am Anfang, dass sie – sollten sie das Visum bekommen, was noch nicht mal sicher ist – einen Monat bleiben werden und am 12.7. wieder kommen. Nun ist es aber anscheinend nochmal etwas komplizierter geworden (ganz nach dem Motto: „schlimmer geht immer“) und es kann sein, dass sie erst im August wieder kommen und das waere dann erst, wenn ich schon wieder in Deutschland bin. Und ich kann euch sagen: die Bude bei uns zuhause ist verdammt leer! Keiner, um  sich abends nochmal zu unterhalten, keiner, der einem beim Unterrichten hilft, keiner, der den Muell rausbringt…
Ich versuch jetzt so viel wie moeglich rauszukommen, um noch so viel wie moeglich von Brasilien mit zu bekommen. Und so war ich letztens beim Equipe  Itinerante (Reisendes Team), einer Einrichtung von Jesuiten, das in regelmaessigen Itinerançias Indianervoelker oder Siedler tief im Amazonasgebiet besucht, um sie im Kampf gegen die Vertreibung durch Grossgrundbesitzer zu unterstuetzen, oder dort Bildungsvortraege zu halten. Das Haus des Equipes ist auf einem Igarape (Flussarm des Rio Negros) gebaut, der direkt durch die Stadt fuehrt. Wie in einer frueheren Rundmail schon beschrieben bauen sich die Leute, in der Stadt, wenn sie keinen Platz auf dem Festland finden, ihre Haeuser in die Flussarme. Diese Flutuantes sind Haeuser aus Holz, die entweder fest auf Holzpfaehlen stehen, oder auf Baumstaemmen und die sich dann mit dem Fluss heben und senken. Die Verhaeltnisse, in denen die Siedler dieser Igarapes leben, sind wirklich schlecht: alles ist vermuellt, da der Muell einfach in den Fluss geworfen wird, es stinkt nach faulem Wasser, da auch Essensreste und Faekalien ins Wasser geworfen warden und die Bewohner werden dementsprechend regelmaessig krank. Mir wurde von Pe. Elario (ein Mann aus dem Sueden Brasiliens mit deutschen Wurzeln – und das sieht man auch!) angeboten, mit auf eine Reise zu gehen, die Ende Juni oder Anfang Juli stattfindet. (So genau wusste er das noch nicht, aber mir wurde gesagt, wenn um Reisen mit dem Equipe Itinerante geht darf ich nichts planen. Da kann ich nur hoffen…) Die Reise wird um die 3 Wochen dauern, das heisst, ich wuerde dann gerade rechtzeitig kommen, um meinen Flug nach Deutschland zu bekommen. Und es wird eine krasse Erfahrung werden: ein Team von 5 – 6 Leuten auf einem kleinen Boot. Wir schlafen auf Haengematten, essen Fisch, den wir angeln und… mehr weiss ich noch nicht.  Aber wie schon gesagt: man ist spontan am Amazonas…
Diese Woche haben die neuen Projekte in der Schule Fe e Alegria angefangen: Das zweite Schuljahr lerrnt das Claudio Santoro kennen: eine Art lang gezogenes Stadtion, wo im Februar die Karnevalsumzuege stattfinden und oft groessere Konzerte stattfinden und das unter der Woche fuer kulturelle Zwecke verwendet wird: Dort findet jeden Tag kostenloser Theater-, Tanz-, Zeichen- und Musikunterricht statt, der von professionellen Lehrern mit viel Erfahrung gehalten wird. Es war wirklich schoen, die Schueler so interessiert zu sehen, da wirklich fuer jeden etwas dabei war. Ich habe mir vorgenommen, in den naechsten Tagen noch einmal mit ein paar Schuelern dorthin zu fahren und an einigen Kursen teilzunehmen!
Das erste Schuljahr faehrt auf die Fazenda da Esperanza, eine Drogenentzugsfarm fuer Maenner und Frauen jeden Alters. Diese Fazenda hat ihren Ursprung in einem deutschen Pater, der diese Entzugsfarmen in ganz Suedamerika und Europa aufgebaut hat. Maenner und Frauen werden strikt getrennt und es wird ihnen in einem geregelten Tagesablauf die Struktur beigebracht, die ihnen in ihrem bisherigen Leben gefehlt hat. Es geht sehr religioes zu und es laeuft nach der Regel “Não trabalho, não comida.” (keine Arbeit, kein Essen). Als wir am Dienstag mit den Schuelerinnen und Schuelern dort waren und uns mit den Patientinnen, die dort fuer ein Jahr untergebracht sind, unterhalten haben, hat sich eine immer engere Beziehung zwischen den beiden Gruppen aufgebaut. Die Bewohnerinnen haben ihre Geschichten erzaehlt, wie sie durch Freunde oder familiaere Probleme zu Drogen gegriffen haben und nicht mehr davon los gekommen sind. In den Geschichten steckt viel Leid und das konnte man sehen, als einigen unserer Schuelerinnen die Traenen gekommen sind.
Im Anschluss an den Besuch folgt in den kommenden zwei Wochen die Nachbereitung, in der ueber die Drogenproblematik im allgemeinen gesprochen wird. (Hier vielen Dank an Christian Fenn fuer die Materialien! Sicher werde ich sie in meinem Unterricht gut gebrauchen koennen!) Ich hoffe, dass wir die Jugendlichen mit dem Besuch und der Nachbereitung in der Schule zum Nachdenken bringen koennen und sie merken, dass man damit nicht gluecklich wird.
Es ist eigentlich traurig: ich fange eigentlich jetzt erst wirklich an, mich in dem Projekt richtig einzuleben und mich wirklich zu integrieren. Ich habe eine laengere Zeit gebraucht, um mich zurecht zu finden und meine Rolle hier zu begreifen. Jetzt da ich meine, sie gefunden zu haben, und mich mit diversen Sachen engagiere, ist die Arbeit fast schon wieder vorbei und ich gehe bald schon wieder nach Deutschland zurueck.
Ich denke zum Beispiel an die Schulband, die wir jetzt gruenden wollen und fuer die jetzt die Musiker feststehen, oder an die Theatergruppe, die sich jeden Sonntag trifft. Ich hoffe, dass die Leute hier weiter machen, denn es gibt wirklich viel zu tun und die Arbeit macht Spass!
Ich bin einer der ersten drei Freiwilligen in diesem Projekt, das erst seit 2007 besteht, doch die Arbeit mit Volontaeren soll auch in Zukunft weiter bestehen. Im August wird eine 35 jaehrige Franzoesin hier ankommen und in Fe e Alegria arbeiten und hoffentlich kommen Maria Clara und Mauricio aus Kolumbien zurueck, damit sie bis Dezember bleiben koennen. Arbeit gibt es allerdings genug das heisst es wird immer ein freiwilliger Helfer jeden Alters mit Portugiesischkenntnissen gesucht, der hier mit den Jugendlichen am Rande von Manaus arbeiten moechte. Also weitersagen! Es lohnt sich!
So jetzt hoer ich aber auf. Es ist schon halb elf in der Nacht und morgen hab ich Englischunterricht. Ausserdem muss ich mir jetzt noch was zu essen machen, ich bin am verhungern… Ja das ist eben der Nachteil, wenn man alleine lebt…
In diesem Sinne: alles Gute und ich freue mich auf eure Antworten!
Viele Gruesse aus Manaus!
Alexander

ALEXANDER mailt aus Manaus:

Dienstag, 16. Juni 2009

Mit einer aktuellen Rundmail meldet sich Alexander aus dem Amazonas. Er unterrichtet im jesuitischen Schulwerk Fe y Alegría in Manaus/Brasilien:

alexander-wirth-blogHallo!!!

Ich weiss, ich bin spaet dran und die Mail ist schon lange faellig, bitte aber um Verstaendnis: ich habe mich einfach schon zu sehr an den „Ritmo das Aguas” (Lauf des Wassers) hier am Amazonas gewoehnt: der Umgang mit Zeit, der um einiges weniger strikt ist, als in Deutschland.

In meiner letzten Rundmail habe ich von der Umfrage erzaehlt, die wir in unserem Viertel Grande Vitoria und dem Nachbarviertel Nova Vitoria gemacht haben. Bei dieser kam heraus, dass 90% keinen ordentlichen Zugang zu Wasser haben, weil die Stadtverwaltung die Regionen nicht als Stadtteil akzeptiert und sich die Leute vor knapp 10 Jahren hier illegal nieder gelassen haben. Das heisst, die Leute muessen sich Wasser aus Brunnen holen, die nur wenige Meter unter der Erde liegen und in die das ganze Abwasser von der Strasse fliesst (zum Vergleich: um genuegend sauberes Trinkwasser zu garantieren, muss ein Brunnen 80 Meter tief sein!). Krankheiten wie Durchfall sind die Folge.

Diese Situation wollten wir den Vereadores (den Stadtraeten von Manaus) vorstellen und sie so auf die erschreckenden Lebensumstaende aufmerksam machen. Wir schnappen uns also zwei besonders engagierte Schuelerinnen, schreiben bis spaet in die Nacht Texte, die die zwei den Stadtraeten vorlesen sollen, bereiten Powerpoint Praesentationen vor, die mit Statistiken und Bildern die Lage veranschaulichen sollen, zeigen den Schuelerinnen wie man moeglichst eindrucksvoll einen Vortrag haelt und holen Buerger, die in besonders schlimmen Lebenssituationen stecken, zu uns an die Schule, um den Schuelern von ihrem Leben im Muell zu erzaehlen damit die Jugendlichen merken, dass es kein Spassausflug zur Camera dos Vereadores werden soll, sondern eine Anklage von schlechter Politik und von Korruption…

…und wofuer? Vor unserem Vortrag wird uns der Gebrauch des Beamers verboten, da wir ihn vorher nicht angemeldet haben und waehrend des Vortrags waren die Herren Vereadores leider so sehr mit Zeitung lesen, telefonieren, plaudern, essen und schlafen beschaeftigt, dass uns von 40 Leuten gerade mal 2 ½ Politiker zugehoert haben (die zwei haben sich abgewechselt und der Halbe ist zwischendurch oefter mal aufgewacht). So viel zum Thema Casa do Povo (Haus des Volkes)…

Die Woche darauf haben wir ein Spiel entwickelt, in dem alle Schueler des ersten Jahres des Ensino Medio (~10 Klasse) in die Rolle von Vereadores schluepfen und ein Budget von 250.000.000 Reais auf verschiedene Bereiche eines fiktiven Manaus aufteilen muessen (zB. Sicherheit, Gesundheit, Infrastruktur). Darauf sollten die drei Klassen, die jeweils eine Partei bildeten, versuchen, sich gegenseitig davon zu ueberzeugen, dass sie die bessere bzw die anderen die schlechtere Verteilung haben. Politik eben. Die Schueler des zweiten Jahres des Ensino Medio (~11 – 12 Klasse) waren das „Volk” und mussten auch auf die jeweilige Seite gebracht werden. Nach zwei Wochen voller Wahlkampf kam es dann zur grossen Entscheidung, in der gewaehlt wurde und es siegte (zu unserer Verwunderung / Begeisterung) unsere Chaosklasse, die eigentlich total zerstritten ist, doch durch das Spiel richtig zusammen gewachsen ist. Die Belohnung ist ein All-you-can-eat in der Pizzeria! Ich hoffe mal schwer, die Voluntarios sind auch eingeladen…

Neben der Arbeit in der Schule haben wir auch viel mit der Arbeit in unserem Viertel Grande Vitoria zu tun. So hat in einem Theaterstueck ueber das Urteil des Salomon zum Beispiel noch ein Salomon gefehlt, also hab ich dann die Rolle mit perfekt imitiertem, deutschen Akzent uebernommen… Diese Zeit war wirklich stressig: morgens unterrichten, nachmittags Unterricht vorbereiten bzw. ins Zentrum und Besorgungen machen und nachts proben. Aber ich habe gelernt, mit sechs Stunden Schlaf auszukommen.

In dieser Zeit kam meine Mutter auf einen zweiwoechigen Trip vorbei und wir haben zusammen die Stadt erkundet, was ich durch die Arbeit in Grande Vitoria bis dahin noch gar nicht so richtig geschafft habe. Wir lernten Sachen wie das Indianermuseum kennen und wurden fast ueberfallen. Aber nur fast.

Wie ich schon beschrieben habe, arbeiten wir in unserer Alternativschule „Fe e Alegria” mit Projekten, um den Schuelern die Realitaet auf praktische Art zu zeigen. Da die ersten Projekte (Politik fuer das 1. Jahr und Wasser fuer das 2.) allerdings viel zu lange gedauert haben (fast 3 Monate) wurde dich ganze Geschichte etwas zu langatmig und keinen hat es mehr so wirklich interessiert. Deshalb wurde jetzt das Schulsystem dahingehend geaendert, dass wir alle zwei Wochen eine neue Experiençia (Erfahrung) mit den Schuelern machen. Dh. eine Woche Vorbereitung, einen Besuch (die eigentliche Erfahrung) und eine Woche Nachbereitung. Fertig. Die ersten Erfahrungen waren fuer das erste Jahr “Kultur in Manaus”und fuer das zweite Jahr „Besuch der Leprakolonie” Colonia Antonio Aleixo im gleichnamigen, benachbarten Viertel. Diese Kolonie war frueher sehr weit vom Kern der Stadt entfernt und dorthin wurden Aussaetzige von Manaus, spaeter vom Staat Amazonas und irgendwann aus ganz Brasilien verbannt! Heute leben in dem Viertel in fast jedem Haus ein Mensch mit der Krankheit und es gibt ein riesiges Krankenhaus zu deren Behandlung. Wenn Lepra behandelt wird, ist sie nicht mehr uebertragbar und so ist der Kontakt mit den Patienten bedenkenlos moeglich. Das Problem ist, dass das zu wenige Leute wissen, bzw. es nicht glauben wollen und so existiert immer noch eine riesige Diskriminierung gegen die Patienten: es kommt keiner von aussen in das Viertel hinein und da die Kranken wissen, dass sie in der Gesellschaft nicht willkommen sind, bleiben sie in ihrer Kolonie auch teilweise ohne Kontakt zu ihren Familien, welchen diese abgebrochen haben. Und ganz im Gegensatz zum normalen oeffentlichen Verhalten, haben wir uns einfach gedacht, gehen wir doch mal hin und machen das was keiner macht: den Bewohnern des Viertels einen Besuch abstatten. Bei dem Besuch kam es uns darauf an, mit den Leuten ins Gespraech zu kommen, die Scheu vor ihnen zu verlieren und zu merken dass das Gegenueber, der „Kranke ohne Haende und Fuesse”, ein ganz normaler Mensch ist, der eine Geschichte zu erzaehlen hat, in seinem Leben schon viel Leiden aber auch viel Liebe erfahren durfte! Die Schueler sind dann in Paaren zu verschiedenen Haeusern gegangen und haben am Anfang mit merkbarer Distanz mit den Leuten geredet, je laenger die Unterhaltung jedoch gedauert hat, desto naeher sind sie sich gekommen und es war wirklich schoen zu sehen, dass Schueler sich mit den Leprapatientien zusammen in deren Haus gesetzt haben und sich zum Abschied die Haende geschuettelt haben.

So erstmal so weit. Ich hab grade naemlich ein bisschen Zeitdruck weil ich gleich auf eine sechs-taegige Reise ins Landesinnere, ohne Handynetz ohne Computer und ohne andere Technologie gehe.

Wenn ich wieder komme gibt es den zweiten Teil dieser Rundmail.

Bis dahin: Alles Gute und viele Gruesse vom Rio Negro, Rio Solimões und von den ganzen andern Fluessen hier!

Alexander