Seit mehr als drei Monaten lebe ich in Orán. So langsam kehrt auch für mich der Alltag ein. Ich ordne und verarbeite die vielen neuen Eindrücke. Nun also mein zweiter Eintrag über meine bisherige Zeit aus einer Stadt Argentiniens an der Grenze zu Bolivien.
Anfang Dezember liefen die Vorbereitung für Weihnachten in vollem Gange. Für mich war es nicht leicht in Weihnachtsstimmung zu kommen, weil es doch anders ist bei 30, 40 Grad Plätzchen zu backen, als bei Kälte und Schnee. Da halfen auch die kitschigen Plastikweihnachtsbäume und die bunt beleuchteten Krippen nicht weiter.
Trotzdem bastelten die Kindern gemeinsam mit mir eifrig Weihnachtsschmuck und eine Krippe. Ende Dezember haben die Schulsommerferien begonnen. Sie dauern bis Ende Februar. Da auch das alte Schuljahr endete, fand in der letzen Schulwoche fast täglich eine Abschlussfeier statt.
Ich wurde unter anderem zum „Acto“ in der Escuela Especial eingeladen. Diese Schule ist die einzig Möglichkeit in Orán für Kinder und Jugendliche mit Behinderung eine Schulausbildung zu erhalten. Der Grad der Behinderung der Schüler ist sehr unterschiedlich. So gibt es eine Klasse mit tauben oder stummen Schülern, die Unterricht in der Zeichensprache bekommen. Andere Klassen sind nach Alter aufgeteilt. Die Schule ist mit etwa 200 Schülern recht groß, allerdings reichen die Plätze bei Weitem nicht aus, alle behinderten Kinder aus Orán aufzunehmen. Außerdem gibt es für Körperbehinderte kaum Platz. Was mir sehr gefallen hat, in der Schule gibt es eine kleine Bäckerei, in der ab und zu Schüler backen. Ansonsten gibt es leider nur eine beschränkte Anzahl von Klassenräumen, die nicht ausreichend für die Kinder ausgestattet sind. Trotzdem haben mir die Abschlussfeiern sehr gefallen. Die Kinder haben getanzt, gesungen und danach gab es ein kleines Essen.
In der Schule gibt es, wie fast an allen Schulen, zwei „Unterrichtsphasen“, das bedeutet Vormittags- und Nachmittagsunterricht. Zwei meiner Arbeitskollegen aus der Casa Divina Providencia arbeiten nachmittags an der Escuela Especial. Einer davon ist der einzige Lehrer für Gehörlose/ Stumme in Orán. Da die Jugendlichen die Schule mit bereits neunzehn Jahren verlassen müssen, sie weder Arbeit in Orán finden, noch sonstige Aktivitäten oder Beschäftigungsmöglichkeiten angeboten werden, nimmt die Casa Divina Providencia einige wenige der Menschen mit Behinderung auf. Leider gibt es nur eine Erzieherin in der Casa Divina Providencia, die nachmittags mit den Jugendlichen zusammen arbeitet. Ich möchte sie nach den Ferien bei dieser Tätigkeit unterstützen und hoffe, dann ab Februar zwei oder drei Nachmittage mit den Jugendlichen mit Behinderung zusammen arbeiten zu können. Was mich sehr stört und aufwühlt, ist die Tatsache, dass es für Kinder und Jugendlichen mit Behinderungen hier in Orán keinerlei Möglichkeiten gibt, sie zu beschäftigen. In der Stadt befindet sich nur die oben erwähnte Schule, die nicht alle aufnehmen kann und für die Schüler, die dort unterrichtet werden, gibt es nur begrenzt Unterrichtsmöglichkeiten. Es fehlt der Schule an geeignetem Personal und an der Ausstattung. Ansonsten gibt es noch das Centro San José mit dem Angebot der Physiotherapie. Hier wohne ich. Fabian, ausgebildeter Physiotherapeut, der hier als Freiwilliger arbeitet, bietet Therapien an, die die Eltern nicht bezahlen müssen. Nach meinen Kenntnissen gibt es zu wenig Anlaufstellen für Menschen mit Behinderung. Die Menschen mit Behinderung finden nach dem Schulabgang keine Arbeit. Es wurde mir erzählt, bisher arbeite nur ein ehemaliger Schüler der Escuela Especial in einer Bäckerei und die gehöre seinen Eltern. Die meisten Kinder mit Behinderung sind den ganzen Tag zu Hause und machen „nichts“. Schade ist, dass man die Schüler der Sonderschule nach einer erfolgten Schulausbildung ins „nichts“ laufen lässt und dadurch die Erziehung und die Schulbildung innerhalb wenigen Jahren abflacht.
Nun aber zurück zu meinen „Hauptaufgaben“. Auch in der Divina Providencia war in den letzter Wochen vor den Ferien viel Basteln angesagt. Leider mussten wir in dieser Zeit den sehr beliebten Hermano Carlos verabschieden. Er wurde nach Buenos Aires versetzt. Er hat zwei Jahre in der Casa Divina Providencia gearbeitet und ist in der kurzen Zeit, in der ich hier arbeite, auch mir ans Herz gewachsen. Da momentan nur zwei Brüder in der Casa arbeiten, wird seine Versetzung ein Verlust sein. Er hat dort sehr viel gearbeitet und wer zukünftig seine Aufgaben übernimmt, ist noch unklar. Wir haben seine Verabschiedung gebührend gefeiert. Es gab zum Abschied ein Krippenspiel, Weihnachtsgeschenke sowie Abschiedsgeschenke und ein Festessen.
Ein Wochenende waren drei meiner Kollegen der Casa, die anderen zwei deutschen Freiwilligen und eine Bekannte gemeinsam mit elf Kindern auf dem Land. Etwa fünf Stunden von Orán entfernt haben wir das Wochenende auf einer „Finca“ verbracht. Das ist ein Bauernhof. Allerdings muss man sich das anders als in Deutschland vorstellen. Die Fincas sind oft Villen, die mitten im Nichts errichtet worden sind oder aber bescheidene Hütten. Auch wir mussten nach längerer Fahrt noch etwa eine Stunde auf einer Schotterpiste über Land fahren bis wir an dem Haus angekommen sind. Dort gab es weder Strom noch Wasser. Duschen mussten wir uns mit Flusswasser und das Licht wurde von einem Motor erzeugt, der nachts abgeschaltet wurde. Die Besitzer der Finca haben zurzeit etwa 100 Rinder auf diesem Land. Außerdem gibt es Pferde und jede Menge Hunde. Ein Arbeiter, der neben der Finca wohnt, hält das Haus instand. Auf dem Weg ins etwa eine Stunde entfernte Dorf Rosario de la Frontera habe ich Nandus gesehen, die dort wild leben. Mit den Kindern haben wir am Fluss gebadet und ich konnte in das Leben auf einer Finca hinein schnuppern. Das Asado und Ziegenfleisch haben das Gefühl von „Abenteuer und Freiheit“ untermalt. Das Wochenende zeigte mir eine ganz andere Seite des Lebens hier im Norden Argentiniens. Auf einer Finca leben, draußen in den weiten der Natur, kiloweise Fleisch grillen und abends den anderen beim Singen und Gitarrespielen lauschen. Natürlich war es nicht „nur“ Urlaub, da es noch elf Kinder zu beschäftigen galt, aber es war ein kontrastreiches Wochenende und ich hatte manchmal Zeit, die frische, klare Luft ohne Müllgestank und das ruhige Leben auf dem Land zu genießen. Die Kinder „müssen“ weder für Benzinkosten noch für das Essen bezahlen. Da solche Aktivitäten für einige der Kinder die einzige Möglichkeit ist, aus Orán „raus“ zu kommen, werde ich den Landausflug mit Spenden unterstützen.
Auf der Heimfahrt ging dann leider noch der Kleinbus der Casa Divina Providencia kaputt, sodass wir erst spät nachts nach Hause gekommen sind. Dort haben wir erfahren, dass über das Wochenende das reinste Chaos in Oran herrschte. Bei 51°C im Schatten gab es zwölf Stunden weder Strom noch Wasser. Ein Glück, dass wir weit weg waren und davon nichts mitbekommen haben.
Nach ein paar Urlaubstagen und nachdem ich die Festtage gut verbracht habe, bin ich wieder in Orán.
Ich wünsche Ihnen/Euch ein glückliches Neues Jahr
Liebe Grüße
Sophia Strittmatter