Mahmud Abbas, der Präsident der palästinensischen Autonomiebehörde, tritt vor die Generalversammlung der Vereinten Nationen, um zu verkünden, dass er offiziell die Mitgliedschaft eines eigenständigen palästinensischen Staates bei den VN beantragt hat. Dieser Schritt ist lange vorher angekündigt worden und hat Politik, Diplomatie und Presse hier in der Region und in der ganzen Welt über Wochen und Monate beschäftigt. Alle fragen sich: „Wird er es wirklich tun; wird er sich dem Druck der Israelis, der Amerikaner und der vielen weiteren Staaten widersetzen?“ Nun steht er tatsächlich dort am Rednerpult.
Ich habe vor zehn Minuten meine Wohnung verlassen, um nach etwa 200 Metern die “Green Line”, die die Grenze zwischen Ost- und Westjerusalem bildet, zu passieren und in einem arabischen Café die Rede von Abbas im Fernsehen anzuschauen. Der Ostteil der Stadt ist übersät mit israelischen Soldaten, die mit einer ungewohnten Nervosität die jüdischen Gläubigen zur Western Wall (Klagemauer) schleusen. Ich beobachte, wie sich einige Israelis und Palästinenser Beschimpfungen in ihrer jeweiligen Muttersprache zurufen. Sofort kommen Soldaten angerannt, um sie auseinanderzutreiben. Gerade erst habe ich auf einer deutschen Webseite einen Bericht im „Live-Ticker zur Staatsausrufung“ gelesen – mit dem Titel „Die Spannung steigt! Um Ramallah bringen sich Soldaten und Panzer in Stellung“.
Das Café, in dem ich die Rede anschauen will, hat draußen auf dem Bürgersteig eine Leinwand aufgestellt, vor der einige Stühle platziert sind. Die Reihen sind gefüllt mit ausländischen Kamerateams, Foto- und Zeitungsjournalisten. Vereinzelt ist auch ein Palästinenser auszumachen, der allerdings in der Fülle von Kamerascheinwerfern, Fotolinsen und Laptops etwas verloren wirkt. Ich setzte mich auf einen der freien Stühle. Neben mir sitzt ein etwa dreißigjähriger Mann in T-Shirt, kurzer Hose und Turnschuhen. Seine langen schwarzen Haare hat er zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. „My name is Aleix“, sagt er, „not Alex, but Al-E-I-x, with E-I. It’s Catalán.“ Auf seinem Schoß hat Aleix ein weißes Laptop. Ein leuchtendes Apple-Symbol prangt darauf.
Die Rede von Abbas beginnt, als die Dämmerung hereinbricht. Aus plärrenden Lautsprechern dringt seine Stimme. Er spricht auf Arabisch. Aleix neben mir beginnt, auf sein Laptop einzutippen. Ich erhasche einen Blick auf das, was er schreibt. Offenbar berichtet auch er „live aus der Region“ in einer Art Live-Ticker. Er schreibt auf Englisch. Ich frage ihn, ob er Arabisch spreche. „A bit“ sagt er und lächelt. Ich nicke. „A bit“ ist dieselbe Antwort, die ich gebe, wenn mir jemand diese Frage stellt. Wenn Aleix so viel Arabisch spricht wie ich, dann reicht es so gerade, um höflich mit „Bitte“ und „Danke“ Falafel zu bestellen.
Nach und nach kommen mehr Palästinenser, um sich das anzusehen, was im so unendlich weit entfernten New York „die Wende“ (eine deutsche Tageszeitung) für ihr Schicksal sein soll. Ein Journalist und ein Kameramann laufen aufgeregt durch die Menge: „Are there any New Yorkers here? Is there anyone from New York? We would like to do an interview with someone from New York!“.
Ich verstehe kein Wort von dem, was Abbas da gerade erzählt. Aleix haut derweil neben mir auf die Tastatur seines Computers ein. Einige Palästinenser fangen an zu klatschen. Aleix hüpft auf seinem Stuhl vor Freude und tippt Worte, die man auf Deutsch am besten mit „Jubelschreie“ und „frenetischer Applaus“ übersetzt.
Wenn es wirklich Jubelschreie und frenetischen Applaus gibt, dann ist das nicht hier, sondern zwanzig Kilometer weit entfernt. In Ramallah findet gerade eine große Kundgebung der Palästinenser statt. Ich frage mich, warum Aleix und all die anderen Journalisten nicht nach dort gefahren sind. Wollten sie sich die Stunden, die sie im Militärcheckpoint zwischen Jerusalem und Ramallah hätten warten müssen, sparen? „Forget it“ hat mir ein Freund gesagt, als ich ihm vorschlug, die Kundgebung in Ramallah zu besuchen, „it would take you hours to get there. The IDF [Israeli Defense Forces] are on high alert.“
Meine Gedanken schweifen ab. Ich denke an diese Geschichte eines Journalisten, von der ich gehört habe: Als ein Reporter nach Bagdad wollte und ihm die Einreise verweigert wurde, sagte ihm sein Redakteur, dass er in Amman in Jordanien bleiben solle. Das sei nah genug dran. Der Reporter verbrachte mehrere Monate in einem Hotel in Amman mit einem täglichen Livebericht „aus der Region“. Für „Stimmen aus der Region“ interviewte er regelmäßig den Mann an der Rezeption seines Hotels.
„That’s it“ – Das war’s. Ich werde aus meinen Gedanken gerissen. Aleix klappt seinen Rechner zu und zückt seine Fotokamera. Abbas hat seine Rede beendet. Inzwischen ist die Nacht hereingebrochen. Die gut dreißig Palästinenser, die mit uns die Rede verfolgt haben, klatschen. Bevor sie sich aufmachen können, um wieder nach Hause zu gehen, werden sie von ca. 50 Journalisten umstellt, die sie mit wildem Rufen und Gestikulieren dazu auffordern, sich vor den Kameras zu positionieren. Einige recken ihre Hände in die Luft und formen das Victory-Zeichen. Blitzlichtgewitter. Kamerateams laufen fieberhaft von Palästinenser zu Palästinenser: „Do you speak English?“ Bejaht jemand diese Frage, schalten die Kameraleute sofort ihre grellen Scheinwerfer ein und eine junge, attraktive Reporterin fragt: „How do you feel right now?“ Die Palästinenser blinzeln abwechselnd in die Kamera, dann schauen sie die Reporterin an. Was sollen sie sagen?
Ich denke an meine Besuche im Westjordanland. Denke an die vielen Militärcheckpoints, die ich passiert habe. Denke an die Flüchtlingslager, die ich gesehen habe. Ich denke aber auch an vorgestern, als ich es vorzog, die Jerusalemer Straßenbahn zwei Stationen früher zu verlassen und den Rest des Weges zu meiner Wohnung zu Fuß zu gehen – weil eine Terrordrohung von palästinensischen Terroristen vorlag. Was würde ich der Reporterin antworten? „Ich weiß es einfach nicht!“ Genauso wenig wie es die Palästinenser wissen, die gerade in die Fernsehkameras blicken. Es scheint, als hätten sie nach über 40 Jahren der Besatzung im Westjordanland gelernt, nicht allzu euphorisch auf neue diplomatische Initiativen zu reagieren. Kann eine Rede im 9.000 Kilometer entfernten New York wirklich die Wende sein?
Ich gehe nach Hause. Auf dem Weg passiere ich wieder die „Green Line“. Nichts hat sich verändert. Alles ist genauso wie auf dem Hinweg. Ist dies nun ein neuer Staat? Bin ich in Palästina? In Israel? Mir wird wieder einmal klar, dass ich in einer Konfliktregion bin. In einem Krisengebiet. In einem Kriegsgebiet.
Als ich nach Hause komme, treffe ich auf meine Mitbewohner, die in der Küche sitzen und sich gerade aufmachen, um in der Stadt essen zu gehen. „There is this nice Sushi place next to Zion Square. Do you want to come along?“ Ich gehe mit.

