“Auf Ihren Schultern lastet eine ungeheure Schuld”

15. Januar 2012 geschrieben von Moritz Povel

Ich treffe Miriam das erste mal eher durch Zufall in Tel Aviv. Wir sind beide auf einer Veranstaltung eingeladen. Dass sich auch Deutsche auf dieser Veranstaltung aufhalten, ist nicht unbedingt selbstverständlich. So hat Miriam keine Ahnung über meine Herkunft, als sie mit mir ins Gespräch kommt. Wir stellen uns einander vor und halten small talk über unsere Veranstaltung, das Wetter – das, worüber man sich eben unterhält. Schließlich fragt sie mich in ihrem gebrochenen Englisch, woher ich denn käme. Ich antworte ihr, dass ich „from Germany“ sei.

Miriam wird still, senkt den Kopf, blickt nach unten und krempelt dann wortlos den Ärmel ihres rechten Arms hoch. Auf der faltigen Haut ihres Unterarms stehen einige Ziffern. Miriam sagt: „From Germany – Aih! But maybe today we need friends.“ Sie geht.

Nur in Auschwitz hat man die Häftlingsnummern auftätowiert. Sie sind noch heute ein unverkennbares Mal, das Auschwitz auf den Überlebenden hinterlassen hat. Ich brauche einen kurzen Moment, um mir diese Tatsache in Erinnerung zu rufen. Ich bin froh, dass Miriam später zu mir kommt, um sich zu verabschieden, bevor sie aufbricht. Sie gibt mir ihre Karte und sagt mir, dass sie mich gerne zu sich nach Hause einladen würde.

Ein Morgen in Jerusalem im Winter ist kalt, feucht und grau. Die Wolken hängen tief und die Straßen sind mit einem glitschigen, nassen Film überzogen. Ich setze mich in ein Sammeltaxi und trete die kurze Reise nach Tel Aviv an. Jerusalem liegt hoch in den Bergen, Tel Aviv hingegen liegt auf  Meereshöhe am Strand des Mittelmeeres. Je weiter wir die Berge von Jerusalem hinter uns lassen und hinunter nach Tel Aviv fahren, desto mehr klart sich der Himmel auf. Es wird wärmer und wir können nun die Sonne sehen vor einem klaren, tiefblauen Himmel.

In Tel Aviv steige ich aus dem Taxibus an der Central Bus Station aus und trete in die Wärme des Morgens, die hier herrscht. Hier ist es deutlich wärmer als in den Bergen. Das Geschrei von Menschen, laute LKWs und Autohupen spielen die Musik der Großstadt. Weil ich etwas in Zeitnot bin, steige ich in ein weiteres Taxi, das mich in den Vorort bringen soll, in dem Miriam wohnt. Ich habe lange gewartet, bis ich sie nach unserem Zusammentreffen angerufen habe und sie gebeten habe, mir ihre Geschichte zu erzählen. Auf dem Weg zu ihr im ewigen Stau Tel Avivs im Schatten von Hochhäusern denke ich an unsere erste Begegnung. Sie war offenbar erschrocken, als sie erfuhr, dass ich Deutscher bin. Ein Holocaustüberlebender hat mir einmal gesagt: „Sie haben sich nicht schuldig gemacht, aber auf Ihren Schultern lastet eine ungeheure Schuld.“ Diese Schuld habe ich gespürt, als Miriam vor mir erschrak, weil ich Deutscher bin.

Miriam wohnt am Rande von Tel Aviv in einer großen Wohnung in einem modernen Haus. Es ist ruhig hier. Vögel zwitschern und Zitronenbäume strecken ihre Äste und Zweige in den tiefblauen Himmel. Beim Eintreten in Miriams Wohnung werde ich von hunderten Gesichtern angeblickt. Auf Gemälden, Fotos, Postern – die Wohnung ist voll mit Bildern, auf denen Menschen zu sehen sind. Miriam empfängt mich freundlich und bietet mir Kaffee an und Kuchen, den ihre Tochter gebacken hat. Ihre Tochter. Überall in der Wohnung sind Fotos von Miriams Töchtern zu sehen. Miriam deutet auf eine Bilderserie an der Wand, die eine blonde Frau tanzend auf einer Bühne zeigt. „That is my daughter. She is a dancer. Isn’t she beautiful? – And this is my other daughter, she is a pianist. Look at her! Look!“ Und Miriam steht auf, um das Bild von der Wand abzunehmen und mir zu zeigen. „And I also have five grandchildren. They are over there.“ Miriam deutet auf eine Kommode, von der aus mich junge Gesichter in silbergerahmten Fotos anschauen. „Eat your cake, eat! And then we will go to my office.“

Inzwischen hat Miriams Mann den Raum betreten. Er stellt sich als ungarischer Jude vor. „I met my wife in a camp in Sweden“, sagt er nickend. Ich verstehe. Er teilt das Schicksal mit hunderttausenden ungarischer Juden, die noch in den letzten Kriegsmonaten nach Auschwitz deportiert wurden, auch noch als das Ende des Krieges deutlich abzusehen war. Offenbar möchte er nicht über seine Erfahrungen sprechen. Er blickt nur besorgt herüber zu seiner Frau und schaut dann mir in die Augen: „It’s not easy to talk about this, you know.“

Wir gehen in Miriams Büro. Während das Wohnzimmer lichtdurchflutet von einer großen Fensterwand gewesen ist, ist es hier deutlich dunkler. Die Regale an den Wänden sind vollgestopft mit Büchern. Dazwischen wieder unzählige Fotos von Miriams Familie: Die Tochter beim Tanzen, die Enkel beim Spielen im Garten, die Enkel etwas älter, jetzt cool mit gestylten Haaren und Sonnenbrille. Ich entdecke auch zwei Portraits in schwarz-weiß. Ein Mann und eine Frau sind darauf zu erkennen. Ich frage, wer diese beiden Menschen seien, und Miriam beginnt zu erzählen.

„I was born in Krakow. This is my father and this is my mother. My father was a rich man. Here on this photo I am walking on the street with my mother. Do you see the nice dress I am wearing? We were doing very well. Ah! Erinnerungen…“ Ich deute auf ein anderes Foto und frage: „And this is your brother?“ – „Yes, this was my brother. Aih! Schicksalstage…“ – „What happened to them?“ – „They were killed!“ Miriam schaut mich mit großen Augen an. „They were killed. My father was taken to Belzec and my brother was also taken away from us.“ Belzec – das ist eines der Todeslager in Polen. Wer an den Holocaust denkt, denkt oft sofort an Auschwitz. Das liegt daran, dass Auschwitz sowohl Vernichtungslager- als auch Arbeitslager gewesen ist. Von dort gab es Überlebende, die berichten konnten, was ihnen widerfahren ist. In Belzec hingegen wurden die ankommenden Menschen sofort vergast. In einer Kammer, in die Abgase eines Motors geleitet wurden. Von den über 400.000 Menschen, die in dieses Lager gebracht wurden, haben nur zwei überlebt. Miriams Vater überlebte nicht.

„This picture is the only thing that is left from my father. Vater. You know, when I met my husband in Sweden we spoke in German. But not anymore. Das war einmal.“ Miriam schüttelt den Kopf und senkt den Blick, so wie sie es schon bei unserem ersten Aufeinandertreffen getan hat. „And what about your brother?“, frage ich. „My brother? I don’t know. I have seen him for the last time shortly before we were tranferred to Plaszow.“ Plaszow – jeder kennt dieses Lager aus dem Film Schindler’s Liste. Jeder erinnert sich auch an den sadistischen Lagerkommandanten Amon Göth und an das Bild, wie er ohne Hemd rauchend auf seinem Balkon steht mit einem Gewehr auf dem Arm. Als Miriam den Namen Amon Göth erwähnt, zittert sie am ganzen Körper. Dies ist also das Bild des Deutschen, das sie hat erschrecken lassen, als wir uns das erste mal getroffen haben. Mir wird klar, wie schwer es Miriam gefallen sein muss, mich zu sich nach Hause einzuladen. Wie schwer es ihr gefallen sein muss, ihr Bild eines Deutschen zu überwinden und in mir nicht Amon Göth zu sehen. Ihr Mann hat recht: „It is not easy to do this.“ Nicht nur, weil es generell schwierig ist, über solch traumatische Erlebnisse zu sprechen, sondern auch, weil es in diesem Falle besonders schwierig ist, mit einem Deutschen darüber zu sprechen.

„The photos are the only thing that is left. When my aunt and uncle were deported, I suddenly had to take care of my three cousins. They were shot right in front of my eyes because they were too young to work. I was 14. I do not have any pictures of them. Sometimes I think I should have gone with them, like Janusz Korczak went with his children. But then they would not be here.“ Miriam zeigt auf die Fotos von ihren Töchtern und den Enkelindern. „Aih! Erinnerungen…

Miriam berichtet von der Räumung des Lagers Plaszow. Vom Überleben in Auschwitz. Vom Todesmarsch nach Bergen-Belsen. Vom Tod ihrer Mutter. Von der Befreiung. „Someone came and said: ‚The war is over’, and I said: ‚What now? But now it’s too late! Everyone is dead!’ I weighed only 27 kilo. I didn’t want to live. I was lying in a hospital and I overheard the converstaion of two Germans saying: ‚Das kann nicht richtig sein. Davon haben wir nicht gewusst.’ That was the moment when I decided that I am going to live and that I will tell my story. And now I told it to you. Erzählen…“ Miriam blickt mich an. Ich schweige und erwidere den Blick. „And you have blue eyes and I have blue eyes“, sagt Miriam und lächelt. „We are not so different.“

Miriam ist heute Schriftstellerin. Sie hat 11 Bücher veröffentlicht, die in 13 Sprachen übersetzt worden sind. Ich werde im kommenden Sommer nach Polen fahren. In meinem Gepäck werde ich einen Zettel mit der Adresse von Miriams Elternhaus in Krakau haben. Ich habe ihr versprochen, ein Foto für sie zu machen. Als ich mich verabschiede, sagt Miriam zu mir: „Good bye. And maybe… we can be friends.“

Eine Antwort zu ““Auf Ihren Schultern lastet eine ungeheure Schuld””

  1. Isa sagt:

    Lieber Moritz, sehr, sehr bewegend. Danke für diese packende Erzählung einer unbeschreiblichen Begegnung. Viele Grüße aus Afrika von Isabel

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