Ich dachte ich melde mich mal wieder. Aber es ist schwer alles erlebte und gesehene in eine E-Mail bzw. ueberhaupt in Worte zu fassen. Aber ich will euch ja nicht im Trockenen stehen lassen und trotzdem ein wenig berichten.
Nach anfaenglichen Einlebungs/Eingewoehnungsschwierigkeiten geht es mir inzwischen schon viiieeelll besser. Es ist zwar immer noch schwierig alleine, aber was heisst schon alleine. Hier sind schliesslich sooooo viele Kinder und Jugendliche. Es war nur erst mal schwer den enormen Kulturschock allein zu ueberwinden.
Am einfachsten ist es fuer mich mit den juengeren umzugehen. Ich spiele oft verschiedene Ballspiele mit ihnen, Hascher, Stille Post, Kartenspiele, singe und tanze. Ich finde ihre Tanzart ja faszinierend. Ich werde das auch lernen und dann zeig ich es euch!!!
Tagsueber wenn die Kinder in der Schule sind, lerne ich oder bessergesagt versuche ich mich an Kannada (das ist die Sprache des Bundesstaates Karnaraka). Und sie ist nicht ganz einfach. Die haben ja keine Buchstaben wie wir. Fuer uns wirjkt ds eher wie eine geheime Zeichensprache. Aber gerade deswegen ist es schwer sie zu erlernen, aber unglaublich wichtig, da viele Kinder verschiedene indische Sprachen beherrschen, aber kaum Englisch. Das heisst es handelt sich im Moment mehr um ein Hand- und Fuss Training. J Nach dem Kannadaunterricht geht es dann zum Naehen. Ich und naehen… manche warden sich jetzt ins Faeustchen lachen. Und ihr habt auch Recht. Ich bin immer noch genauso undgeschickt und ungeduldig wie als kleines Kind. Hab in dieser Hinsicht leider gar nichts von meiner Mama geerbt. Aergerlich, aber ich gebe trotzdem mein Bestes um es zu erlernen. Wie gesagt, auch das ist nicht gerade einfach. Normaler Weise laufen wir von A nach B, aber meine persoenliche Begleiterin, Sawitri, ist hingefallen und kann jetzt kaum mehr auftreten. Also haben wir in den letzten Tagen die Rikschaw genommen. Ich habe euch noch nie erklaert, was eine Rikshaw – die Inder bezeichnen es als Auto – ueberhaupt ist. Das ist ein dreiraedriges Gefaehrt, das mit einem Motor betrieben wird und massen Abgase in die Luft pumpen. Sie haben weder Tueren noch Fenster, sind also total offen, sodass man die ganze Zeit den Schadstoffen und Abgasen von draussen ausgesetzt ist und fuer unser Verstaendnis denkt man, dass sie bald auseinanderfallen. Normaler Weise passen ca. 3 Personen dahinein. Man darf natuerlich nicht mit grossartiger Beinfreiheit rechnen, aber wenn die Schule zu Ende ist, sieht man oft an die 10 Kinder in so ein Ding gequetscht und die Ranzen und Rucksaecke sind draussen dran gebaumelt. Ich mag die Teile, die sind echt exotisch. Schade ist es trotzdem ein bisschen gewesen, dass wir nicht zum Tailoring Center (das ist dort, wo der Naehkurs und das Office vom Pater Anil ist) gelaufen sind, denn das war in letzter Zeit so ziemlich die einzige Bewegung, die ich genossen habe. Gestern jedoch habe ich auf der Terasse geturnt und abends war ich joggen! Und dann habe ich mich gleich besser gefuehlt. Die Terasse ist der schoenste Ort hier. Da weht immer eine leichte Brise, man wird vom Rauch verschont und morgens ist sie sogar schattig. Zu dem Rauch: Da sie ja immerzu ueber offenem Feuer heizen und kochen und alles und das den ganzen Tag hindurch, da sie 4 warme scharfe Mahlzeiten pro Tag zu sich nehmen, brennt unablaessig mindestens die Glut. Der ganze Hof wird zugeraeuchert und morgens dringt es sogar ab und zu in mein Zimmer, das wohlgemerkt auf der anderen Seite liegt. Das ist nicht so eine angenehme Art, geweckt zu werden, wie ihr euch sicher vorstellen koennt. Ja ich weiss Fenster schliessen waere ne Option, aber das haelt man nachts in der schwuelen Hitze hier mit geschlossenem Fenster nicht aus.
Danach gehts zurueck ins Hostel, wo allmaehlich alle von der Schule zurueckkehren. Dann wird entweder Holz zum trocknen ausgelget ode res gibt andere Aufgaben fuer die Kinder, aber oft ist das Spielzeit. Da kann ich mich dann endlich mal mit den Kleinen und Grossen beschaeftigen. Das ist ausser eine halbe Stunde am Abend auch schon fast alles an Freizeit, die sie haben. Ansonsten gibt es entweder essen oder sie muessen lernen. Das ist echt Wahnsinn, wie viel Zeit sie mit ihrer Bildung verbringen. Das habe ich nicht mal waehrrend des Abiturs gemacht. Der Tagesablauf in der Woche ist folgender Massen:
5:30 Uhr aufstehen
6:00 Uhr Yoga
6:30 Uhr Studytime
7:30 Uhr Putzen
8:00 Fruehstueck
Dann fertig machen fuer die Schule, die beginnt fuer alle unterschiedlich. Da gehoert naturelich auch das Mittagessen mit rein.
16:00 Uhr Rueckkehr aus der Schule
16:30 Uhr Spielzeit oder Aufgaben
17:30 Uhr teatime
18:15 Uhr Studytime
20:30 Uhr Abendessen
21:00 Uhr Singen, Tanzen, Spiele
21:30 Uhr Studytime
22:30 Uhr schlafen gehen (das gilt genauso fuer die Kleinen)
Und dann sollen sie am naechsten Tag Examen schreiben und Hoechstleistung erzielen. Ist ganz schoen hart das Leben, aber gleichzeitig auch faszinierend, den sie gehen gern zur Schule und lernen gern. Sie wollen etwas erreichen. Dieser enorme Ehrgeiz und Wille ist in Deutschland so manchem fremd. Sie muessen kaempfen. Das sind, in den Augen der Inder Dhalits (Unberuehrbare), sie kommen aus der untersten Kaste, ihnen ist nichts in die Wiege gelegt.
Es ist kaum vorstellbar, dass es so einen Ort auf der Welt ueberhaupt gibt. Indien scheint eine eigene kleine Welt zu sein. Hier laeuft alles verkehrt herum.
Ich dachte ja am Anfang alle Jungs sind hier schwul oder so. Die laufen Hand in Hand herum, als ob es das alltaeglichste von der Welt ist. Paerchen hingegen sieht man nie in der Oeffentlichkeit, zumindest keinerlei Koerperkontakt. Die Fahrraeder dienen hier oftmals nicht als Fortbewegungsmittel fuer Personen, und wenn dann sitzt selten jemand alleine drauf, vorausgesetzt das Ding hat einen Sattel, ansonsten wird der Gepaecktraeger als solcher umfunktioniert ode rim Stehen gefahren. Das Fahrrad wird jedoch auch oft als Transportmittel fuer Fruechte, Gemuese und andere Waren verwendet. Da kann es schon mal sein, dass an die 50 Kokosnuesse draufpassen. Ein anderes Transportmittel sind ganz einfache aus Holz gebaute Wagen, die man vor sich herschiebt oder Ochsenkarren.
Man sieht auch viele schreckliche Dinge: Viele haben offenbar keine Toilette, geschweige den Papier, die erledigen das ja mit der Hand, deswegen muss ich echt aufpassen, dass ich nicht mal meine linke Hand zum Essen benutze. Aber da sieht man eben auch haeufig, dass so manchereins am Strassenrand seine Geschaefte erledigt. Das ist nicht gerade lecker, aber was will man machen?
Ich habe so viel Gesellschaft, dass ich nicht mal diese Mail in Ruhe schreiben kann. Aber ich will mich auch nicht erst um 11 abends hinsetzen. Die kommen staendig an und wollen Computerspiele spielen – haha als ob ich das erlauben wuerde. Bisschen streng muss man manchmal mit den sein, sonst verscherzt man es sich. Ausserdem wollen die immer ein ekliges Video sehen von einer Frau, die zu einer Schlange gemacht wurde, weil sie sich weigerte den Koran zu lessen. Sie lebt in Bangalore und sieht total gruselig aus. Buah, aber das Video zeige ich den Kinning mit Sicherheit nicht. Ich wollte es auch nicht sehen, aber irgendwie haben die sich erst ein Tanzvideo angesehen und da stand ich grade mit dabei. Das sind echt Gruselgeschichten hier. Aber sowas scheint es hier ab und zu zu geben. Es gibt noch mehr Geschichten, die ich euch erzaehlen koennte, aber ich find das so grausam, ich will euch jetzt damit verschonen.
Reden wir lieber von was Schoenem. Trotz allem Leid und allen Schrecklichkeiten lachen sie immer – den ganzen Tag strahlken sie wie der Sonnenschein hoechstpersoenlich.
Ich bin so froh, dass ich morgens und nachmittags was anderes essen kann. Mir faellt es aber echt schwer morgens schon irgendwelches scharfes Zeug zu essen. Da become ich immer ein Ei und Toastschnitten. Das ist lecker. Vielleicht werde ich mich irgendwann dran gewoehnen, aber dazu brauche ich meine Freudensgefaehrtin J Nachmittags esse ich eine oft eine Banane, Apfel oder Kokosnuss und trinke, wie alle hier einen Tee mit Milch oder einen bombastisch leckeren Kaffee. Kokosnuesse essen die hier uebrigens gar nicht. Die nutzen die nur zum Kochen. Die haben gelacht, als ich ihnen sagte, ich liebe Kokosnuss und Kokosnusswasser. Das ist hier wohl nicht so ueblich, aber sie geben es mir jetzt trotzdem ab und zu, was mich natuerlich freut. Hihihihihi
Ich habe mich mal erkundigt. Der Bindi auf der Stirn ist einfach nur culture, den haben alle. Manche haben an der Stelle auch ein Tatoo, in Form eines Punktes. Manchmal sieht man auch Frauen mit einem richtig hellroten Punkt zusaetzlich. Das heist, sie sind verheiratet, aber das machen nicht alle. Christen ueberhaupt nicht, nur manche Hindus und Muslime. Zehenringe bedeuten ebenfalls verheiratet. Ich habe mir schon welche zugelegt fuers Reisen, dann werde ich hoffentlich in Ruhe gelassen
Bald geht es ja schon auf zur ersten Reisestation: Hampi! Da muss ich mal noch ein bisschen was planen. Freu mich schon drauf. Jetzt bin ich ja erst mal nur noch 5 Tage hier. Die Kinder haben bald Ferien und da werde ich hier nicht gebraucht – also werde ich Indien erkunden!!!
So ich denke mal, jetzt hattet ihr vorerst genug zu lesen. Ich habe noch vieles zu erzaehlen, aber ich verspreche: Die Fortsetzung folgt!!! Fuer heute wars das.
Liebste Gruesse von Sarah




