Angekommen in Kakuma…

04. August 2010 geschrieben von Peter Hochrainer

Liebe Mitreisende, BegleiterInnen und Interessierte!

Nach intensivem Abschiednehmen von Oesterreich im schmerzlich-freudigem Bewusstsein um soviele gute Verbindungen bin ich seit zwei Wochen in Kakuma, Nordwestkenia. Neben der Kleinstadt desselben Namens gibt es in dieser trocken-heissen Halbwueste seit ca. 20 Jahren ein Fluechtlingslager (Buergerkriege und Hungersnoete im Sudan, in Aethiopien, Somalia, Uganda, Ruanda, Burundi und dem Kongo). Derzeit leben ca. 70.000 Fluechtlinge aus verschiedenen Laendern Ostafrikas in Kakuma, taeglich kommen einige Dutzend aus Somalia und dem Osten des Kongo dazu, wo taeglich gekaempft und vertrieben wird.

Ich bemerke, wie unterschiedlich die Fluechtlinge sind, sie erzaehlen von den unterschiedlichsten Muttersprachen, wie schwer es ist, sich untereinander (sprachlich und kulturell zu verstehen), die Spanne reicht von ultrakonservativen muslimischen Somali-Maennern bis hin zu sehr offenen Frauen aus dem Kongo. Die Zustaende im Lager variieren auch stark: Manche Leute scheinen inzwischen “heimisch” zu sein und betreiben  Geschaefte oder Restaurants aus Lehmziegeln mit festen Wellblechdaechern, es gibt zumeist 1 Gericht, je nach dem, was erhaeltlich ist, andere wohnen in einfachsten Ast-Plastikplanen-Huetten. Da Monatsende ist, sind lange Menschenschlangen an gewissen Punkten im Lager zu sehen, weil “Food-distribution” (Essensverteilung) nach UNHCR-”Ration-card-numbers”, einer Art Fluechtlingsausweis. Manche berichten, dass die Sicherheitslage schlecht sei, es gaebe naechtliche Attacken und Einbrueche…

Ich bin herzlich aufgenommen worden vom kleinen Team des Jesuit Refugee Service JRS (Siehe HIER!) und vorerst ganz in der Einarbeitungsphase: Kennenlernen der Fluechtlinge, ihrer Lebensumstaende, ihrer Geschichten, ihrer Beduerfnisse einerseits und andererseits verstehen, was JRS Kakuma macht. Bisher besuchte ich die 3 Tagesstaetten fuer geistig und mehrfach behinderte Kinder und Jugendliche (Tagesbetreuung, Beschaeftigungsangebote, sonderpaedagogische Foerderung), das Frauenhaus “save haven” fuer von Gewalt und Zwangsheirat bedrohte Frauen, Maedchen und Kinder, hoerte einiges ueber die Ausbildungsstipendien fuer zahlreiche junge Fluechtlinge und die vielen Aktivitaeten des “Counseling-Departements” (Beratungs-Einrichtungen, alternative medizinische Angebote wie Entspannungs- und Fussreflexzonenmassage). Erstaunlich ist, dass die verschiedenen JRS-Projekte von Fluechtlingen selbst getragen werden und JRS v. a. Fluechtlinge ausbildet, anleitet (coaching) und anstellt, damit diese gestaerkt werden und ihr Wissen und ihre Faehigkeiten an andere weitergeben koennen.

Der JRS-Leitspruch, den ich immer wieder hoere, soll die Taetigkeitsbereiche umreissen: JRS will mit den Verwundbarsten der Verwundbaren unter den Fluechtlingen arbeiten: mit psychisch kranken, geistig und mehrfach behinderten Menschen, von Gewalt bedrohten Frauen, Maedchen und Kindern, insofern als JRS diese Menschen begleitet (to accompany), sie in ihren Beduerfnissen unterstuetzt (to serve) und fuer ihre Rechte eintritt (to advocate).

Letzte Woche begleitete ich einige mit JRS arbeitenden Fluechtlinge in verschiedene Teile des sich ueber eine Laenge von ca. 10 km erstreckenden Lagers im Rahmen einer Erhebung, was denn die genauen derzeitigen Beduerfnisse und Probleme, Aengste und Ressourcen der neu hinzugekommenen und schon laenger in Kakuma lebenden Fluechtlingen sind.

Was ich unter anderem sah: weisse UNHCR-Plastikplanen ueber Aesten als “Haeuser”, 1e Frau aus dem Kongo mit 6 Kindern, alle sitzen auf einer Plastikmatte am sandigen Boden unter einem der wenigen Baeume, die Sonne sengt, Steine liegen herum und 3 zerbeulte Kochtoepfe, 1e Plastikschuessel halbvoll mit Maiskoernern, 2 Wasserkanister, eine tragbare Feuerschale, etwas Feuerholz, Plastiksandalen, alle Kinder laufen barfuss trotz der giftigen Skorpione, aber die sind eher nachtaktiv und ein Problem fuer die am Boden Schlafenden, die Frau traegt ein blau-gruenes Tuch um den Kopf gewickelt und einen Wickelrock derselben Farbe, ihr weiss-rot-blau gestreiftes T-Shirt ist schmutzig, den 3 juengsten Kindern, die in halbzerrissenen Unterhosen mit den Maiskoernern spielen, steht der Rotz unter den Nasenloechern, der Bauch des vorletzten ist stark aufgeblaeht, die linke Handflaeche des juegsten Kindes bis ueber alle Knoechel hinauf schwarz verschorft, der aelteste Sohn sitzt still neben der Frau und lacht mich immer wieder an, eine leichte, heisse Brise weht den unangenehmen Geruch der nahen, offenen Latrine heran. Die Frau ist seit einem Monat in Kakuma, berichtet von Krieg, Angst, Vergewaltigung, Flucht, Alptraeumen, will endlich beschuetzt sein…

Ich bin verwirrt, ueberfordert, herausgefordert und sprachlos…

Danke fuer Eure Gedanken und Gebete! Ahsante sana (Vielen Dank, Kiswahili)!

Peter

PS: Wer fuer die Projekte von JRS-Kakuma spenden will:

Spendenkonto “Menschen für andere – Jesuitenaktion”

PSK KontoNr.: 7086 326

BLZ: 60 000

BIC: OPSKATWW

IBAN: AT52 6000 0000 0708 6326

Verwendungszweck “Peter Hochrainer JRS Ostafrika”

Danke!

10 Antworten zu “Angekommen in Kakuma…”

  1. Veronika Cadet sagt:

    Lieber Peter!
    Danke für deine sehr bildhafte und annähernd vorstellbare Schilderung deiner Arbeit , der Situation , dem Land, den Menschen und der Sprache. Mit großer Aufmerksamkeit habe ich es gelesen.
    Ich schicke Dir weiterhin meine Gedanken und Gebete!
    Paß gut auf dich auf und vergiß uns bitte nicht, die wir hier im äußerlich so stabilen , innerlich auf andere Art zerbrechlichen Norden leben .
    Ich umarme Dich
    Alles Gute
    Veronika

  2. Hans sagt:

    Hallo Peter,

    habe mich gefreut über Deine erste Nachricht und daß Du gut angekommen bist. Falls Du konkrete Hilfsprojekte hast, könnte man über http://www.betterplace.org Gelder bekommen. Ich kann da gerne helfen falls gewünscht.

    Weiterhin alles Gute und hoffe auf weitere Berichte,
    liebe Grüße, Hans

  3. Christoph Falschlunger sagt:

    Lieber Peter!

    Danke!
    Beim Lesen von “Angekommen in Kakuma…” bin ich sehr nachdenklich geworden. Ich fühle mich zugleich auch sehr bereichert von deinen ersten schriftlichen Eindrücken aus Kakuma! Deshalb bereichert, weil es mir die soooo großen Unterschiede auf unserer Welt wieder einmal vor Augen führt.
    Mein so “reiches” Leben in Österreich braucht immer wieder den Blick auf Armut, Gewalt, Tot, Vertreibung, …, um mein derzeitiges Leben zu verändern bzw. es sehr bewusst zu leben; mir bewusst zu machen, dass ich trotz meiner persönlichen Tiefschläge eine so “reiche” Umgebung vorfinde – bestehend aus meiner Frau, meinen Freunden, Glauben, Geld zum Leben, soziale Netzwerke, Hobbys, Krankenversorgung, …

    Danke für deine Nachrichten, die mich wieder bewusster mein Leben leben lassen. Ich hoffe, auch in irgend einer Form helfen zu können…

    Alles erdenklich Gute und liebe Grüße,
    Christoph

  4. Lieber Peter,

    schön etwas von dir zu hören!! Da ich gerade in den aller-aller letzten Vorbereitungen stecke (morgen fliege ich ab) tut es gut zu lesen, dass es “da draussen” eben auch noch andere gibt, die in der gleichen Richtung unterwegs sind.
    Ich denke noch oft an unser gemeinsames Musizieren und hoffe, dass du eine erfüllende Zeit in Kakuma erleben kannst.
    Ich schicke dir viel Kraft und gute Gedanken, damit du auch alle Eindrücke (die schönen und die weniger angenehmen) verarbeiten kannst…

    Liebe Grüsse (noch aus der Schweiz, bald aus Kalimpong) Rahel

  5. Patrizia sagt:

    Lieber Peter,

    danke fürs Teilen. Deine Zeilen berühren mich sehr, lassen sie doch eine Wirklichkeit ein Stück näher kommen, ein Stück greifbarer und spürbarer werden, die sonst so weit weg scheint.
    Ich habe das Gefühl nachdem ich deine Zeilen gelesen habe, etwas von deiner Verwirrung und Sprachlosigkeit spüren zu können.
    Ich denk an dich und wünsch dir immer wieder innere und äussere Schutzräume, damit Zuversicht und Hoffnung wachsen können.

    Alles Gute für dich und herzliche Grüße, Patrizia

  6. Jutta sagt:

    Hallo lieber Peter,

    ich habe Deinen Bericht gerade gelesen, mir ist kalt geworden, gerade weil ich Dich so gut kenne, ist Dein Bericht so real für mich! Ich wünsche Dir viel Kraft und Segen für diese anspruchsvolle Arbeit und begleite Dich im Gebet!

    Viele liebe Grüße aus dem Ländle von Jutta!

  7. Karin & Tom sagt:

    Lieber Peter,

    Gruessen Dich aus dem noerdlichen Teil Afrikas. Wir hoffen, Dir geht es soweit ganz gut und Du hast keinen allzu starken Kulturschock.

    Danke fuer Deine Nachricht, man kann sich gut vorstellen, wie es dort
    aussieht und zu geht.
    Wir arbeiten in einer Kindertagesstaette. Dort ist eine Mutter und Ihre beiden Kinder. Sie arbeitet dort als Putzfrau oder so. Zumindest sitzt sie immer an der Pforte.Langsam kennt man die Menschen und hat eine kleine Bindung zu Ihnen aufgebaut. Der kleinere Sohn war vor kurzem gesundheitlich sehr sehr schlecht beinander – man dachte, er wird das nicht lange ueberleben. Wir haben uns so hilflos gefuehlt, weil wir nicht wussten, wie man helfen soll. Soll man Geld geben? Soll man gesunde Lebensmittel kaufen? Aber die Familie wird von den Jesuiten schon unterstuetzt, mit Medizin und allem was sie eben benoetigen? Wie hilft man denn nun richtig?

    Peter, wir wuenschen Dir alles Liebe, melde Dich bald wieder und vielleicht schaffen wir es ja, dass wir uns alle im Februar hier irgendwo zentral treffen koennen.

    Liebe Gruesse und viel Kraft senden Dir
    Karin & Tom

  8. elmar sagt:

    Hallo Peter ,

    danke für Deine Nachricht – macht einen wieder mal bewußt, daß wir wie die Maden im Speck leben.
    Ich bewundere Deinen Idealismus und wünsche Dir viel Kraft !

    Schade daß wir uns vor deiner Abreise nicht mehr getroffen haben.

    Elmar

  9. Christian sagt:

    Hallo Peter,

    danke für dein Engagement – auch mich machen deine Zeilen nachdenklich und betroffen. Ich glaube, dass diese Weisheit nun passt: Gib mir den Mut, Dinge, die ich verändern kann zu verändern. Gib mir die Kraft, Dinge, die ich nicht verändern kann stehen zu lassen. Und gib mir die Weisheit, die beiden unterscheiden zu können.
    Christian

  10. Lieber Peter,
    es hat mich sehr gefreut dass deinen ersten Rundbrief zu lesen. Ich hoffe du bist auch so gut angekommen in Kakuma und hast die Zeit dich erst einmal umzuschauen und alles kennen zu lernen. Ich glaube du hast genau die richtige Einsatzstelle gefunden (wie wir ja alle :) ) und hast auch zu den Menschen einen Draht. Bleib tapfer und lass von dir und deiner Arbeit hören! Ich hoffe auch bald meinen ersten Rundbrief schreiben zu können, aber im Moment bin ich etwas überwältigt von den ersten Eindrücken hier. Heute waren wir bei einer Familie, die zu acht in einem Raum schläft und gerade weder Nahrung noch Decken hatte, weil der Vater wg. fehlender Papiere seinen Lohn nicht bekommen hat. Dabei ruhig zu bleiben ist nicht einfach..

    Alles Gute und Gottes Segen,
    Matthias

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