Archiv für August 2010

Der Wahnsinn begann mit einem Obstsalat…

Montag, 30. August 2010

Dennoch soll dies hier keine kulinarische Ausführung werden. Schließlich schien es auch für mich unglaublich, dass ein Obstsalat schwere Folgen nach sich ziehen konnte. Zumindest beschränkte er sich darauf, mich nur vier Tage lang mit Bauchschmerzen ans Bett zu fesseln und mir so zu ermöglichen, mein kleines Zimmerchen besser kennen zu lernen. 10m2 und stahlgraue, leere Wände konnten durchaus eine beruhigende Wirkung entfalten. Doch dann ging es wieder aufwärts. Ich erhob mich aus den schier endlosen Tagen meiner Lethargie, um zu neuen Taten aufzubrechen.

Wie jeden Tag begann es mit einem halbstündigen Morgenspaziergang durch die wunderbar motorisierte Innenstadt Piuras. Wenn man gerade nicht drohte, überfahren zu werden, war es dennoch möglich, denn unzähligen Marktständen seine Aufmerksamkeit zu schenken. Dabei reichte das Repertoire von tropischen Früchten über mechanischen Ersatzteilen bis zu Hühnerfüssen, die hier mit Freude als Suppeninhalt auslutscht  werden.  Aber auch Stände mit Affen, Gänsen und Nackthunden verströmen manchmal hier ihr bezauberndes Odeur und laden dennoch nicht weiter dazu ein, etwas zu verweilen.

Schließlich bei Manitos angekommen beginnt der Wahnsinn des Alltags. Der Abwechslung Willen gibt es verschiedene Stundenpläne  für die Wochentage, die weitere aufregende Ergänzungen nicht verwehren: Sei es eine Geburtstagsfeier, ein Sportfest mit anderen Schulen oder wieder einmal die suzidefährdeten Zwilline davon abzuhalten, sich von einer morschen Holzleiter zu stürzen. Sind diese Ereignisse bewältigt, kann es weitergehen mit den alltäglicheren Aufgaben. Ich lernte, dass man hier zum Volleyball geboren wird, man auch beim fünften Male nicht bereifen kann, dass neun minus eins acht sind und das Cajonunterricht bei Grundschulkindern doch einen bagestumpften Gehörsinn und eine große Portion Geduld erfordert. Dafür konnte das Fach der Karten und Pralinenproduktion auch schon einmal den Tag versüßen. Dabei können die Kinder sich mit dem Verkauf sogar noch ein Zubrot verdienen.

Ist der Nachmittag vorbei, ging es dann manchmal noch in die Ludothekas in den Armenviertel Piuras, wo es weder Strom noch Wasser gibt. Dennoch konnte man den Kindern mit Bewegungsspielen, Malsachen und Hilfe bei den Hausaufgaben immer wieder eine Freude machen. Eine andere Variante des Nachmittags war aber auch der Besuch der Peluqueria, wo ich den Mädchen, die hier eine Friseurinnenausbildung absolvieren, ab und an als Modell zur Verfügung stand.

Abends dann traf man sich gelegentlich mit anderen Freiwilligen, ging aus, genoss die immer wieder kehrenden Leichen  Salsarhytmen. Oder man beliebte, die Gastfamilie über Bräuche, Sitten, Gesellschaft und Politik Perus auszufragen, um dann schließlich erschöpft  ins Bett zu fallen.

Liebe Grüße sendet  euch,

Eure Anne

PS: Falls ihr mal Lust haben solltet, mir einen Brief zu schicken, meine Adresse ist Las Carolinas 181, Miraflores, Piura, Peru =)

Aufbruch

Freitag, 20. August 2010

Nachdem Visum, Arbeitserlaubnis und ärztliche Registrierung aus Simbabwe noch immer auf sich warten lassen, werde ich nun einmal nach Südafrika aufbrechen und mich in der Maria Ratschitz Mission über die AIDS Behandlung informieren. Mitte September ist die Weiterreise nach Simbabwe geplant. Berichte darüber findet ihr dann unter: www.jesuitenmission.at/blog

Tschüss Schweiz und Naamaaste India!

Donnerstag, 05. August 2010

Nun ist es also soweit! In ca. 5h sitze ich im Flugzeug nach München… und das ist nur der erste Zwischenhalt. Dort werde ich meine Mitreisende Valerie Tobergte treffen, die gemeinsam mit mir ein Jahr lang an der Gandhi Ashram School in Kalimpong arbeiten wird. Via Delhi fliegen wir dann nach Bagdogra, wo uns hoffentlich der Fahrer der Schule abholen wird…

Die letzten Tage waren durchzogen von sehr widerstreitenden Gefühlen: auf der einen Seite die grosse Vorfreude auf mein Abenteuer, auf der anderen Seite ein doch nicht ganz unbedeutender “Abschiedsschmerz”. Doch heute Morgen bin ich aufgewacht und ich wusste: ich bin bereit! Die Reise kann losgehen!

Auf meiner Homepage werde ich bald, wenn ich mich etwas eingelebt habe, die ersten Eindrücke aus Indien schildern. Ich freue mich auch über “Post” aus der ganzen Welt!

Die Homepage Adresse: www.rahel-in-kalimpong.jimdo.com

Nun also definitiv: Tschüüss und bis bald in Indien! Rahel

Angekommen in Kakuma…

Mittwoch, 04. August 2010

Liebe Mitreisende, BegleiterInnen und Interessierte!

Nach intensivem Abschiednehmen von Oesterreich im schmerzlich-freudigem Bewusstsein um soviele gute Verbindungen bin ich seit zwei Wochen in Kakuma, Nordwestkenia. Neben der Kleinstadt desselben Namens gibt es in dieser trocken-heissen Halbwueste seit ca. 20 Jahren ein Fluechtlingslager (Buergerkriege und Hungersnoete im Sudan, in Aethiopien, Somalia, Uganda, Ruanda, Burundi und dem Kongo). Derzeit leben ca. 70.000 Fluechtlinge aus verschiedenen Laendern Ostafrikas in Kakuma, taeglich kommen einige Dutzend aus Somalia und dem Osten des Kongo dazu, wo taeglich gekaempft und vertrieben wird.

Ich bemerke, wie unterschiedlich die Fluechtlinge sind, sie erzaehlen von den unterschiedlichsten Muttersprachen, wie schwer es ist, sich untereinander (sprachlich und kulturell zu verstehen), die Spanne reicht von ultrakonservativen muslimischen Somali-Maennern bis hin zu sehr offenen Frauen aus dem Kongo. Die Zustaende im Lager variieren auch stark: Manche Leute scheinen inzwischen “heimisch” zu sein und betreiben  Geschaefte oder Restaurants aus Lehmziegeln mit festen Wellblechdaechern, es gibt zumeist 1 Gericht, je nach dem, was erhaeltlich ist, andere wohnen in einfachsten Ast-Plastikplanen-Huetten. Da Monatsende ist, sind lange Menschenschlangen an gewissen Punkten im Lager zu sehen, weil “Food-distribution” (Essensverteilung) nach UNHCR-”Ration-card-numbers”, einer Art Fluechtlingsausweis. Manche berichten, dass die Sicherheitslage schlecht sei, es gaebe naechtliche Attacken und Einbrueche…

Ich bin herzlich aufgenommen worden vom kleinen Team des Jesuit Refugee Service JRS (Siehe HIER!) und vorerst ganz in der Einarbeitungsphase: Kennenlernen der Fluechtlinge, ihrer Lebensumstaende, ihrer Geschichten, ihrer Beduerfnisse einerseits und andererseits verstehen, was JRS Kakuma macht. Bisher besuchte ich die 3 Tagesstaetten fuer geistig und mehrfach behinderte Kinder und Jugendliche (Tagesbetreuung, Beschaeftigungsangebote, sonderpaedagogische Foerderung), das Frauenhaus “save haven” fuer von Gewalt und Zwangsheirat bedrohte Frauen, Maedchen und Kinder, hoerte einiges ueber die Ausbildungsstipendien fuer zahlreiche junge Fluechtlinge und die vielen Aktivitaeten des “Counseling-Departements” (Beratungs-Einrichtungen, alternative medizinische Angebote wie Entspannungs- und Fussreflexzonenmassage). Erstaunlich ist, dass die verschiedenen JRS-Projekte von Fluechtlingen selbst getragen werden und JRS v. a. Fluechtlinge ausbildet, anleitet (coaching) und anstellt, damit diese gestaerkt werden und ihr Wissen und ihre Faehigkeiten an andere weitergeben koennen.

Der JRS-Leitspruch, den ich immer wieder hoere, soll die Taetigkeitsbereiche umreissen: JRS will mit den Verwundbarsten der Verwundbaren unter den Fluechtlingen arbeiten: mit psychisch kranken, geistig und mehrfach behinderten Menschen, von Gewalt bedrohten Frauen, Maedchen und Kindern, insofern als JRS diese Menschen begleitet (to accompany), sie in ihren Beduerfnissen unterstuetzt (to serve) und fuer ihre Rechte eintritt (to advocate).

Letzte Woche begleitete ich einige mit JRS arbeitenden Fluechtlinge in verschiedene Teile des sich ueber eine Laenge von ca. 10 km erstreckenden Lagers im Rahmen einer Erhebung, was denn die genauen derzeitigen Beduerfnisse und Probleme, Aengste und Ressourcen der neu hinzugekommenen und schon laenger in Kakuma lebenden Fluechtlingen sind.

Was ich unter anderem sah: weisse UNHCR-Plastikplanen ueber Aesten als “Haeuser”, 1e Frau aus dem Kongo mit 6 Kindern, alle sitzen auf einer Plastikmatte am sandigen Boden unter einem der wenigen Baeume, die Sonne sengt, Steine liegen herum und 3 zerbeulte Kochtoepfe, 1e Plastikschuessel halbvoll mit Maiskoernern, 2 Wasserkanister, eine tragbare Feuerschale, etwas Feuerholz, Plastiksandalen, alle Kinder laufen barfuss trotz der giftigen Skorpione, aber die sind eher nachtaktiv und ein Problem fuer die am Boden Schlafenden, die Frau traegt ein blau-gruenes Tuch um den Kopf gewickelt und einen Wickelrock derselben Farbe, ihr weiss-rot-blau gestreiftes T-Shirt ist schmutzig, den 3 juengsten Kindern, die in halbzerrissenen Unterhosen mit den Maiskoernern spielen, steht der Rotz unter den Nasenloechern, der Bauch des vorletzten ist stark aufgeblaeht, die linke Handflaeche des juegsten Kindes bis ueber alle Knoechel hinauf schwarz verschorft, der aelteste Sohn sitzt still neben der Frau und lacht mich immer wieder an, eine leichte, heisse Brise weht den unangenehmen Geruch der nahen, offenen Latrine heran. Die Frau ist seit einem Monat in Kakuma, berichtet von Krieg, Angst, Vergewaltigung, Flucht, Alptraeumen, will endlich beschuetzt sein…

Ich bin verwirrt, ueberfordert, herausgefordert und sprachlos…

Danke fuer Eure Gedanken und Gebete! Ahsante sana (Vielen Dank, Kiswahili)!

Peter

PS: Wer fuer die Projekte von JRS-Kakuma spenden will:

Spendenkonto “Menschen für andere – Jesuitenaktion”

PSK KontoNr.: 7086 326

BLZ: 60 000

BIC: OPSKATWW

IBAN: AT52 6000 0000 0708 6326

Verwendungszweck “Peter Hochrainer JRS Ostafrika”

Danke!