“Was zum… recherchierst du denn in Kambodscha über Guinea-Bissau?” – so reagierte eine Freundin auf eine E-Mail, in der ich ihr erzählt hatte, was ich im Moment hier so treibe. Recherche in Sachen Guinea-Bissau? Nicht gerade nahe liegend, schließlich befinde ich mich in Südostasien und nicht in Afrika. Doch zur Erklärung für all jene, die sich ebenfalls über meine, zugegeben, seltsam anmutende Beschäftigung wundern mögen, kann ich sagen, dass in den vergangenen Wochen auch Recherche zu Kambodscha mit auf meinem Programm stand. Zu insgesamt 32 Ländern aus fast allen Erdteilen galt es Hintergrund- informationen zu sammeln und in entsprechend vielen Fact Sheets zusammenzustellen. Eines haben all diese Länder gemeinsam: In ihnen leben Menschen, die Opfer von Landminen, Streubomben oder anderen „ERW“ (Explosive Remnants of War) geworden sind. Allein hier in Kambodscha sind es geschätzte 44 000. Viele von ihnen bleiben mit ihrer Behinderung auf sich allein gestellt, andere wiederum haben das Glück, etwa durch den Jesuit Service Unterstützung in Form einer Ausbildung oder eines Rollstuhls zu erhalten.
Einen Überblick über den Umfang der „Victim Assistance“, also der Opferunterstützung, in den von Minen und Streubomben betroffenen Ländern zu gewinnen, dazu sollen die erwähnten Fact Sheets einen Beitrag leisten. Den Auftrag, sie zu erarbeiten, hatte meine „Chefin“, Sr. Denise, Ende April von einer Tagung in Oslo für mich mitgebracht. Das Ergebnis vieler daraus resultierender Stunden Arbeit am Computer und im Internet hat sie gestern zu einer weiteren Tagung mit nach Chile genommen. Während ich nur „weltweit“ recherchiert habe, ist Sr. Denise tatsächlich weltweit unterwegs.
Seit vielen Jahren gehört sie zum Management Committee der International Campaign to Ban Landmines (ICBL), die sich für ein Verbot von Antipersonenminen und neuer- dings auch Streubomben einsetzt. 1997 wurde der Kampagne der halbe Friedensnobelpreis zuerkannt; die andere Hälfte ging an deren Gründerin, Jody Williams. Den der Kampagne verliehenen Preis hütet Sr. Denise höchstpersönlich. Entgegengenommen hat ihn damals Reth, der schon in meinem Karfreitagsbeitrag vorgestellte Vorarbeiter unserer Behinderten- werkstatt – er ist einer der Botschafter der Kampagne. Bei der Preisverleihung ebenfalls schon mit von der Partie war Kosal, die heute 24-jährige ICBL-Jugendbotschafterin.
Ich durfte die beeindruckende junge Frau zusammen mit einer Gruppe Behinderter vor kurzem auf einen Ausflug zu den Tempeln von Angkor begleiten. Dass mir in Kambodscha waschechte Friedensnobelpreisträger begegnen würden, hatte ich nicht erwartet. Eine gewisse Ehrfurcht lässt sich da nicht verleugnen…
1997 war es der ICBL innerhalb kürzester Zeit gelungen, einen Vertrag zum Verbot von Antipersonenminen zu erwirken, der bis heute von 156 Staaten unterzeichnet wurde. Ihr aktuellstes Projekt im Rahmen
der Cluster Munition Coalition ist eine Konvention zu Streumunition. Diese wird zum 1. August dieses Jahres rechtskräftig und trägt bislang die Unterschrift von 106 Staaten. Noch fehlen 89 Nationen, und jede Unterschrift zählt. Als Zeichen dafür, dass es noch viele Länder für die Konvention zu gewinnen gilt, wirft seit einigen Wochen ein Flugzeug über dem Gelände unseres Reflection Centers Bomben ab. Gott sei Dank sind es nur Styroporbomben. Die echten haben schon genügend Leid verursacht.