Kreuzweg

03. April 2010 geschrieben von Thomas Rigl

Karfreitag halb 10 in Siem Reap, Kambodscha. Eine bunte Schar von Menschen – Katholiken und Buddhisten – hat sich im Metta Karuna Reflection Center der Jesuiten zum Kreuzweg versammelt. Sr. Denise aus Australien, die verantwortliche Leiterin des Zentrums, Father Bernard aus Malaysia, der hier einige Tage der Entspannung sucht, zwei indische Schwestern aus Mutter Theresas Ordensgemeinschaft, vier junge Flüchtlinge aus Burma, die unter der Obhut des Jesuit Refugee Service stehen, zahlreiche kambodschanische Angestellte des Zentrums, und ein Freiwilliger aus Deutschland (das bin ich).

Es ist heiß, brütend heiß. Wie jeden Tag. Obwohl es noch früher Vormittag ist, hat das Thermometer längst die 30-Grad-Marke überschritten. Mein T-Shirt ist wieder einmal klatschnass. Auch Jesus habe geschwitzt auf seinem Leidensweg, bemerkt Sr. Denise mit einem Schmunzeln.

Wir stehen vor einer der Figurengruppen auf unserem Gelände. Sie erinnert uns an den gestrigen Abend: Jesus wäscht seinen Freunden die Füße. Hier in Kambodscha haben viele, zu viele Menschen nur einen Fuß – oder gar keinen. Sie sind Opfer eines grausamen Bürgerkriegs, der in den 1970er Jahren etwa ein Viertel der Bevölkerung des Landes hinwegraffte. 2 Millionen Todesopfer und ungezählte verletzte, traumatisierte Menschen sind die Bilanz des Terrorregimes der Khmer Rouge unter Pol Pot. Und der Schrecken nimmt kein Ende. Vor allem Kinder und Jugendliche sind es, die beim Spielen im Gelände mit den millionenfachen Hinterlassenschaften dieses Krieges grausame Bekanntschaft machen. Mit 17 sei er auf eine Mine getreten, erzählte mir erst vor zwei Tagen ein heute 22-Jähriger. Beide Beine vom Knie an abwärts und einen Arm hat er dabei verloren.

Kambodscha ist ein leidendes Land. Die Minenopfer sind der vielleicht augenfälligste Beweis dafür, sichtbar auch für die Scharen von Touristen, die sich in Siem Reap aufhalten. Die meisten von ihnen bleiben zwei bis drei Tage, besichtigen die zum Welterbe der UNESCO erklärten Tempelanlagen von Angkor und stürzen sich am Abend in das quirlige Nachtleben rund um die Pub Street. Kaum jemand von ihnen bekommt zu sehen, was sich nur gut eine halbe Autostunde von der Stadt entfernt in den Dörfern der Umgebung abspielt. Die Menschen leben in unvorstellbarer Armut. Viele Familien haben kaum das Nötigste zum Leben. Sauberes Wasser und ärztliche Versorgung sind Mangelware. Auf den Feuerstellen in den Küchen der einfachen Hütten köchelt Reis. Dazu gibt es etwas scharfe Soße, mehr nicht. Hier sei „the real Cambodia“, erklärte mir Srey Mom, unsere wirtschaftliche Koordinatorin, als sie mich vor zwei Wochen mit hinaus auf die Dörfer nahm, in denen der Jesuit Service Schulen errichtet hat. Auch das Gehalt der Lehrer wird vom Jesuit Service bezahlt: 35 Dollar im Monat.

Seit gut einem Monat lebe ich nun hier, inmitten zweier Welten. Touristenhochburg, Luxushotels, und ein nahezu unbegrenztes Warenangebot – selbst Nutella und Erdinger Weißbier sind zu haben – auf der einen, teils extreme Armut, Leid und Perspektivlosigkeit auf der anderen Seite. Ich habe viel zu lernen und zu verstehen, nicht nur die Sprache dieses Landes.

Karfreitag halb 10 in Siem Reap, Kambodscha. Reth, der Vorarbeiter unserer Behindertenwerkstatt, hat ein schlichtes Holzkreuz an seinem Rollstuhl befestigt und führt unsere Prozession an. Auch er hat keine Füße. Trotzdem ist er ein lebensfroher, immer zu Scherzen aufgelegter Mensch. Heute jedoch ist er sehr schweigsam. Es ist Kreuzweg.

Eine Antwort zu “Kreuzweg”

  1. Carl und Karin Ho. aus Regensburg sagt:

    Lieber Herr Dr. Rigl – ich schreib jetzt einfach mal: lieber Thomas,

    hier meldet sich der Arbeitskollege Deines Vaters, welcher auch mit Ende des Schuljahres in den Ruhestand geht. Hab Papa zum Geb. gratuliert und von ihm diese Adresse gekriegt.
    Erst mal unsere besondere Anerkennung für Deine Arbeit!! Wir haben zu dieser Gegend in Asien eine besondere Beziehung: eine langjährige Freundschaft zu einer vietnamesischen Familie. Heute waren wir mit den beiden Grundschulkindern im bayr. Wald zu einem Erlebnisausflug mit Bauernhof usw. Die Kinder haben mehr oder weniger bei uns deutsch gelernt.
    Der Kreuzweg hat ja selbst schon etwas die Seele berührendes an sich, im Zusammenhang mit den Minenopfern geht er noch mehr unter die Haut.
    Wir wünschen Dir eine gesegnete Zeit mit guten Begegnungen von Mensch zu Mensch, von Mensch zu Gott und von Gott zu Mensch.
    Eins ist sicher: Du wirst sehr viel anderes zurückkehren, als Du hier losgeflogen bist.

    Sehr herzliche Grüße aus der Heimat

    von

    Carl und Karin Ho.

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