Archiv für April 2010

Kingdom of Wonder

Donnerstag, 29. April 2010

Cambodia – Kingdom of Wonder, lautet ein vom Tourismusministerium des Landes ersonnener Slogan, um ausländische Gäste anzulocken. Jedenfalls schmücken nicht nur hier in Siem Reap entsprechende Plakate die größeren Ausfallstraßen. Seit einigen Jahren verzeichnet Kambodscha zur Freude der Verantwortlichen wachsende Besucherzahlen – derzeit sind es rund 2 Millionen im Jahr. Das mag beeindruckend klingen, nimmt sich aber doch bescheiden aus, vergleicht man es mit den etwa 15 Millionen im benachbarten Thailand oder den 10 Millionen im nur eineinhalb Flugstunden entfernten Stadtstaat Singapur. Und ganz nebenbei erwähnt: Meine Heimatstadt Regensburg allein zählt im Jahr ebenfalls zwei Millionen Gäste.

Kingdom of Wonder – Königreich des Wunders. So weit hergeholt ist dieser Slogan nicht. Beim Anblick der großartigen Tempelanlagen von Angkor kommt einem in der Tat leicht der Begriff „Wunder“ über die Lippen. Die mehr als 800 Jahre alten Sakralbauten vermitteln bis heute in beeindruckender Weise eine Ahnung von der vergangenen Größe des Khmer-Reiches. Das moderne Kambodscha freilich bringt Wunder ganz anderer Art hervor. So grenzt es für mich an ein solches, dass ich in den mittlerweile zwei Monaten meines Aufenthalts hier noch nie unmittelbar Zeuge eines Verkehrsunfalls geworden bin, starben doch allein über das dreitägige Neujahrsfest, das wie in Thailand, Laos und Burma Mitte April begangen wurde, bei 246 Zusammenstößen landesweit insgesamt 49 Menschen. Dem Vernehmen nach fordert der Straßenverkehr hier inzwischen mehr Opfer als die Tropenkrankheit Malaria. Ein echtes Wunder jedoch ist das letztlich nicht, denn kambodschanische Verkehrsteilnehmer, in der Mehrzahl auf motorisierten Zweirädern unterwegs, kennen offenbar nur eine Devise: Aus der Bahn, hier komme ich! Wer aus einer Seitenstraße oder Hofeinfahrt in die Hauptstraße einbiegen will, tut es einfach, egal ob die Straße frei ist oder nicht. Das gilt für Rechts- wie für Linksabbieger. Der Querverkehr wird da schon mal zum Bremsen oder Ausweichen gezwungen. Linksabbieger praktizieren dabei gerne eine Methode der besonderen Art: Man fahre nach dem Abbiegen erst einmal am linken Straßenrand weiter, um sich dann allmählich tangential der rechten Fahrbahn anzunähern, Blockaden des Gegenverkehrs nicht ausgeschlossen. Dass für hiesige Verkehrsteilnehmer rote Ampeln allenfalls eine Empfehlung zum Halten und Rückspiegel reine Dekoration sind, bedarf eigentlich ebenso wenig der Erwähnung wie die ungewöhnlichen Transportmethoden, die auch dem abgebrühtesten deutschen Polizeibeamten den Angstschweiß auf die Stirn treiben würden. Regeln gibt es auf Kambodschas Straßen offenbar nicht – mit einer Ausnahme: Es zählt das Recht des Stärkeren. Glücklich, wer am Steuer eines Geländewagens der Luxusmarke Lexus sitzt, Pech für alle jene, die auf ein Fahrrad angewiesen sind…

Für an deutsche Verhältnisse Gewöhnte völlig unbegreiflich ist aber noch ein Weiteres: Der kambodschanische Rad-, Moped- oder Autofahrer (Frauen eingeschlossen) erträgt alle noch so waghalsigen Manöver seiner Rivalen auf der Straße grundsätzlich mit völliger Gelassenheit, und das selbst dann, wenn er nur durch eine Vollbremsung mit quietschenden Reifen einen Unfall verhindern kann. Und eilig hat es hier ohnehin kaum jemand. Den meisten Radfahrern könnte man problemlos während der Fahrt den Reifen flicken und selbst Autofahrer scheinen oft nicht zu wissen, wo in ihrem Fahrzeug sich das Gaspedal befindet. Das Leben in Kambodscha geht einen anderen Gang. Man kann sich oft nur wundern im Königreich des Wunders.

Lichter und Ventilatoren werden mit Solar-energie betrieben.

Freitag, 16. April 2010

Ereignisse sind erfahrungsgemaess relativ kurzlebig; wahrscheinlich haben die meisten von Euch/Ihnen beispielsweise die Ostertage bereits wieder „abgelegt“. Das ist bei uns nicht anders, dennoch koennen wir dank unseres Berichtes manche Anlaesse nochmals ins Gedaechtnis zurueckholen und eines 2. Blickes wuerdigen. Rundbrief 8

Das Päckchen

Mittwoch, 14. April 2010

Gluecklich in Nairobi gelandeter Goldhase

Gluecklich in Nairobi gelandeter Goldhase

Ein Päckchen zu bekommen ist immer eine große Freude. Vor einigen Tagen fand ich einen kleinen gelben Wisch in meinem Fach im Büro, auf dem stand, dass in der Paketabteilung der Post im Stadtzentrum von Nairobi ein Päckchen auf mich wartet. Die dunklen Erinnerungen von vor einem Jahr, als ich im März das erste Mal diese Abteilung aufsuchte, um mein Weihnachtspäckchen abzuholen schiebe ich zur Seite und mache mich an einem heissen Nachmittag auf den Weg in die Stadt. Eine von Abgasen umwehte Fußgängerbrücke führt über die stark befahrene Haile Selassie Avenue hinüber zu einem verkommenen Kastenförmigen Gebäude, auf dem in verblichener Schrift „City square Posta“ steht. Vorbei an Menschenschlangen bahne ich mir den Weg zum Treppenhaus, und steige hinauf, bis ein altes Pappschild darauf verweist, dass es links zur Paketabholung geht. Einige Treppen führen hinunter in einen großen Saal, der von einem unendlich langen rechteckigen Tresen bestimmt ist. Hinter Gittern, die bis unter die Decke reichen, stapeln sich in meterhohen Regalen sperrige Briefe, Päckchen und Pakete. Ich frage mich, mit welchem System diese Unmengen von Post beherrscht werden.

Im ganzen Raum befinden sich etwa 30 Menschen, davon drängen sich die meisten in der rechten Ecke, der Rest des Raumes wirkt leer. Ich gehe auf eine korpulente Dame zu, die auf einem erhöhten Hocker wie eine Königin hinter dem Tresen thront. Sie wirft einen Blick auf meinen Ausweis und reicht den gelben Wisch ihrer viel kleineren und dünneren Kollegin, die damit hinter einem Gittertor zwischen den Regalen verschwindet. Ich warte. Eine der drei Weissen, die sich im Raum befinden, eine junge Dame, bricht am Telefon, an einem Fenster hinter meinem Rücken in Tränen aus. „Nein, mir geht es gut,“ schluchzt sie. „Sie geben es nicht heraus, ich weiß nicht was ich noch machen soll…“. Nach kurzer Zeit werde ich 2m weiter nach links geschickt, wo mir mein Päckchen überreicht wird. Vorfreude. Ich werde noch ein Stück weiter geschickt, in die Menschenansammlung in der rechten Ecke. Ich werfe einen Blick auf die Dame neben mir, auf ihrem Gesicht stehen Schweissperlen. Man reicht mir ein langes Küchenmesser mit der Anweisung das Päckchen zu öffnen. Eine liebe Freundin hat mir einen Lindt Goldhasen mit Schokopralinen geschickt, zu Ostern, dazu einen Brief. Neben mir packt ein junger Kenianer sämtliche Elektroaccessoires in ein braunes Täschchen, das er verbissen zurück in einen kleinen Pappkarton zu zwängen versucht. Der zweite Weisse im Raum, ein junger Mann in einem staubigen Motorrad Outfit, hat sich inzwischen von der Menschenansammlung an die nächste Station weiter links bewegt. Sein Gesicht spiegelt eine Mischung von Verzweiflung und Amüsement. „Aber ist es denn so kompliziert, in Afrika ein Päckchen abzuholen?“ fragt er mit ungläubiger Stimme die Dame, die ihn bedient. Mir gegenüber hinter dem Tresen sitzt ein mürrischer, gelangweilter Mann. Ich warte. „Just chocolates,“ sage ich, als ich an die Reihe komme und erlaube mir ihn darauf hinzuweisen, dass er den Hasen lieber ungeöffnet lässt, weil ich in Gedanken schon die kostbaren Pralinen über den dreckigen Tresen purzeln sehe. Er beäugt den Hasen argwöhnisch und fängt an auf den gelben Wisch zu schreiben. Ob ich ihm den Wert des Inhalts sagen könnte, schnaubt er mich an. Nein, es ist ein Geschenk, woher soll ich wissen, wieviel es gekostet hat. Ich stelle mich stur. Und warte. Ermahne mich zur Geduld. Aber ich könnte es doch schätzen. Nein, kann ich nicht. Es ist ein Geschenk. Ich wittere sein Verlangen, mich für die Osterschokolade Zoll zahlen zu lassen. Sichtlich unzufrieden, kritzelt er weiter. Aber bevor ich den gelben Wisch wieder bekomme, muss ich mir 3m weiter Paketband holen, mein Päckchen versiegeln – und es wieder abgeben. Dann schickt er mich quer durch den Raum an einen vergitterten Tresen, über dem „cashier“ steht. Eine gelangweilte Dame streckt ihren Arm nach meinem gelben Wisch aus. Stempelt, stempelt noch mal, reicht ihn mir durchs Gitter. Ich trage ihn wieder  an die Stelle, wo ich mein Päckchen zurücklassen musste. Der mürrische Kritzler schnaubt gerade einen älteren Kenianer an, vor dem ein neuer Fliespulli liegt. „Niemals hat der 20 Dollar gekostet, das ist viel zu viel, sie lügen,“ ruft er. Der Empfänger sagt nichts, sichtlich ratlos. Man schickt mich 3m weiter nach links. Wieder muss ich meinen Ausweis zeigen und außerdem 70 Schilling (0,70 Euro) zahlen – keine Ahnung wofür. Ich bekomme eine Quittung, der gelbe Wisch wird einbehalten. Ich frage die Dame, wer sich diese Prozedur ausgedacht hat. Sie faselt etwas von zwei Firmen im gleichen Haus. Wir müssen beide lachen. „Wer in Afrika viel fragt, geht viel in die Irre,“ schreibt Bartholomäus Grill in seinem Buch „Ach, Afrika.“ Ich schiebe mich 2m nach rechts, wo ich endlich mein Päckchen zurückbekomme. Als ich damit erleichtert den Raum verlassen will werde ich von einem Mann, der nahe der Treppe hinter dem Tresen steht, zurückgerufen. Die weiße Quittung will er sehen, und meinen Ausweis. Er schreibt alles in ein großes Buch. Ich darf gehen. Ich kann es kaum glauben. Mein letzter Blick zurück in den Raum fällt auf den weissen Motorradfahrer, der noch immer an der gleichen Stelle steht und mir ungläubig nachschaut. Glücklich und stolz verlasse ich mit meinem Goldhasen das Gebäude.

© 2010 Angelika Mendes

Neuigkeiten aus Tansania…

Dienstag, 06. April 2010

Eins schon mal vorweg, diese Rundmail wird wahrscheinlich ein bisschen anders als ihre Vorgaenger. Diesen Monat   kamen sowohl traurige Ereignisse als auch die geballte Power tansanischer Korruption zusammen…
Trauriges gibt es aus dem CHESHIRE HOME: Eines der Kinder, der kleine Lubuva, starb Anfang des Monats im benachbarten Krankenhaus. Zu der diagnostizierten Malaria kamen Schwellungen an den Fuessen und am Hals, die niemand einzuordnen wusste oder die richtige Medizin fand.  rundmail 4

Kreuzweg

Samstag, 03. April 2010

Karfreitag halb 10 in Siem Reap, Kambodscha. Eine bunte Schar von Menschen – Katholiken und Buddhisten – hat sich im Metta Karuna Reflection Center der Jesuiten zum Kreuzweg versammelt. Sr. Denise aus Australien, die verantwortliche Leiterin des Zentrums, Father Bernard aus Malaysia, der hier einige Tage der Entspannung sucht, zwei indische Schwestern aus Mutter Theresas Ordensgemeinschaft, vier junge Flüchtlinge aus Burma, die unter der Obhut des Jesuit Refugee Service stehen, zahlreiche kambodschanische Angestellte des Zentrums, und ein Freiwilliger aus Deutschland (das bin ich).

Es ist heiß, brütend heiß. Wie jeden Tag. Obwohl es noch früher Vormittag ist, hat das Thermometer längst die 30-Grad-Marke überschritten. Mein T-Shirt ist wieder einmal klatschnass. Auch Jesus habe geschwitzt auf seinem Leidensweg, bemerkt Sr. Denise mit einem Schmunzeln.

Wir stehen vor einer der Figurengruppen auf unserem Gelände. Sie erinnert uns an den gestrigen Abend: Jesus wäscht seinen Freunden die Füße. Hier in Kambodscha haben viele, zu viele Menschen nur einen Fuß – oder gar keinen. Sie sind Opfer eines grausamen Bürgerkriegs, der in den 1970er Jahren etwa ein Viertel der Bevölkerung des Landes hinwegraffte. 2 Millionen Todesopfer und ungezählte verletzte, traumatisierte Menschen sind die Bilanz des Terrorregimes der Khmer Rouge unter Pol Pot. Und der Schrecken nimmt kein Ende. Vor allem Kinder und Jugendliche sind es, die beim Spielen im Gelände mit den millionenfachen Hinterlassenschaften dieses Krieges grausame Bekanntschaft machen. Mit 17 sei er auf eine Mine getreten, erzählte mir erst vor zwei Tagen ein heute 22-Jähriger. Beide Beine vom Knie an abwärts und einen Arm hat er dabei verloren.

Kambodscha ist ein leidendes Land. Die Minenopfer sind der vielleicht augenfälligste Beweis dafür, sichtbar auch für die Scharen von Touristen, die sich in Siem Reap aufhalten. Die meisten von ihnen bleiben zwei bis drei Tage, besichtigen die zum Welterbe der UNESCO erklärten Tempelanlagen von Angkor und stürzen sich am Abend in das quirlige Nachtleben rund um die Pub Street. Kaum jemand von ihnen bekommt zu sehen, was sich nur gut eine halbe Autostunde von der Stadt entfernt in den Dörfern der Umgebung abspielt. Die Menschen leben in unvorstellbarer Armut. Viele Familien haben kaum das Nötigste zum Leben. Sauberes Wasser und ärztliche Versorgung sind Mangelware. Auf den Feuerstellen in den Küchen der einfachen Hütten köchelt Reis. Dazu gibt es etwas scharfe Soße, mehr nicht. Hier sei „the real Cambodia“, erklärte mir Srey Mom, unsere wirtschaftliche Koordinatorin, als sie mich vor zwei Wochen mit hinaus auf die Dörfer nahm, in denen der Jesuit Service Schulen errichtet hat. Auch das Gehalt der Lehrer wird vom Jesuit Service bezahlt: 35 Dollar im Monat.

Seit gut einem Monat lebe ich nun hier, inmitten zweier Welten. Touristenhochburg, Luxushotels, und ein nahezu unbegrenztes Warenangebot – selbst Nutella und Erdinger Weißbier sind zu haben – auf der einen, teils extreme Armut, Leid und Perspektivlosigkeit auf der anderen Seite. Ich habe viel zu lernen und zu verstehen, nicht nur die Sprache dieses Landes.

Karfreitag halb 10 in Siem Reap, Kambodscha. Reth, der Vorarbeiter unserer Behindertenwerkstatt, hat ein schlichtes Holzkreuz an seinem Rollstuhl befestigt und führt unsere Prozession an. Auch er hat keine Füße. Trotzdem ist er ein lebensfroher, immer zu Scherzen aufgelegter Mensch. Heute jedoch ist er sehr schweigsam. Es ist Kreuzweg.