Archiv für März 2010

Wo viel Sonne scheint gibt es auch Schatten

Mittwoch, 24. März 2010

Der dritte Monat meiner Zeit in Paraguay geht zu Ende. Die Karwoche und Ostern werden natuerlich auch hier gefeiert. Ich hab mir gedacht, diese “Schattenseiten” des Lebens passen in diese Tage hinein. Die Balance zwischen den Extremen, Chaos und Ordnung, Tag und Nacht, Tod und Auferstehung.

In den Tagen der Karwoche wird in vielen Kirchen der Kreuzweg gebetet. Ich habe das Gefuehl, dass ein Teil dieses Kreuzweges sich hier im realen Leben wiederspiegelt. Am Sonntag wollte ich endlich wieder eine Orgel hoeren (in Paraguay gibt es nur eine Orgel) und bin mit dem Bus nach Asuncion gefahren. In Luque sagte mir eine Frau am Kirchenstand, dass in der Iglesia de la Catedral um 8.oo Uhr Messe sei. Doch die Kirchentueren sind verschlossen, fast kein Mensch befindet sich auf den Strassen. Einige Kinder mit Eltern vom Slumgebiet sammeln leere Plastikflaschen. Beim Rundgang um die Kirche liegt direkt an der Kirchenwand (Nordseite) ein Mensch im gruenen Leinentuch. Ich frag mich bis heute, abgelegt oder schlafend?

Das ist fuer mich Karwoche.

Bereits nach etwa 100 Meter neben der Kirche liegt ein Teil des Slums (el barrio de chabolas). Dahinter Gruenflaeche und Sumpf mit den Krokodilen und dann der grosse Rio Paraguay, der von Brasilien, durch Py nach Argentinien fuehrt.

Das ist fuer mich Karwoche.

Der Mann vor der blauen Tuer “wohnt” hier. Die blaue Doppeltuer ist stets verschlossen. Der Mann ist sehr alt, ich kenn nur sein Gesicht, seine dunklen Backenknochen und seinen Bart. Wenn ich das Bild laenger betrachte, wird aus dem Kuebel die Sanduhr seines Lebens. Schlaeft dieser Mann vielleicht dicht an seiner persoenlichen “Himmelstuer”?

Das ist fuer mich Karwoche.

Wie alt mag der Junge sein? Ist er erschoepft vom Plastik sammeln?  Kennt er ein Bett? Kennt er seinen Vater? Wieviele Geschwister hat er? Geht er in die Schule oder muss er an sieben Tagen an den Ampeln im Strassenverkehr die Autoscheiben putzen?

Das ist fuer mich Karwoche.

Heute ist Sonntag. Muessen die Kinder auch an den Wochentagen hier arbeiten? Viele! Sehr viele! Zu viele!
Das Geld, die Muenzen gehen vom Maedchen zum Jungen, dann mit Sicherheit an die Eltern. Wieviel fuer Bier? Waisenkinder (los huerfanos) haben die Moeglichkeit auf ein “SOS Kinderdorf”.

Das ist fuer mich Karwoche.

Das traurige fuer mich ist, dass diese fuenf Bilder vom Sonntag Vormittag nicht von einem Jahr sind, sondern der Zeitabschnitt von zwei Stunden sind. Aus Wuerde zu den Menschen, kann ich vieles nicht aufnehmen. Ich mein, das muss da bleiben, wo das Leben heute geschieht!

Auch wenn es nicht selten recht anstrengend ist, bin ich dankbar diese Erfahrungen zu machen.

Moliere: “Wir sind nicht nur fuer das verantwortlich, was wir tun, sondern auch fuer das, was wir nicht tun.”

Mit dem letzten Bild, die “Gitarren Kinder” vom Musikfestival in Ayolas, von “Sonidos de la Tierra” moechte ich mich fuer heute verabschieden.

Con un cordial saludo
Hermann

…neben Musikunterricht auch Kunstunterricht.

Dienstag, 16. März 2010
heute schreibe ich nicht wie sonst aus Limuru sondern von “unterwegs”. Ich befinde mich gerade auf der Durchreise durch Tansania mit dem Ziel Malawi. Am Samstag bin ich gerade erst aus einem Kurzurlaub mit meiner Schwester zurückgekommen und musste nun schon wieder los. Unerwartet. Zwangsweise. Der Grund dafür ist, dass ich 6.Rundbrief
 
 
 
 
 
 

 

Ein Tag mit 28 Stunden

Mittwoch, 10. März 2010

Mein letzter Abend in Deutschland war die Silvesternacht und ich muss zugeben,  dass ich mit den Gedanken bereits unterwegs war. Fuer ein Jahr Abschied zu nehmen von der Familie und den Freunden ist eine Huerde. Nun hab ich auch das Loslassen gelernt, ein Freiwilliges.

Um  6.55   Uhr geht es von Muenchen über Paris,   Sao Paulo nach Asuncion. Die reine Flugzeit dauert  ca. 15 Stunden. Gerade in diesem “schwerelosen, luftleeren Raum”  auf 12.000   Meter Höhe bleibt Zeit, den Gedanken freien Lauf zu lassen. Ich weiss nicht wer mir den Mut für dieses Vorhaben gegeben hat. Ich weiss auch nicht wohin Gott mich fuehrt, aber ich weiss, dass er mich führt.  In meinem Koffer ist ein kleiner Kalender, kein einziger Termin ist dort zu finden. Bisher waren fast pausenlos Termine, Vorhaben, Verpflichtungen zu erfuellen. Ein ganz normales Leben,  eingebunden,  festgefahren und angepasst.  Die neue Situation, nicht zu wissen was morgen kommt führt zu diesem schwer zu beschreibenden “Schwebezustand”.

Wir fliegen den ganzen Tag und die halbe Nacht mit der Sonne, somit wächst der  1. Januar auf 28  Stunden.   Jacke und Pullover ist natürlich in Sao Paulo völlig ueberflüssig. Noch weiss ich nicht, dass es in und um Asuncion von Okt. bis März durchschnittlich 25 bis 38 Grad hat (April bis Mai und im Sep. 20 bis 26 ; Juni bis Aug. 12 bis 26 Grad). Die Hauser haben keine Heizung. Ich hab geahnt, dass das Leben und die Menschen hier anders sind, doch dass es  “so sehr anders”  ist, damit habe ich nicht gerechnet. Da hab ich gestaunt, sogar der Schatten der Sonne wandert nicht nach rechts, sondern nach links. In Paris und Sao Paulo geht mein Handy (celular) noch,  doch in Paraguay…..silencio. Sim und Chip Karte vertragen sich nicht.Ich kauf ein neues celular, benötige dafuer eine Kopie vom Pass, mit Angabe des Wohnsitzes, Aufenthaltsdauer, Ankunftsdatum, usw. Der Handy Laden “tigo” wird bewacht von einem privaten Sicherheitsdienst mit kugelsicherer Weste. Schön, nun spricht auch mein celular español mit mir. Mitte Dezember werde ich es verschenken, wie auch meine zweite Trompete, die ich mit dabei habe.

ANGEKOMMEN

Ich wohne in Luque ca. 15 km östlich von Asuncion im Sanatorio Internacional. Vor 21 Jahren hat das Ärzte-Ehepaar Cabrejo (aus Peru) das Sanatorio aufgebaut. Wenn der Ventilator in meinem Zimmer nicht läuft, hoer ich manchmal das Babygeschrei eines Neugeborenen. Die “Doctora” foerdert die Musik sehr und so stehen einige Zimmer im Altbau für Musikunterricht zur Verfuegung. (möglicherweise werden so einige Patienten schneller gesund). Wir sind sieben Musiklehrer und bilden so eine Art kleine Musikschule von  “Sonidos de la Tierra”   (für dieses Projekt arbeite ich). Orchester und größere  Chorproben sind auf der anderen Strassenseite in einer  nicht fertiggestellten” Farmacia” im 1. Stock. Also in einem Beton-Rohbau, das ist schon sehr, sehr einfach. Es gibt Licht, ein Ventilator und ein extra gebautes WC. Einige Fenster fehlen noch, doch dafür zieht etwas Wind durch, da hat es im Moment 30 Grad. Das Treppenhaus ist mit Brettern abgesichert, dass die Kinder und die Jugend nicht abstürzt.

Luque hat 320.000 Einwohner. Hier gibt es keine Postkarten, keinen Bücherladen, keinen Stadtplan, kein Hotel, keine Fussgänger-Ampeln und  keinen Fasching. Die Menschen leben, arbeiten und wohnen hier. Du findest unzählige Celular Geschaefte, Imbissbuden, (auch wenns nur 5 Semmeln und 3 Cola sind) einfache Kleidung und Schuhe, offenes Obst, Telefonkabinen, Friseure (bald werde ich einen besuchen), Western Union (Geldwechsel), private Eisverkäufer von der Wohnung aus usw.  Das Leben pulsiert,  die Armut ist an jeder Strassenecke zu sehen, doch die Menschen sind froh, freundlich und sehr hilfsbereit (sie haben die  Zeit- und  “wir die Uhren”).

Hier scheint im Jahr an 300Tagen die Sonne! Wer von euch vielleicht auswandern moechte hat in Paraguay folgende Vorteile:

  • Niedrige Lebenshaltungskosten
  • Minimale Steuerabgaben für Selbststaendige
  • Keine Steuern fuer Arbeitnehmer
  • Keine Erbschaftssteuer
  • Keine Hundesteuer
  • Keine Muell-, Abwasser-, Fernseh- und sonstige Gebuehren
  • Keine Bauvorschriften
  • Keine Fuehrerscheinpruefung
  • Freie Berufs- und Firmenwahl
  • Kein Qualifizierungsnachweis,  um einen Gewerbebetrieb zu eroeffnen
  • Freier Waffenbesitz

Diese Vorteile haben natuerlich ihren Preis, ihre Konsequenz und ihre Auswirkungen. Doch noch moechte ich mich weiterhin an den Gedanken aus Tansania halten:

“Wer andere besucht, soll die Augen öffnen nichtden Mund.”

An dieser Stelle danke ich allen die das Projekt   “Sonidos de la Tierra” und meine Arbeit hier im Land finanziell unterstuetzen.

Nun wünsche ich euch allen, dass der Winter leichter wird und  der Frühling viele Blumen bringt.  (Bitte keine Fotos mit den E-Mails senden,  da bekomm ich trotz 9 Jahren Internatszeit so leicht Heimweh.)

Besos y abrazos

Hermann

Ich beschloss: Ein halbes Jahr länger in Indien und an meiner Schule zu bleiben

Mittwoch, 10. März 2010
jetzt ist die Schreibpause doch ein wenig laenger geworden und es ist schon nicht mehr Januar. Aber es ist ja trotzdem erst Februar und deshalb wuensche ich Euch und Ihnen allen noch ein schones neues Jahr. Hier sind nun ein paar neue Eindruecke aus Indien. Nun, nicht ganz… denn genau genommen schreibe ich heute aus Nepal. 
 
 

Das einzige Problem war mein auslaufendes Visum. Nachdem eine Verlaengerung in Indien nicht funktionierte, musste ich das Land verlassen. Die erste “Visumsreise” fuehrte mich im November nach Sri Lanka. Was soll ich sagen? Ein ganz und gar malerisches Land und eigentlich rundherum bezaubernd! Neues aus Indien – Februar 2010
 
 
 

 

Grüße aus Limuru!

Dienstag, 09. März 2010
es ist wieder Zeit zu berichten. Aber wo anfangen? Vieles liegt aus den letzten Tagen oben auf: eines unserer kleinen Babys aus dem Halfwayhouse ist vor vier Tagen im Krankenhaus gestorben und keiner weiß warum. 5.Rundbrief 2010