Der dritte Monat meiner Zeit in Paraguay geht zu Ende. Die Karwoche und Ostern werden natuerlich auch hier gefeiert. Ich hab mir gedacht, diese “Schattenseiten” des Lebens passen in diese Tage hinein. Die Balance zwischen den Extremen, Chaos und Ordnung, Tag und Nacht, Tod und Auferstehung.
In den Tagen der Karwoche wird in vielen Kirchen der Kreuzweg gebetet. Ich habe das Gefuehl, dass ein Teil dieses Kreuzweges sich hier im realen Leben wiederspiegelt. Am Sonntag wollte ich endlich wieder eine Orgel hoeren (in Paraguay gibt es nur eine Orgel) und bin mit dem Bus nach Asuncion gefahren. In Luque sagte mir eine Frau am Kirchenstand, dass in der Iglesia de la Catedral um 8.oo Uhr Messe sei. Doch die Kirchentueren sind verschlossen, fast kein Mensch befindet sich auf den Strassen. Einige Kinder mit Eltern vom Slumgebiet sammeln leere Plastikflaschen. Beim Rundgang um die Kirche liegt direkt an der Kirchenwand (Nordseite) ein Mensch im gruenen Leinentuch. Ich frag mich bis heute, abgelegt oder schlafend?
Das ist fuer mich Karwoche.
Bereits nach etwa 100 Meter neben der Kirche liegt ein Teil des Slums (el barrio de chabolas). Dahinter Gruenflaeche und Sumpf mit den Krokodilen und dann der grosse Rio Paraguay, der von Brasilien, durch Py nach Argentinien fuehrt.
Das ist fuer mich Karwoche.
Der Mann vor der blauen Tuer “wohnt” hier. Die blaue Doppeltuer ist stets verschlossen. Der Mann ist sehr alt, ich kenn nur sein Gesicht, seine dunklen Backenknochen und seinen Bart. Wenn ich das Bild laenger betrachte, wird aus dem Kuebel die Sanduhr seines Lebens. Schlaeft dieser Mann vielleicht dicht an seiner persoenlichen “Himmelstuer”?
Das ist fuer mich Karwoche.
Wie alt mag der Junge sein? Ist er erschoepft vom Plastik sammeln? Kennt er ein Bett? Kennt er seinen Vater? Wieviele Geschwister hat er? Geht er in die Schule oder muss er an sieben Tagen an den Ampeln im Strassenverkehr die Autoscheiben putzen?
Das ist fuer mich Karwoche.
Heute ist Sonntag. Muessen die Kinder auch an den Wochentagen hier arbeiten? Viele! Sehr viele! Zu viele!
Das Geld, die Muenzen gehen vom Maedchen zum Jungen, dann mit Sicherheit an die Eltern. Wieviel fuer Bier? Waisenkinder (los huerfanos) haben die Moeglichkeit auf ein “SOS Kinderdorf”.
Das ist fuer mich Karwoche.
Das traurige fuer mich ist, dass diese fuenf Bilder vom Sonntag Vormittag nicht von einem Jahr sind, sondern der Zeitabschnitt von zwei Stunden sind. Aus Wuerde zu den Menschen, kann ich vieles nicht aufnehmen. Ich mein, das muss da bleiben, wo das Leben heute geschieht!
Auch wenn es nicht selten recht anstrengend ist, bin ich dankbar diese Erfahrungen zu machen.
Moliere: “Wir sind nicht nur fuer das verantwortlich, was wir tun, sondern auch fuer das, was wir nicht tun.”
Mit dem letzten Bild, die “Gitarren Kinder” vom Musikfestival in Ayolas, von “Sonidos de la Tierra” moechte ich mich fuer heute verabschieden.
Con un cordial saludo
Hermann











